Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 70 (1906)
- Issue
- Heft 17 (27.4.1906)
- Date
- 1906-04-27
- Page
- Seite 203 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3224737-3228690-3228708--62573-3289726- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
WM - 203 -- dort oben im Himmel hoch anrechnen. So ging er denn weiter, bis er an die Grenze des Weichbildes der Stadt kam, wo eine wohltuende und friedliche Einsamkeit ihn umfing. Bald mußte er stehen bleiben, denn ein kleiner Bach, der bald leise dahinrieselte, bald laut Plätscherte, hemmte seine Schritte, Jetzt, wo er allem Anscheine nach mit den großen Dingen des Lebens abgeschlossen hatte, sagte sich Eisenmann, war es wohl nur in Ordnung, wenn er auch mal. an seine unbedeutenden und gleichgültigeren Dinge dachte. So zum Beispiel an die Lage von Oftrokow. Er sah sich um. Er war wirklich hübsch gelegen, dieser hartherzige, ungastliche Flecken, der ihm die Aufnahme verweigert hatte. Dort lag er unter ihm, von dem silbernen Lichte des Halbmondes übergossen, hübsch zusammengeschachtelt in einer abfallenden Rinne und an seinem unteren Ende von einer gegenüberliegenden Berglehne hübsch beschirmt. Hinter der Stadt erhoben sich mächtige Hügel, die mit riesenhaften, Jahrhunderte alten, knorrigen Eichen bestanden waren, deren Gipfel sich in den Wolken zu verlieren schienen, während ihre Wurzeln tief in dgs Innere der Erde eindrangen. Auf der andereir Seite des Baches stieg so schroff und steil eine Felswand in die Höhe, als sollte hier der Schöpfung ein Halt geboten werden; eine starke und feste Brücke aus Mauerwerk verband die Stadt mit diesem „Ende der Welt" und zwischen diesen beiden floß der kleine Bach, bald schüchtern und langsam, bald schnell und ausgelassen, bald hüpfend, bald rennend, bald in großen Sätzen springend — bis er sich etwa eine Meile unterhalb der Stadt in das große, breite Bett der Mutter Warthe ergoß, von der er nur ein kleiner Nebenfluß war. Eisenmann zog sein Taschentuch hervor und trocknete sich seine Stirn. Wie furchtbar drückend es doch hier in der Einsamkeit war — mir von dort oben her ließ sich ein knarrendes „Schwisch, Schwisch", ein dumpfer, einförmiger Laut, vernehmen. Dort stand eine Schneidemühle, die in mechanischer Art ihre Arbeit verrichtete. Aber neben diesem knarrenden Schwisch glaubte Eisenmann auch noch einen anderen Laut zu hören, einen kläglichen Schrei von blassen Lippen, das Wehklagen einer geängstigten Seele, die für ihren armen gequälten Körper um Erleichterung bat. „Ja, wenn es nur regnen möchte, dann würde nur wieder ganz besser werden." Diese wehklagende Stimme schien seinem Ohr ganz nähe; ihm war es, als sähe er die gebrechliche Gestalt, wie sie sich vor Schmerzen, ans ihrem Krankenlager wand, wie ihre hohle Brust ächzte und keuchte und sich nach einem frischen und belebenden Luftzug sehnte. Wenn es nur regnen möchte! Eisenmann hatte Mühe, sich seiner Tränen zu erwehren. Arme, geängstigte Seele, armer, gequälter Körper! Und dann begann er angesichts des hüpfenden kleinen Baches, der sich über ihn lustig zu machen schien, aus dem Gedächtnisse, soweit er sich darauf erinnern konnte, die Gebete um Regen zu sagen, welche in der Synagoge am siebenten Tage des Laubhüttensestes zum Himmel aufsteigen und die in den Jubelruf ausklingen: „Er läßt den großen Wind wehen und den Regen in Strömen herniedergießen." So betete Eisenmann für die Frau Pastorin, die auf dem Krankenlager liegende Iran seines Feindes. Er vergaß, daß Gebete Flügel haben und wie das bei allen geflügelten Dingen der Fall ist, die Art und das Ziel ihres Fluges nur selten von menschlichem Verstände und menschlichem Wunsche geleitet werden können. So vergingen noch drei Tage und Eisenmanns Aufenthalt in Oftrokow näherte sich jetzt rasch seinem Ende. Er hätte es sich beinahe zum Tröste dienen lassen können, daß der Druck, unter dem sein Haus seufzte, fast im gleichen Maße auf der ganzen Stadt lastete. Alles Leben und jedwede Tätigkeit schien erstorben zu sein. Mensch und Vieh und die ganze Natur hatten furchtbar unter der ungewöhnlichen Hitze zu leiden, die statt nachzulässen von Stunde zu Stunde zugenomme» hatte. In gewissem Sinne waren die Eifenmanns noch weit besser daran als die übrigen Bewohner der Stadt, denn sie waren gezwungen, sich zu beschäftigen und dadurch, daß sie für ihre bevorstehende Abreise Vorbereitungen zu treffen hatten, wurde ihre Aufmerksamkeit ans andere Dinge gelenkt, und sie litten nicht so sehr unter dem physischen. Unbehagen der draußen herrschenden siedenden Temperatur. Der Rabbiner hatte bereits nach Hamburg geschrieben und sich dort Wohnung bestellt, damit, falls es wirklich zum äußersten — zur Fahrt übers große Wasser an ein gastlicheres Gestade — kommen sollte, er möglichst nahe dem Einschiffungshafen wäre. Endlich war alles gepackt und zum Wegschaffen^bereit. Es war Freitag abend und ihre Abreise war für den nächsten Abend, nach Ausgang des Sabbats, festgesetzt. Zum vorletzten Male hatte Eisenmann den Gottesdienst in der Synagoge abgehalten. Das einfache, anspruchslose Gotteshaus war ihm sehr teuer geworden und er wußte, daß, wenn er ihm am nächsten Morgen Adieu sagen sollte, ihm schier das Herz dabei brechen würde. Und jetzt saßen der Rabbiner und seine Frau — die Kinder waren bereits zu Bett gegangen — bei ihrem einfachen Nachtmahle. Nett und sauber prangte der Tisch in seinem ganzen Sabbatschmuck, denn, mochte kommen was da wolle, der Sabbat durste nicht entweiht werden. Für Rahel hatte das Zimmer sogar noch nie einen solch merkwürdigen Glanz wie heute gezeigt, denn wenn auch die beiden Stearinkerzen in der alles beeinflussenden Hitze trieften und schlecht brannten, so sah es doch aus, als wenn sie in einem hundertarmigen Kronleuchter steckten — wenigstens ließ der nebelhafte Schleier, der sich vor ihren Augen gebildet hatte, sie so aussehen. Die Gardinen waren zurückgezogen und so hatten weder sie noch Eisenmann das merkwürdige Licht bemerkt, welches in den frühen Abendstunden draußen die Straße erfüllte. Rot lind glühend war die Sonne untergegangen und jetzt, eine Stunde nach ihrem Untergang, bedeckte ein eigentümlicher,'kuPferroter.Schein in breiten, geraden Streifen den Horizont. Ganz weit, weit unten am Horizont konnte man einen kleinen Fleck, der nicht größer als eine Kinderhand sein inochte, am Himmel wahrnehmen. Eine Viertelstunde lang blieb dieser Fleck unverändert und unbeweglich, dann aber, in einem einzigen Augenblick, schoß eine große, dicke Wolke aus ihm hervor, aus der in einem noch viel kürzeren Zeitraum eine zweite und weit größere Wolke emportauchte, und von jetzt an wogten Maffen von blauschwarzen Wolken am Himmel auf und nieder, als wollten sie dem wachsamen Auge Gottes das verbergen, was sich auf Erden zutrug. So kam es denn, daß weder Eisenmann noch Rahel etwas von her schrecklich schönen Verwandlung sahen, die sich hoch oben am Himmel vollzog, und aufs höchste überrascht lind vollkommen ahnungslos konnten weder er noch sie einen Schreckensschrei unterdrücken, als eilt das Auge blendender Flammenstrahl durch das Fenster schoß, dem auf dem Fuße ein betäubender Donnerschlag folgte, als sollte die Erde in Stücke gehen. Noch hatten sie sich von ihrer Betäubung nicht erholt, als ein anderer Blitz herniederfuhr und sich erneuter Donner mit denr noch nicht erstorbenen des ersten Schlages vermischte. Und jetzt folgten Blitz und Krach in unbarmherzigem, rhythmischen Aufeinander. Rahel zulächelnd stand Eisenmann aus, nahm aus dem Bücherregal seinen Pentateuch, legte ihn auf den Tisch, und mit zitternder Hand streute er aus das ausgeschlagene Buch eine Haudvoll Salz. Rahel warf ihm einen dankbaren Blick zu, denn sie wußte, daß es wohl nur ihretwegen geschah, wenn