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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1906-04-27 · Heft 17 (27.4.1906) · p. Seite 197

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
70 (1906)
Issue
Heft 17 (27.4.1906)
Date
1906-04-27
Page
Seite 197 (sequence 5)
Language
German
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Nachricht über das entsetzlichste Unheih von dem eine- "große Kulturstätte betroffen wurde. Soweit geschichtliche Zeugnisse vorliegen, was reicht an die Zerstörung heran, der San Francisco verfallen ist? Wer denkt bei diesen Hiobsposten nicht an den Psalmvers: „Die Berge hüpften wie Widder und die Hügel wie junge Lämmer. Bor dem Antlitz des Herrn erbebte die Erde." Oder an den anderen Psalmvers: „Gott, du verstießest und zerstörtest uns, du warst zornig und du hast dich unser -rbarmt. Du bewegtest die Erde und erschütterst sie; heile ihre Brüche, denn sie war bewegt." Unser inn igstes Mitgefühl gilt angesichts solcher Katastrophen, ne uns die menschliche Ohnmacht und Schwäche so anschaulich nachen und deshalb wohl geeignet sein sollten, den Frieden inter den Konfessionen und Völkern zu befestigen, allen Opfern dieser fürchterlichen Naturereignisse ohne jeglichen Interschied. Nur weil es die Tagesblätter registriert, berichten inch wir, daß das sogenannte Judenviertel in San Francisco, vo die armen russischen Einwanderer hausten, am meisten gelitten hat. Es spielten sich dort herzzerreißende Szenen vor '»er völligen Zerstörung des Viertels ab. Und aus demselben Grunde werden für unsere Leser einige Mitteilungen über die große und nun wohl sehr arg mitgenommene jüdische Gemeinde in San Francisco augenblicklich oon besonderem Interesse fein. In San Francisco leben Über20000 Luden. Der Name der Stadt rührt von Washington Barlett, dem Lohne einer jüdischen Mutter her, die mit den ältesten sefardischen Familien Kaliforniens verwandt war. Seit der Begründung der Itadt lebten dort Juden — auch unter den Goldsuchern. Wer während diese, wie jedermann aus den Schilderungen amerikanischer Schriftsteller weiß, den wildesten Lastern zu 'röhnen pflegten, hielten diese schon am ersten Dersöhnungstage nach ihrer Einwanderung einen Gottesdienst ab! Im Jahre i 849 beginnt bereits jüdisches Gemeindeleben in San Francisco. .00 Juden hatten sich dort angesiedelt und die Sherith Israel- Kongregation gebildet, die hauptsächlich aus süddeutschen, bayrischen und amerikanischen Familien bestand, während die bald darauf begründete Emanuel-Kongregation das deutsche Element bildete. Beide Gemeinden bestehen noch jetzt. Bei der ersten ist der englisch-polnische Minhag, bei der anderen der amerikanische Resormritus eingeführt. Rabbiner dieser Gemeinde ist der allgemein bekannte Dr. Jakob Voorsanger, der auch an der Staatsuniversität über semitische Sprachen liest. Rabbiner der anderen Gemeinde ist Jakob Nieto. Außerdem bestehen dort noch folgende Gemeinden: Beth Israel und Ohabai Shalom (Reform), Sha'are Chesed und Keneseth Israel orthodox), im ganzen also sechs Gemeinden. Ferner etwa >9 wohltätige Vereine, ein großes Hospital und elf Logen des Benai Brith-Ordens, von denen die älteste den charakteristischen Kamen „Ophir" trägt. Das amerikanische Council os Jewish Voumen wurde von dort aus ins Leben gerufen. Außerdem 'esaß San Francisco sechs Sabbat - Schools, zwölf Chewrahs und sieben Logen, anderer jüdischer Orden. Die Juden in San Francisco Haben seit ihrer dortigen Ansiedlung eine hervorragende Stellung im öffentlichen Leben, in der Armee, in Wissenschaft und Kunst, im Bankwesen und m Händel eingenommen. Salomon Heydenfeld war der Präident des obersten Gerichtshofs von 1852—1857, H. A. Lyons var einer der ersten Richter daselbst, der. bereits genannte, oon jüdischen Eltern geborene W. Barlett war seit 1887 Gouverneur von Kalifornien,- Adolf Sutro, dessen Name mit der beschichte, der Stadt eng verknüpft ist und der ihr seine berühmte Bibliothek mit 200 000 Bänden . geschenkt hat, wurde l894 züm Bürgermeister gewählt. Hermann Silver war Direktor der Münze, Julius Jacobs Achatzsekretär der Vereinigten Staaten für Kalifornien. Die Namen der Bankiers Seligmann, Lazards, Wormser, Glasier haben auch auf den europäischen Börsen einen guten Klang. In der wissenschaftlichen Welt find Dr. Hirschfelder, der Arzt des früheren Präsidenten Mac Kinley, der Gynäkologe Rosenstein, der Proseffor der Physiologie an der John Hopkin-Universität Josef Erlanger, in der Kunst der Maler Ernst Peixotto, aus der altbekannten Familie, in der Musik Professor Louis Lisser. In der Legislatur des Staates saßen von jeher jüdische Abgeordnete und im Kongreß vertritt Julius Kahn einen Distrikt des Landes. Eine lange Reihe hervorragender Rechtsanwälte, Aerzte und Journalisten, Offiziere und Männer des öffentlichen Lebens beschließt diesen Zug. Leider sind, wie wir aus den Blättern entnehmen, auch die umliegenden Ortschaften den verheerenden Naturgewalten zum Opfer gefallen. Auch in Sonora, Stockton, Los Angeles, befanden sich blühende jüdische Gemeinden. Die Größe des Unglücks ist noch nicht abzusehen. Aber schon regt sich aller Orten und in allen Ländern das brüderliche Mitgefühl. Bei. solch verheerenden Katastrophen, wie wir sie erlebt, gibt es nur Menschen und menschliche Not, menschliche Gefühle und menschliche Hilfe. Und das ist der einzige Trost, den schon unsere Alten in ihrer Weisheit den Erdenkindern gegeben haben. In solchen schweren Stunden der Prüfung erinnern sich die Völker und die Menschen, daß der einzelne nicht nur dem einzelnen Staat, sondern der gesamten Menschheit gehört. Ob politisch befreundet, ob religiös entzweit, dem Unglück gegenüber reichen sich die Völker trauernd und helfend die Bruderhand und die ganze Menschheit ist im Sinne der biblischen Propheten eine große Bruderfamilie. Discite moniti! Von Dr. E. Finkel-Pasewalk. in einer Kommissionssttznng für das neue Schulgesetz wurde bei der Beratung des § 28, Absatz 5, von nationalliberaler Seite verlangt, daß der in die Schuldeputation eintretende Rabbiner den Geistlichen anderer Konfessionen gleichgestellt würde, ohne erst der Bestätigung der Regierung, die sogar widerruflich sein soll, zu bedürfen. Von seiten der Regierung wurde nach dem Berichte der „Allgemeinen Zeitung des Judentums" (Nr. 12, S. 134) dagegen betont, „die Rabbiner den anderen Geistlichen gleichzustellen, sei aus inneren Gründen nicht zu billigen, da über die Vorbildung dieser Geistlichen keine Vorschriften beständen". Die „Allgemeine Zeitung" schließt diesen Bericht mit der Hoffnung, daß bei der Beratung im Plenum ein jüdischer Abgeordneter sich bereit finden werde, dem Hohen Hause die nötige orientierende Aufklärung über die Vorbildung des Rabbiners zu geben. So sehr es mit Freuden zu begrüßen wäre, wenn jüdische Abgeordnete mit derselben Energie und Entschiedenheit die Interessen des Rabbinerstandes vertreten wollten, wie das Zentrum die der katholischen Geistlichkeit, so würde es in diesem. Falle nach meinem Dafürhalten noch von besonderem Werte und Nutzen fein, wenn außen den Abgeordneten auch die beteiligten Kreise selbst in dieser Frage das Wort ergriffen, und diese Kreise sind die Rabbiner und die Gemeinden; Bereits im Jahre 1902, kurz vor der RabbinerversämMlung in Frankfurt a. M., brachte ich gelegentlich einer Anfrage des Herrn Kollegen Beermann-Jnsterburg, ob dje KommutteN bei den Kommunalabgaben den Rabbinern dieselbe Vergünstigung

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