Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 70 (1906)
- Issue
- Heft 17 (27.4.1906)
- Date
- 1906-04-27
- Page
- Seite 2 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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derartige Kommission zu finden, welche imstande seien, aus die Rabbiner einen Einfluß zu gewinnen. Prof. Geiger hält die alsbaldige Wahl neuer Rabbiner für erforderlich und bewundert die Langmut unserer Gemeindemitglieder, die sich den unhaltbaren Zustand gefallen lassen, daß allwöchentlich nur in einer..oder zwei Synagogen gepredigt werde. Recht wünschenswert würde es sein, wenn bei der Neuwahl der Weg der Gastpredigten vermieden werden könnte;)wenn dieses Schauspiel vermieden würde, so^würde^damit nicht nur beu Mitgliedern der Wahlkommission, sondern auch dem Judentum ein Dienst erwiesen werden. Die Wahl eines Rabbiners sei viel verantwortungsvoller als die eines Predigers und müsse von langer Hand vorbereitet werden. Für die Synagoge in der Fasanenstraße werde die Frage betreffs der Verteilung der Rabbiner wieder akut werden, und es müsse jedenfalls dafür gesorgt werden, daß die dort amtierenden Funktionäre in der Nähe der Synagoge wohnen, da sie nach langem Fußweg gar nicht körperlich in der Lage sein können, ihre Obliegenheiten zu erfüllen. Der Mindensche Vorschlag habe nicht seinen Beifall, denn derartige Konferenzen würden sich doch zu einer Art Inquisttionsgericht gestalten. Eine Kenntnis dessen, was in den Synagogen vorgehe, sei allerdings sehr erwünscht, und deshalb rege er an, die Synagogenvorstände aufzufordern, halbjährlich einen Bericht — keine Kritik! — über die in ihren Synagogen gehaltenen Predigten zu geben und diese Berichte beim Gemeindevorstand und den Repräsentanten zirkulieren zu lassen. Herr Weinberg hält trotz der gemachten Einwendungen die Anstellung von jungen Predigern nicht für richtig. Werde ein solcher Prediger später für ungeeignet befunden und hier entlassen, so werde er wohl kaum anderwärts Anstellung finden; zudem werde selbst ein nicht zusagender Prediger schon aus Mitleid nicht aus seinem Amte entlassen werden. In den vereinigten Synagogenvorständen, welche nach der Anregung Geigers nunmehr zu Berichten aufgefordert werden sollen, sei es sehr mißfällig bemerkt worden, daß sie nicht vor der Anstellung von Funktionären um Erstattung eines Gutachtens ersucht werden. Gemeindesyndikus Iustizrat Lilienthal hält es im Interesse der Gemeindeverwaltung für unmöglich, die Zahl der Rabbiner ins Ungemessene zu vermehren und bittet, den Antrag des Vorstandes anzunehmen. Schon jetzt bestehe ein großer Uebelstand darin, bei der Anstellung eines netten Kantors die Gutachten aller sieben Rabbiner einholen zu müssen. Wenn die Anregungen Mindens und Geigers unwidersprochen blieben, so würde das eine hervorragende Erschwerung bedeuten, einen neuen geeigneten Rabbiner zu finden. Die Synagogenvorstände feien reine Verwaltungsinstanzen, welche beit Gottesdienst überwachen sollen, deren Aufsicht aber nicht die Rabbiner unterstellt seien. Die Anregung Mindens führe ohne Zweifel zu einer Beschränkung der Freiheit der Kanzel, und wir sollten stolz darauf fein, daß wir uns diese Kanzelfreiheit bewahrt hätten. Von seinem Rechte, den Rabbinern in geeigneten Fällen Vorhaltungen zu machen, werde der Gemeindevorstand auch fernerhin Gebrauch machen. Prof. Blaschke vermag sich nicht theoretisch zu entscheiden, ob man nur. Rabbiner oder nicht auch daneben Prediger anstellen sollte. Er könne es nicht unzweckmäßig erachten, eine jüngere Krast anzustellen und deren Entwicklung erst abzuwarten. Die besten Rabbiner seien diejenigen, die mit ihrer Gemeinde groß würden. Nm den Inhalt der Predigten einem größeren Kreise urteilsfähiger Personen zur Kenntnis zu bringen, könne vielleicht erwogen werden, die eine oder andere Predigt als Sonderdruck herauszugeben oder in den Zeitschriften zu veröffentlichen. Rechtsanwalt Dr. Cohn ist der Ansicht, daß die Anstellung eines jungen Predigers sich sehr Wohl empfehle; auch unter den jüngeren Herren gebe es viele geeignete Personen, die sich mit der Zeit entwickeln. Von den älteren Rabbinern werde übrigens auch keine Degradierung darin gefunden, wenn sie in Berlin eine Anstellung als Prediger erhalten. Tie von Minden und Geiger gegebenen Anregungen seien absolut nicht durchführbar. Die Kontrolle erscheine auch als recht zweifelhafter Art, da bei divergenten Ansichten zwischen Geistlichen und Gemeindevertretern niemals eine Einigkeit sich herbeiführen lasse. Nach Annahme eines Schlußantrages, welcher von Herrn Hans Friedländer befürwortet und welchem von Herrn Weinberg widersprochen wird, gelangt der Antrag des Geme.indevvrstandes einstimmig zur Annahme. Durch Akklamation werden die bereits genannten bisherigen Mitglieder der Rabbiuer- Wahlkomm lsion wiedergewähtt. Mit der Entsendung bei Herrn Heikbrun in den Vorstand der Synagoge Kaiserstraße und des Herrn Siegfried Neumann in die Kommission für die festgottesdienstlichen und die musikalischen Angelegenheiten schließt die öffentliche Sitzung, der eine kurze geheime Sitzung folgt. 8. Berlin, 17. April. In der Resormgenteinde fand am 15. d. M. die übliche Konsirmationsfeier statt. Wir müssen, es wiederholen, daß sie in Liturgie und Agende* durch die Jahrzehnte sich zu einer mustergültigen Form ausgereist hat. Es wurden 17 Mädchen und 18 Knaben eingeseguet. Das einleitende Gebet sprach Hanni Salinger, das Religionsbekenntnis Ernot Schäfer. Die Feier leitete Prediger Dr. Levin. der seiner Festrede in Beantwortung der Frage: An welchem Satze hängen-die Hauptlehren der Thora? (Berachath 63a) den Spruch zugrunde legte: „Auf alten deinen Wegen erkenne ihn, und er wird ebnen deine Pfade" (Spr. 3, 6) Jn.^den Mittelpunkt der Religion stellte der Prediger das Zehnwort, das auch den Inhalt der Schema auspräge; durch Wahrheit, Gerechtigkeit und Liebe lege man Zeugnis ab von der Gotteserkenntnis. Israel werde Jeschurun genannt, das gerade Volk, wenn es auf den von Gott geebneten Pfaden wandelt, aber den Namen' büßt es ein, wenn es seinen Schöpfer verläßt, um persönliche Interessen zu befriedigen. In Jeschurun will Gott König sein, es hat nicht bloß einen Glauben, es steht zu Gott in einem Bundesverhättnis; sein Glaubenswechsel wäre stets eine Zerstörung des Bundes. Die Rede, gleich vollendet in dem Inhalt wie in der Form, machte auf alle Zuhörer einen tiefen Eindruck. Tie Konfirmationsfeier, in der sich das Wesen der Reformgemeinde am deutlichsten ausspricht, machte auch auf die ihr Fernstehenden einen ergreifenden Eindruck. Den Konfirnlanden selbst loitb sie sicher in unauslöschlicher Erinnerung sortleben. §2 Berlin. 22. April. Vom Hilfsverein der deutschen Juden erhalten wir folgende Mitteilung: In einer Konferenz, die in Dover stattgefunden hat und an der seitens des Zentralberichtsbureaus und des Hilssvereins der deutschelt Juden Herr Dr. Paul Nathan (Berlin), seitens des Russiau Jewish Eomittee Herr N. S. Joseph (London) und seitens der verschiedenen interllationalen Organisationen Herr D. Feinberg (Petersburg) teilnahmen, wurden die endgültigen Beschlüsse über die Entschädigung der durch die Hetzen heimgesuchten Juden in Rußland gefaßt. Gleichzeitig wurden dort die Bestimmungen über die Versorgung der Waisenkinder, der Witwen und der Krüppel und der erwerbsunfähig Gewordenen festgesetzt. Nachdem die Vorschläge von dem Nussian Jewish Eomittee genehmigt worden sind, ist die Hilfsaktion in bezug ans Rußland als abgeschlossen zu betrachten. LZ Berlin, 20. April. Die „Gesellschaft der Freunde" veröffentlicht ihren Jahresbericht für 1905. Der Tod hat in den Reihen der alten Gesellschaft seit der letzten Generalversammlung mir zu reiche Ernte gehalten. Nicht weniger als 26 Mitglieder sind gestorben, darunter manche, die seit langen Jahrzehnten an beu Werken der Gesellschaft beteiligt waren. Gehörten ihr doch Ernst Jacobi seit 1851, Louis Liepmaun seit 1853, Hugo Wolff seit 1856 au. Louis Liepmann, Ferdinand Manheimer, Martin Simon, Moritz Strauß, Hermann N. Israel sind immerwährende Mitglieder der Gesellschaft gewesen. Durch beit Austritt eines Mitglieds, das seinen Wohnsitz nach Newyork verlegt hat, erhöht sich der Rückgang, den die Gesellschaft im 114. Geschäftsjahr erleidet, ans 27, während die Zahl der neu Aufgenommenen sich nur aus 16 stellt, somit eine Verminderung der Gesamtmitgliederzahl um 11 zu verzeichnen ist. Die finanzielle Leistungsfähigkeit der Gesellschaft der Freunde hat gleichwohl auch im abgelauseueu Jahre trotz weitherziger Erfüllung aller Hervorgetreteuen Bedürfnisse ein erfreuliches Wachstum erfahren. Wiewohl 46941,70 Mark Unterstützungen gezahlt wurden, davon allein aus der Anstalt für Witwen und Waisen 27775 Mark — gegen 48966,15 und 24K00 Mark tut Jahre zuvor — ist das Grundvermögen der Gesellschaft, das am 1. Januar 1905 1223722,18 Mark betrug, am 1. Januar 1906 auf 1239697,12 Mark gestiegen, also um 15974,94 Mark. In dem Bericht wird auch der Wunsch ausgesprochen, daß sich noch weit mehr als gegenwärtig die werktätige Teilnahme der Mitglieder der Gesellschaft der Freunde auch aus die Uuterstützuugsanstalt für Witwen und Waisen ausdehue. Die Gesellschaft der Freunde war ursprünglich auf Unverheiratete beschränkt,