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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1906-04-27 · Heft 17 (27.4.1906) · p. Seite 201

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
70 (1906)
Issue
Heft 17 (27.4.1906)
Date
1906-04-27
Page
Seite 201 (sequence 9)
Language
German
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Einflüssen seiner Umgebung zugänglich. - Am. ehesten erscheint Uns seine Persönlichkeit deshalbinteressant und in gewissen! Sinne auch anziehend, weil sich in ihr die ganze Zerrissenheit, der ganze' Zwiespalt und die Jdeallofigkeit der italienischen Judenheit jener Zeit abspiegelt. Das Charakterbild Modenas schwankt bekanntlich in unserer Geschichte. Während A. Geigerin ihm einen kühnen Zweifler und Stürmer sah. der das Herannahen einer neuen Zeit sühlte, aber nicht den Mut hatte, weil zeitlebens durch Armut und Abhängigkeit niedergedrückt, sich als ihren Herold zu bekennen, schildert ihn Grätz als einen charakterschwachen und unaufrichtigen Jlaiin, der stets eine Maske trug und anders lehrte, als er glaubte. Bezeichnend für die Beurteilung, die Modena in unserer Geschichtsschreibung gefunden hat, ist das Verhalten Rapoports zu dieser Fraget Anfänglich gefiel ihm Modena, dieser kluge Mann, der in seinen besten Jahren den Mut gefunden hatte, die Autorität des „Sohar" anzufechten. Als er, Rapoport, durch Luzzatto von der Selbstbiographie Modenas erfuhr, durch die auch die Fehler und Schwächen dieses Mannes bloßgelegt erscheinen, wünschte er durchaus, man möge diese Aufzeichnungen der Oeffentlichkeit vorenthalten, um dessen Andenken nicht-zu verunglimpfen. Später aber, als durch Reggio die scharfe Angriffsschrift Modenas gegen den Talmud -veröffentlicht wurde, änderte auch Rapoport seine Meinung über ihn und brandmarkte ihn als einen Heuchler. An sich wäre es gewiß jetzt an der Zeit, eine unparteiische Zeichnung Modenas zu liefern, frei von jedem Vorurteil und die Umstände und Zeitverhältnisse berücksichtigend, unter denen er gelebt hat. Weder eine Anklageschrift gegen Modena sollte diese Schilderung sein, noch eine Rechtfertigung seines Lebens und seiner Taten; ihn in der Mitte seiner Umgebung schildern, würde ein vortreffliches Kulturbild jener Zeit liefern. Dies kann nunmehr um so eher geschehenals in den letzten Wochen neues handschriftliches Material bekannt geworden ist, eine große Anzahl von Briefen und sonstigen Schriftstücken aus der Feder Modenas, die nicht nur das Bild seiner Persönlichkeit vervollständigen, sondern uns auch viele recht charakteristische Merkmale von dem Kulturleben der italienischen Juden bieten?) Aus Grund des bekannt gewesenen Materials und der Ergänzungen, die uns die jetzt veröffentlichten Briefe bieten, will ich versuchen, Modena und seine Zeit zu schildern. Leon Modena war der Sprößling einer angesehenen jüdischen Familie aus Frankreich, die infolge der Judenvertreibung aus diesem Lande nach Italien einwanderte. Die Vorfahren Modenas ließen sich, anfänglich in Viterbo nieder, später in Mddenä, wo sie zu Reichtum und Ansehen gelangten. Die Familie nahm daher den Namen Modena an. Sein Großvater Mordechai Modena war ein bedeutender Arzt und ausgezeichneter Gelehrter; er lebte in Bologna und wurde vom Kaiser Karl V. durch die Verleihung eines hohen Ordens geehrt. Ein Onkels Leons, der jüngere. Bruder seines Vaters Isaak, Abtaljon Modena, war ebenfalls ein bedeutender Gelehrter. Er lebte in Ferrara, wo er mit dem berühmten Asarja de',' Rosst Umgang Pflegte. Leon Modena behauptete sogar, Asarja der Rosst habe das umfangreiche Material, das er in seinem berühmten Werke „Augenleuchte" verarbeitet, von seinem Onkel Abtaljon — „es sei dies das Mehl, das Asarja in Abtaljons Mühle gemahleu hätte". Ich möchte bei dieser Gelegenheit bemerken, daß mir diese Aussage Modenas, obh Leon Modenas Briese und Schriftstücke. Ein Beitrag zur Geschichte der Juden in Italien und der Geschichte des hebräischen Privätstils. Zum erstenmal hetausgegeben, mit Anmerkungen und Einleitung versehen von ProfessorDr.LudwigBläu. Budapest 1905wohl sie von vielen nachgesprochen wird, sehr wenig glaubwürdig erscheint. Abtaljon Modena, der im Jahre 1528 ^geboren, wurde, war um 15 Jahre jünger als der Rosst.. Die erste Ausgabe der „Augenleuchte" (Meor Enajim) ist bei Lebzeiten des. Verfassers im Jahre 1574 in Mantua erschienen — vier Jahre darauf (1578) starb der Rosst, während Abtaljon Modena noch bis 1611 lebte. Er hätte gewiß nicht dazu geschwiegen, wenn der Rosst an ihm ein Plagiat begangen hätte, wie sein Neffe behauptet. Außerdem braucht man das Werk nur eingehend zu studieren, um die Hinfälligkeit dieser Verdächtigung von selbst zu erkennen. Leon Modena wurde im Jahre 1571 in Venedig geboren. Er war, was man gewöhnlich ein Wunderkind nennt. Im Alter von 2>/2 Jahren soll er. wie er in seiner Biographie erzählt, in der Synagoge die Haftara gelesen haben. Mit drei Jahren konnte er den Pentateuch in der Ursprache lesen - und erklären. In seiner Kindheit führte er mit seinen Eltern, die um diese Zeit ihr Vermögen einbüßten, ein Wanderleben. Im Jahre 1580 wnrde er nach Ferrara geschickt, wo er ein Jahr lang blieb und verschiedene Wissenschaften trieb; er lernte auch singen, spielen und tanzen. Man sieht daraus, daß es in einem italienischen Ghetto damals anders aussah als in einem polnischen oder auch deutschen. In Ferrara versuchte sich Modena bereits in homiletischen Vorträgen, und sein Lehrer soll ihm darin eine glänzende Zukunft prophezeit haben. Im Frühjahr 1581 wurde Leon nach Padua geschickt, und er lebte im Hause des bekannten Grammatikers und Dichters Samuel Archevolti ein Jahr; das Verhältnis zwischen Lehrer und Schüler blieb bis zum Tode Archevoltis ein überaus herzliches. Mehrere Briefe Modenas, die jetzt durch Blau erschienen sind, sind an Archevolti gerichtet. Bereits im Jahre 1589, Modena zählte damals 18 Jahre, begann er Unterricht zu erteilen. Er hat viele Jahre unterrichten müssen, um sein Leben zu fristen, und zwar teils in Gemeindeschulen' und teils in Privathäusern. 'Schon damit beginnt die Tragödie seines Lebens, denn er besaß für diese Tätigkeit nicht die mindeste Neigung. Sowohl in seiner Selbstbiographie, wie auch in den Briefen an verschiedene Freunde, klagt er darüber, und auch seine schriftstellerische Begabung litt unter diesem Zwang. Modena verheiratete sich bereits im Sommer 1590 mit einer Base, und nachdem das junge Ehepaar einige Zeit in verschiedenen Orten Oberitaliens gewohnt hatte, ließ sich Modena Ende 1592 in seiner Heimatsstadt Venedig nieder, wo er wieder Knaben Unterricht erteilen mußte. Am Schawuothfest 1593 trat er zum erstenmal in der Synagoge als Prediger auf, wobei er großen Beifall fand. Leott Modena zählte zu den besten Predigern seiner Zeit; er war als glänzender Redner nicht nur im Ghetto berühmt, sondern auch bei den gebildeten Christen seiner Vaterstadt; oft kamen Geistliche in die Shnagoge, um seine Reden zu hören. Die, Predigten Modenas, die zum. größten TM gedruckt Hprliegen, sind natürlich in dem Geschmack jeüer Zejt gehalten;' sie sind geistreich, witzig, belehrend und voller"Mspielungen auf talmudische und jüdisch-philosophische Aussprüche, wie es damals bei den italienischen und sefardischen „Darschanim" üblich war. Im Ghetto von Venedig, wie überhaupt in den jüdischen Gemeinden von Italien, herrschte in jenen Jahren eine weitgehende Lebenslust. Die religiöse Melancholie, welche damals die. deutsche und polnische Judenheit umgab, war den italienischen Juden fremd. Trotzdem sie auch viele Verfolgungen und Plackereien zu erdulden halten, worüber mehrere Briese Modenas handeln, ließen sie sich die Lust am Leben nicht nehmen. Diese Lebensfreude artete sogar häufig in Zügel-

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