Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 70 (1906)
- Issue
- Heft 17 (27.4.1906)
- Date
- 1906-04-27
- Page
- Seite 204 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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ihr Mann noch den alten Gebrauch seiner: Wter. befolgte, so die Gefahr des Blitzes zu bannen und unschädlich , zu machen.' Aufmerksam lauschte Eisenmann, wollte es denn gar nicht kommen? Ach ja! Da war es ja, das scharfe, spröde Aufklatschen des Regens, jenes gesegneten Regens, der Balsam in das Herz der leidenden Frau im Pfarrhause träufelte, und Rahel, die ihren Mann ansah, konnte nicht begreifen, warum sein Gesicht auf einmal so triumphierend aussah. Und sollte er etwa nicht stolz sein? Es war ja sein Werk. Ihm war.es zu danken, daß es regnete. Denn hatte er nicht um Regen gebeten? Aber der Regen, der solange auf sich hatte warten lassen, mochte wohl glauben, daß er sich mit einem so kurzen Besuche nicht begnügen lassen dürfe. Nach einer Stunde hatte sich das spröde Klatschen, das man wohl mit dem Züngeln der Flamme eines eben angezündeten Kamins hätte vergleichen können, zu dem wutersüllten Heulen und Prasseln eines riesigen Hochofens verwandelt. Mann und Frau saßen da und hatten einander die Hände gereicht, als wollten sie durch diese so ausdrucksvolle Sprache der Liebe einander beruhigen. Endlich brach der Rabbiner das Schweigen: „Wir dürfen uns nicht beklagen, lieber Schatz," meinte er mit einem traurigen Lächeln, „wir gehen wenigstens mit großem Eklat fort. Wir machen Geschichte in Ostrokow. Man wird erzählen „von dem großen Gewitter in der Nacht vor dem Tage, an dem wir den Rabbiner wegjagten". Rahel öffnete den Mund, um etwas zu antworten, aber rasch schloß sie ihn wieder, und wie wahnsinnig drückte sie die Hand ihres Gatten. Aber auch er, der in gespanntester Aufmerksamkeit dagesessen hatte, konnte den plötzlichen Schreck, der sich seiner bemächtigt hatte, nicht verbergen. Es war kein Donnerschlag gewesen und doch hatten beide den furchtbaren Stoß gefühlt, der diesmal wirklich, die Welt in ihren Grundvesten erbeben gemacht hat. „Ich — ich glaubte, das Hans stürzt ein," stammelte Eisenmann. Rahel, die unfähig war, einen Laut zu äußern, nickte zustimmend. Der Rabbiner machte seine Hand von ihr los, sprang auf und eilte ans Fenster, von dem er die Gardine zurückzog. Ihm bot sich da ein Anblick, bei dem ihm beinahe das Herz zu schlagen aufgehört hätte. Der Straßendamm war vollständig verschwunden uNd kaum', war noch das Pflaster, unter den drei Zoll Wasser, die es bedeckten, sichtbar. In dem reißenden * Strome, der sich zwischen den beiden Häuserreihen gebildet hatte, trieb eine bunte Menge von großen und kleinen Holzscheiten, halb ausgewachsenen Bäumen, Möbelstücken, Küchenutensilien, Hecken und abgedeckten Dächern ein fürchterliches Durcheinander. Einer der größten Balken war gegen das Haus angeflogen und wie ein Mauerbrecher hatte er es vom Keller bis zum Dache erschüttern gemacht. In der Ferne sah man Laternen und brennende Pechfackeln sich eiligst hin und herbewegen und aus dem Munde "einer erschreckten Volksmasse fielen kaum verständliche Worte über eine bevorstehende furchtbare Katastrophe. „Ich kann nicht hierbleiben. Ich muß fort, Rahel," rief Eisenmann, der leichenblaß geworden war. Mit einem lauten Aufschrei warf sie sich an seinen Hals und hielt ihn fest umschlungen, dann aber, als hätte , sie sich es überlegt, stieß sie ihn von sich, und sich beide Hände vors Gesicht haltend, trat sie dort hin, wo ihre beiden Kinder schliefen, zum Zeichen, daß er das tun sollte, was er für richtig befinde. Eisenmann warf noch einen. Blick durchs Fenster, und als er sah, daß seine Geliebten keine unmittelbare. Gefahr bedrohe, ..eilte..ex hinaus, um. zu. sehen, welcher Art.die.Katastrophe, wäre,' der diese. Fremden entgegengingen. Behutsam den Gegenständen, ausweichend, die das rasch dahinftröinende Wasser ihm in den Weg warf, suchte er nach dem oberen Teil der Stadt zu gelangen, wo die Panik und der Auflauf ihren Höhepunkt erreicht zu haben schienen. Bald war er in eine der Hauptstraßen gelangt, wo er auf eine erregte Menschenmenge stieß, die sich alle nach derselben Richtung hin weitexbewegten. Der eine wahnsinnige Ruf: „Der Bach, der Bach," beseelte sie alle. Eisenmann drängte sich durch die Menge und war bald an ihrer Spitze, so daß er nun selbst die Bedeutung dieses.Rufes erfahren konnte. Nach einer. Viertelstunde hatte er die Böschung nahe an der Stelle erklettert, auf der er vor drei Abenden gestanden hatte. Gott, wie hatte sich die Gegend jetzt verändert! Jetzt vermochte er auch auf einen Bljck zu erkennen, wie verhängnisvoll dieser Bach für die Stadt werden konnte. In seinem unteren Laufe floß er nur träge dahin, kaum daß er ein paar Zoll Wasser in seinem Bette hatte, in seinem oberen Lause aber, in dem oberhalb der Brücke gelegenen Teile, war aus ihm ein wilder Gebirgsbach geworden, der von den . eichenbestandenen Hügeln heruntergeschossen kam und mit seiner ganzen Kraft wie toll auf die Brücke losschoß. Da er aber hier keinen Durchgang fand, so überflutete er in .einem breiten Wasserfall sein linkes Ufer — das rechte war ja durch die steile Felswand geschützt — und ergoß sich in die Ausbuchtungin der die Stadt eingebaut war. Das Terrain unterhalb der Brücke war eingedämmt. Ein großer Stapel von Holzstämmen, der oben neben der Schneidemühle gelegen hatte, war von der Flut mit fortgerissen und an die Brücke geschwemmt worden, und da er hier in dein wilden Kunterbunt keinen Durchweg fand, hatte er sich zwischen die Pfeiler der Brücke gestemmt. Verdorrte Zweige und große Haufen von Moos, die von der Berglehne heruntergespült worden waren, füllten die Zwischenräume ans. Eisenmann hatte sich an einer niederen Stelle des Baches, auf der sein Fuß einen verhältnismäßig sicheren und trockenen Halt fand, aufgestellt. . Um ihn herum wogte eine große Schar von Männern, die Mutigen und Kühnen: aus der Stadt, die zur Unglücksstelle herbeigeeilt waren, unterwegs aber ihr bißchen Verstand verloren zu haben schienen. Sie standen da und sahen einander hilflos und wie geistesabwesend an. Sie brauchten Eisenmann auch gar nicht erst zu erzählet,, was sie fürchteten. Denn dort an dem tiefgelegenen Ende der Stadt standen ihre Heuschober, ihre Ställe, ihre Scheunen, die mit den Früchten des Sommers bis zum Bersten gefüllt waren, und alles das war der Gnade des immer mehr um sich greifenden Wassers ausgeliefert. Wenn man dem zum reißenden Strome angeschwollenen Bache nicht durch die Brücke freien Abfluß in die Warthe verschaffte, so war es um die Ernte des Jahres geschehen — ganz abgesehen von der Gefahr um Leib und Leben, die außerdem noch drohte. In größter Aufregung lief hinter der Menge Herr Notar Schwefelhagen, der sich mit einem , ungeheuer großen, aufgespannten Regenschirm bewaffnet hatte, hin und her und fragte die aus zwei Mann bestehende Feuerwehr des Ortes und den einen Schutzmann, in dem sich die gesamte. Polizeimacht verkörperte, wozu auf Erden — oder wie es unter solchen Umständen richtiger heißen müßte — wozu denn auf Wasser sie ihr glänzendes Gehalt bezögen, wenn sie einen solchen Fall wie den hier nicht verhindern könnten, V . (Schluß folgt.) Druck und Verlag von Rudolf Mosfe in OMin. . Verantwortlich für die Redaktion : Max Bauchwitz in Berlin/