Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 70 (1906)
- Issue
- Heft 17 (27.4.1906)
- Date
- 1906-04-27
- Page
- Seite 202 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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‘ ~T'"” ..... Ml,U!..>^nn^>-MWWÄM>«W. 202 losigleil aus, und seitens der Gemeindevorsteher und Rabbiner mußten häufig strenge Verordnungen erlassen werden, um der herrschenden Liederlichkeit Einhalt zu tun. Zumeist nutzten diese Maßregeln nicht einmal. Kein Wunder also, daß Leon Modena, obwohl Gemeindepredigcr und Lehrer, manchesmal ebenfalls den Lebensgenüssen in einer Art' huldigte, wie sie in einem polnischen oder deutschen Ghetto seitens eines geistlichen Beamten nicht gut möglich war, am allerwenigsten aber von der. Gemeinde geduldet worden wäre. Leon Modena huldigte leidenschaftlich dem Kartenspiel. Er spielte um große Summen und zumeist ohne Glück, wobei er natürlich seine Lehrtätigkeit vernachlässigte. Erst wenn er ganz blank dastaud und sich nicht mehr ju helfen wußte, kehrte er zu seiner Schulmeisteret mit Eifer zurück. Diese Leidenschaft scheint eine Art erbliche Belastung der Familie Modena gewesen zu sein, und Leon konnte sich von diesem Laster nicht befreien, obwohl er bereits als dreizehnjähriger Knabe eine hebräische Abhandlung dagegen geschrieben hatte. Im übrigen scheinen damals alle Venetianer, Juden wie Christen, vom Spielteufel besessen gewesen zu sein. Die Gemeindevorsteher ließen das Kartenspiel unter Androhung des Bannes verbieten, aber^ Leon Modena, Mitglied des Rabbinats, widersprach diesem Verbot und bat den Gemeindevorstand „unter Tränen", davon zu lassen. Er meinte, man sollte nichts verbieten, was gar nicht gehalten werden könne. Die Inden wollen alle spielen, entweder zum Zeitvertreib oder um große Summen zu gewinnen, und manchmal werdeil sie dazu von den Christen genötigt, weil sie sonst mit ihnen kein Geschäft abschließen könnten. Dieses Kartenspiel gibt zu einer hübschen Episode im Leben Modenas Anlaß. Am Feste der Thorafreude erregten einst jüdische Jünglinge dadurch Aerger, daß sie auf der Straße in Frauenkleidern unchergingen. Es entstand darüber in der Gemeinde ein Streit, und Modena nahm dazu mit mehreren anderen Rabbinern in einem Gutachten Stellung. Dieses Gutachten . forderte die Kritik der Gegenpartei heraus, und ein boshafter Mann meinte, Leon Modena sei ein besserer Kartenspieler als Schriftsteller. Modena war über diese Anzapfung recht böse. Er erwiderte, an sich fühle er sich dadurch nicht beleidigt, denn tatsächlich sei er ein viel tüchtigerer Schriftsteller als Kartenspieler; im Kartenspiel habe er verloren, mit seiner schriftstellerischen Arbeit habe er nur verdient. Außerdem gebe es im Judentum kein Verbot: Du sollst nicht spielen, Jndeffen habe ja sein Gegner beabsichtigt, ihn mit dieser Anspielung zu kränken, und eine solche Frechheit brauche er sich nicht gefallen zu lassen. (Brief Nr. 154, gerichtet an R. Isaak Usiel in Amsterdam.) 2mri Lrelrnhirten. Erzählung von Samuel Gordo».!V. isenmann verließ das Zinuner. Noch auf der Schwelle hörte er. wie ein leises, bittendes „Robert!" von blassen Lippen kam. Er schwankte nach Haus, sein Geist war verwirrt und keines Gedankens fähig, und erst als er die stumm fragenden Blicke seiner Frau auf sich gerichtet sah, wurde es ihm klar, was für böse, sorgenvolle Neuigkeiten er mitgebracht hatte. „Verzeih mir, Schatz," war alle^, was er sagen konnte, als er mit geneigtem Haupt und gefalteten Händen vor ihr stand. Ihrer Gewohnheit getreu stellte Rahel keine- Fragen. Wohl aber schlang sie ihre Arme um seine Schultern und sprach leise: „Ach. laß nur — Gott wird, helfen." „Jawohl, Gott wird helfen," dachte auch Eisenmann, indem er seine Zähne fest aufeinander biß. Inzwischen aber wollte glich er nicht müßig bleiben. Für heute abend war im „Goldeneir Roß" eine Zusamiuenkuilft verabredet worden, und Eisenmann wußte, daß sie ihm seine letzte Chance bot,, die wahrgenommen werden mußte. Das wollte er auch tun und sie bis aufs äußerste ausnutzen. Alle Bedenken wollte er in den Wind schlagen und sich durch nichts beirren lassen. Wenn es ihm heute nicht gelang, seinenl Gegner, dem Pastor, zuvorzukommen, so war all' sein Mühen, all' die schwere Arbeit der letzten drei anstrengenden Monate vergeblich gewesen. Ja, er wollte heute tapfer kämpfen. Und wenn es ihm seinen letzten Pfennig kosten sollte, wenn er dabei seinen letzten Atemzug aushauchen mußte, diese halsstarrigen Tölpel wollte er rlnter seinen Willen zwingen. Er wollte sie kirren, er wollte ihnen schmeicheln, er wollte sie bedrohen. Er würde seine Phantasie anstrengeu, um ihnen in den düstersten Farben die schlimmen Folgen auszumalen, die es haben müßte, wenn eine widerspenstige Gemeinde sich dem unverkennbaren ausgesprochenen Wunsche der Regierung entgegenstellt. Er würde darailf bestehen, daß.sie sofort zu einer formellen Sitzling der Stadtverordneten -Versammlung zusammentreteil und seine Aufnahme als Bürger beschließen sollten. Er würde — nun er würde eben dem Herrn Pastor beweisen, daß das Recht nicht iminer auf seiten des Mächtigen wäre. Der lange, heiße Sommertag ging seinem Ende entgegen. Als die Sonne sich neigte, verrichtete Eisenmann sein Abendgebet mit noch viel größerer Andacht als sonst, steckte dann aus seinenl leider immer mehr zusammenschmelzenden Schatze eine Handvoll Goldstücke zu sich, denn er mußte gut gerüstet sein, weil er heut wohl Wein und vielleicht gar Champagner auffahren lassen würde müssen, und begab sich dann nach dem „Goldenen Roß". Hier setzte er sich aus seinen gewohnten Platz, und er bemerkte gar nicht, welch mitleidiges und gleichzeitig auch höhnisches Gesicht der Wirt machte, als er ihn erblickte und bediente. Es wunderte ihn wohl sehr, daß er gerade der erste sein sollte, er suchte sich aber damit zu beruhigen, daß er wohl in seiner Aufregung so ungewöhnlich früh gekommen sein mochte. Aber es schlug acht und auch Halbneun und noch immer ließ sich niemand blicken. Um neun Uhr konnte sich Eisenmann nicht mehr länger verhehlen, daß also schließlich doch sein Gegner ihn überrumpelt hatte. Denn selbstverständlich war es das Werk des Pastors, daß niemand gekommen war — nicht einmal der Notar Schwefelhagen, den man ja öfters hatte sagen hören, er bedauere es, daß er nicht hundert Jahre früher geboren wäre, wo der Teufel noch auf Erden wandelte. Er würde ihm dann gern seine unsterbliche Seele für ein unerschöpfliches Bierfaß verkauft haben. Um ein Viertel nach neun Uhr verließ Eisenmaim das „Goldene Roß" in dem Bewußtsein, daß er nie wieder seinen Fuß hierhersetzen würde. Jetzt, wo er die Ueberzeugung hatte, daß sein Schicksal besiegelt war, kam eine nnerklärliche7Ruhe über ihn. Im Grunde seines Herzens war er doch ein Fatalist — das Schicksal war eben mächtiger gewesen als er. Er wollte indessen jetzt noch nicht nach Hause gehen; die eine Stunde glücklicher Unwissenheit, in der er seine Frau Rahel noch ließe, würde man ihm sicherlich einst