Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 70 (1906)
- Issue
- Heft 17 (27.4.1906)
- Date
- 1906-04-27
- Page
- Seite 196 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Sobald die Duma Zusammentritt, werden diese Dinge dort wohl zur Sprache kommen, und da wird es Sache der jüdischen Abgeordneten sein, mit voller Entschiedenheit zum Ausdruck zu bringen, daß die Judenheit als solche mit dem Gebühren jener Geschäftsmänner nichts gemein hat. Es steht ja zu hoffen, daß eine genügende Anzahl jüdischer Abgeordneter am Platze sein wird, die freimütig und unerschrocken dies zum Ausdruck bringen werden. Außer den von uns bereits gemeldeten Abgeordneten von Grodno. Kowno, Witebsk, ffnd noch gewählt worden: Rabbiner Dr. Lewin und Dr. Fränkel in Wilna, S. Gottesmann in Shitomir, und der bekannte Rechtsanwalt Winawer in Petersburg, also bis jetzt acht Juden. Man glaubt allgemein, daß auch die Rechtsanwälte Szliosberg und Rainer in Petersburg und allein im Gouvernement Wolhynien vier jüdische Abgeordnete gewählt werden. Es ist dies im Interesse der Sache auch sehr wichtig. Denn kaum sind die Feiertage vorüber und die Anleihe gesichert, so fängt die russische Bureaukratie schon mit ihren Vexationsmaßregeln gegen die Juden an. So wird aus Mukden vom 16. d. M. gemeldet: Alle Juden sind aus Wladiwostok ausgewiesen worden; zur Erledigung ihrer Geschäfte wurde ihnen eine dreitägige Frist bewilligt. Es unterliegt leider keinem Zweifel, daß man sich noch auf weitere Maßregeln dieser Art in nächster Zeit gefaßt machen muß. * Der Konferenz von Algeciras ist bald ein blutiges Nachspiel gefolgt. Wie Madrider Telegramme berichten, fand in Tetuan am 14. d. M. eine Judenhetze statt. Der frühere spanische Minister Villanueva sowie der Abgeordnete Silveta, der spanische Konsul und einige Journalisten, wohnten letzten Sonnabend in Tetuan in der Franziskaner-Kirche dem Gottesdienste bei. Verschiedene Spanier entbrannten hierbei in „heiligem Eifer", errichteten einen Scheiterhaufen und verbrannten darauf eine Puppe, die einen Juden darstellte. Dann drangen sie in das Judenviertel ein, bemächtigten sich der Thora-Rollen in der Synagoge und verbrannten sie ebenfalls. Die Rabbiner beschwerten sich bei Villanueva, der die Ausschreitungen scharf rügte. Der Vorfall scheint von übler Vorbedeutung für die Errichtung der spanischen Polizei in Tetuan zu sein. Die Madrider Blätter fordern denn auch schleunige Aufklärung des Vorfalls, der geeignet sei, die Initiative der Konferenz zu beeinträchtigen, der aber auch der marokkanischen Zentralregierung nicht gleichgültig sein kann, in deren Namen ja der Delegierte Torres auf der Konferenz bei der Judendebatte die stolze Aeußerung getan haben soll: „So behandeln wir die Juden nicht, wie die Russen es tun!" Uebrigens hat der Präsident der A11ian6e Israelite Universelle in Paris an den amerikanischen Botschafter Henry White und an den Herzog Almodovar bei Rio nach Abschluß der Konferenz von Algeciras folgende Schreiben gerichtet: Paris, den 9. April 1906. Herr Botschafter! Die ganze Judenheit weiß Ihnen innigen Dank für den Wunsch, den Sie in der Konferenz von Algeciras zugunsten der Israeliten von Marokko vorgetragen haben. Niemand kann sich wundern, daß die Anregung zu dieser Kundgebung der Duldsamkeit und des aufrechten Freisinns von dem Bevollmächtigten des großen Landes ausgegangen ist, das mit ruhmvoller Hochherzigkeit die Opfer religiöser Verfolgungen ausgenommen hat und bei mehr als einer Gelegenheit für die Wahrung der Gewissensfreiheit und der Menschenrechte eingetreten ist. Seit langen Jahren haben die marokkanischen Israeliten den Wert des Schutzes würdigen können, den die Vereinigten/'Staaten ihnen gewähre». Durch ihre. Stimme hat Ihr edles Land ihnen einen neuen und glänzenden Beweis seines fördernden Wohl wollens gegeben. Die Alliance Israelite Universelle, die feit fast 50 Jahre, um die Hebung der marokkanischen Israeliten bemüht ist, gib: sich die Ehre, im Namen der marokkanischen Israeliten und in Namen der Israeliten der-ganzen Welt Ihnen den innigste, Dank für den großen Dienst auszuspreche», den Sie soeben der Sache der Gesittung und des Fortschritts geleistet haben. Genehmigen Sie, Herr Botschafter, die Versicherung unserer höchsten Achtung. Der Präsident: Herrn Henry White, Botschafter der Vereinigten Staaten, Rom. gez.: N. Leven. Paris, den 9. April 1906 Exzellenz! Die unvergeßlichen Worte, mit denen Eure Exzellenz be> der Konferenz von Algeciras den von dem ersten Delegierten der Vereinigten Staaten zugunsten der marokkanischen Jsrae liten vorgeschlagenen Wunsch unterstützten, haben im Herzen aller Israeliten das Echo der Dankbarkeit gefunden. In den zahlreichen israelitischen Gemeinden, die pietätvoll die voreinst von der spanischen Judenheit in Ehren gehaltenen Ueberlieferungen pflegen, wird Ihr beredtes Eintreten die freundlichen Erinne rungen wecken, die tief in das Gedächtnis unserer Brüder eingeprägt sind. Die marokkanischen Israeliten haben wiederholt Anlaß ^gehabt, das Wohlwollen der spanischen Regierung anzurufen, und die Vertreter Spaniens in Marokko haben ihre Unterstützung nie versagt. Der neue Beweis, den Eure Exzellenz ihnen jetz: von der Sympathie Sr. katholischen Majestät gegeben hat, rühri sie bis in den Grund ihres Herzens. In ihrem Namen vor allem, und im Namen der Israeliten der ganzen Welt, richte: das Zentralkomitee der Alliance an Eure Exzellenz den Ausdrru: seiner Dankbarkeit für Ihre edlen und hochherzigen Worte. Genehmigen Sie, Exzellenz, die Versicherung unserer höchster Achtung. Der Präsident: gez.: R. Leven. Herrn Herzog von Almodovar del Rio, Minister der Auswärtigen Angelegenheiten von Spanien, Madrid. Die Alliance Israelite Universelle hat sowohl durch ih: Zentralkomitee in Paris, wie durch den Vorsitzenden de Deutschen Konferenzgemeinschaft in Berlin, Herrn Geheimrä Goldberger, an zuständiger Stelle die Einwirkung geübt, sü> deren Erfolg die obigen Schreiben die Danksagung bilden * Eine Reihe verheerender Naturereignisse hat in de jüngsten Zeit alle Welt erschüttert, Das Herz wollte jeden empfindenden Menschen erstarren, wenn er von dem Grube» Unglück las, das Hunderte und Aberhunderte fleißiger, todes mutiger Arbeiter hinweggerafft hat, von den „lebende; Leichen", die an die Oberfläche zurückkehrten, nachdem sie drc Wochen lang in der finsteren Tiefe begraben gewesen waren, den Tod in verschiedenen Gestalten vor Augen. Noch zitterte die Erregung über diese Vorgänge in jeder Brust nach, da warf der Vesuv seinen Aschenregen und seine glühende Lava über blühende Gefilde, Schrecken, Verderben, Tod verbreitend. Das Werk von Menschenaltern war jählings vernichtet, und tief ergriffen verstand man des Dichters Wort, daß dn Elemente Haffen das Gebild von Menschenhand. Kaum aber sind die ersten Aufrufe um Hilfe für die Elenden und U» glücklichen veröffentlicht, so bringt der Draht Nachricht an;