Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 70 (1906)
- Issue
- Heft 17 (27.4.1906)
- Date
- 1906-04-27
- Page
- Seite 200 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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jetzt auch als ein äußerst gelungenes Merk Leiten. Geliefert wurde sie in der verhältnismäßig kürzen Lieferfrist von drei Monaten von der Weltfirma E. F. Waechter & Co., Ludwigsburg, als 36. Orgel an deutschen Synagogen. Sie hat vier Manuale (das vierte für ein später einzubaüendes Fernwerk), vierzig Register mit ebensovielen klingenden Stimmen; die Betriebskraft liefert ein elektrischer Motor. Sie hat eine seltene Tonfülle und präsentiert sich mit ihrem in Natur-Eichenholz reich geschnitzten Gehäuse ganz majestätisch. Der Kostenaufwand ist rund 20 000 Mark. Als Organist ist Herr Kreuz engagiert. Ein Witzbold wollte die Mär verbreiten, durch die Einwirkung der Liberalen befinde sich jetzt sogar ein Kreuz in der Neuen Synagoge. So schlimm find aber die bösen Liberalen Gott sei Dank nicht und werden es auch nie werden. Im Gegenteil! Wir glauben zuversichtlich, daß nichts mehr geeignet ist, den Abfall zu verhindern, als eine fortschrittliche religiöse Entwicklung. Unserm allbeliebten und allverehrten Rabbiner Dr. Frank war es. leider nicht vergönnt, der Eröffnungsfeier beizuwohnen; er ist noch immer von den Folgen seines Unfalls nicht I befreit. Das Bedauern wegen seines Fehlens war allgemein, und ebenso der lebhafte Wunsch, daß er bald seinem Wirken zurückgegeben sein möge! (Wir schließen uns diesem Wunsch herzlichst an! Die Red.) Beethoven und die ruMch-jüdilche Volksmusik. Von James Rothstein-Berlin. IP§ gibt leider auch heute noch Leute, die der kulturellen Seite der Kunst nicht den Grad von Bedeutung beilegen, die ihr gebührt. Und so ist es immer wieder lehrreich und interessant. an Beispielen, die dem Volksleben entnommen sind, festzustellen, in wie hohem Grade Kunstwerke von bleibendem Werte, geeignet sind, die Kpltur, d. h. das ethische Empfinden eines Volkes, ja großer Völkerschaften, zu heben und zu vertiefen. Speziell in der Tonkunst finden wir oft Erzeugnisse unserer Meister, die längst in den geistigen Besitz des Volkes übergegangen sind und vermöge ihrer Gefühlstiefe auf das Empfinden desselben in höherem, sittlichen Sinne eingewirkt haben; sei es, daß sich das Volk die betreffende Komposition in seiner Originalgeftalt zu eigen macht (als Beispiel diene Schuberts Lied: „Der Lindenbaum") oder daß es sich irgendein Lied nach seinem Empfinden ummodelt. So ist z. B. aus dem Lied Papagenos (aus Mozarts „Zauberflöte"): „Ein Mädchen oder Weibchen wünscht Papageno sich", das textlich viel gehaltvollere Volkslied: „Ueb' immer Treu und Redlichkeit" entstanden. Und so wird es nicht weiter wundernehmen, daß auch Melodien unseres weltumsafsenden Beethoven, den wir ja wohl mit Recht einen „Kosmopoliten der Tonkunst" nennen können, selbst in entfernteren und der Kultur weniger zugänglichen Ländern Wurzel geschlagen haben.. So kann man oft in jüdisch-russischen Kreisen Volkslieder singen hören, deren Ursprung auf irgendeine Beethovensche Melodie zurückzuführen ist. Freilich — im ersten Moment ist es nicht leicht, die eigentliche Melodie zu erkennen: Tempo und Rhythmus sind oft arg entstellt.; auS einem lebhaften, ja lustigen Motiv ist mitunter ein elegischer, schmerzvoller Gesang geworden, mit einem Text, der ganz das Empfinden dieser bedrückten und entrechteten Bolksmaffe atmet. - . ) ’ In hex Gegend .vpn Russisch-Litauen habe ich.oft.von jüdischen Kindern eine rührend schlichte .Melodie gehürtaufeinen Text, der die Sehnsucht nach Freiheit in ergreifende Worte kleidet. (Und zwar noch lange vor der revolutionären Bewegung, die jetzt all« Gemüter bewegt). Das Med betitelt sich: „Die rote Fahne." Mir kam die Melodie sehr bekannt vor, aber erst nach geraumer Zeit wurde mir klar, daß sie Note für Note mit dem achtaktigen Thema des. letzten Satzes der Beethovenschen „Sonate pathetique“ (C-möll, op; 13) übereinstimmte. dem Allegro war natürlich — dem schwermütigen. elegischen Text entsprechend — ein Adagio geworden. Auch die jüdisch-russischen Kantoren (lldasonim) flechten gern in ihre synagogalen Weisen Melodien unserer Meister ein, manchmal unbewußt, öfter jedoch mit vollem Bewußtsein. So hörte ich in einem kleinen russischen Städtchen' in Gemeinschaft mit dem Chor am Versöhnungstage ein Gebet auf folgende Beethovensche Melodie singen (Sonate Apassionata op. 57, Schluß,des letzten Satzes): Freilich auch in ganz langsamem Tempo. Und so gibt es eine ganze Reihe von Beethovenschen Melodien, die in den musikalischen Schatz des russisch-jüdischen Volkes ausgenommen und dort treu gehütet werden. In diesen Gegenden, die von der Kultur noch weit entfernt sind und in denen ein ganzes Volk — bedrückt und geknechtet — dahinschmachtet, wirken solche Weisen oft wie ein Lichtstrahl aus besseren Welten, und die Sehnsucht nach höheren Idealen, nach sittlicheren Lebensäußerungen wird in den Herzen dieser Elenden wachgerufen. Das ist die Mission, die die wahrhaft große Kunst vollbringt: Daß sie die Herzen weitet und empfänglich macht für alles Gute, Schöne und Edle. Aber nicht nur das — sie ist auch ein Bindeglied zwischen den verschiedenen Völkern, und auch hierin liegt ihre kulturelle Bedeutung. Leon Modena. Ein Kulturbild. Von Dr, S. Bern selb. IPüte der interessanten und eigenartigen Persönlichkeiten der jüdischen Geschichte des 17. Jahrhunderts war unstreitig der bekannte Gelehrte und Schriftsteller Leon Modena. Er war gewiß kein Charakterheld und deshalb auch nicht geeignet, der Träger einer Kulturepoche zu sein, abgesehen davon, daß es gar nicht in jener Zeit lag. Neues zu schaffen, sondern vielmehr das Alte aufzülösen und. abzuräumen. Modena war ein begabter und nach den Begriffen jener Zeit vielseitig gebildeter Schriftsteller, aber eine passive Natur und leicht den