Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 70 (1906)
- Issue
- Heft 17 (27.4.1906)
- Date
- 1906-04-27
- Page
- Seite 195 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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195 vorgelegt, nach dem in den Schulen in Zukunft keine Religion! mehr, sondern nur noch Bibel- und Katechismuslehre unterrichtet werden soll. Um das durchführen zu können, sollen die Schulen vorn Staate übernommen werden, sie sollen den jetzigen Besitzern abgepachtet werden. 20 Millionen Mark sind für den Zweck pro Jahr veranschlagt. Die bisherigen Schulbesitzer sollen sich mit der Regierung gütlich über die Pachtsumme usw. einigen; wo eine Einigung nicht zustande kommt, soll eine königliche Kommission entscheiden. Die Lehrer sind nicht mehr wie bisher zu einem religiösen, „test“ verpflichtet, nnem Nachweis, daß sie mit Leib und Seele der „Sekte" an-;ehören, der die betreffende Schule gehört. Für zwei Stunden n der Woche sollen die Schulen dem Unterricht seitens der Aeistlichen jeder Konfession offen stehen. Zu diesem Unterricht sibt aber der Staat keinerlei pekuniäre Unterstützung, und der 8esuch dieser Stunden ist nicht obligatorisch. Wo vier Fünftel ner Eltern der Schüler einem Glauben angehören, kann der Religionsunterricht obligatorisch eingeführt werden. Der besuch der Bibel- und Katechismusstunden ist nicht obligaorisch. Und nun tobt der Kampf um diese Schulvorlage mit der ganzen Heftigkeit, die allen derartigen Kämpfen eigen ist. Die Bedeutung, welche derselbe für die Inden in England hat, ist schon nach den oben angeführten Bestimmungen klar rstchtlich. Sie vor allein haben ein Recht zur Klage über den neuen Gesetzentwurf, denn ihre Schulen entsprechen in der Dat den pädagogischen Anforderungen, die erfahrene Schulmänner stellen. Trotzdem werden sich die jüdischen Lehrer nicht in den Kamps mischen. Sie mochten nur die unbeschränkte üontrolle über ihre Schulen nicht verlieren und den hebräischen ilnterricht in den allgemeinen Schulen nicht leiden lassen. Man bat indessen jetzt den Borschlag gemacht, das Hebräische in 'einer Eigenschaft als fremde Sprache als „weltlichen" Unterrichtsgegenstand dem Stundenplan einzusügeri, so daß dann sogar noch ein Fortschritt gegen früher erzielt würde. Anders teht es mit den Privatschulen. Hier könnten vor allen Dingen Me jüdischen Lehrkräfte einfach von ober« herunter durch christ-!iche ersetzt werden, ein Verfahren, das allerdings im East-End nach Lage der Dinge kaum zu erwarten ist. Am gefährlichsten lst die Bestimmung, daß eigentlicher Religionsunterricht nur an zwei Vormittagen je eine Stunde erteilt werden darf! Eine Vermehrung dieser Stundenzahl kann indessen auf Wunsch von vier Fünfteln der Eltern bewilligt werden. Der Minister wird nächstens eine Abordnung des zu dem Zwecke sofort gebildeten Komitees der jüdischen Schulverwaltungen empfangen, um Me Wünsche und Abänderungsvorschläge der jüdischen Jnterssentenkreise entgegenzunehmen. * In Bulgarien hat die Ritualmordlüge von jeher einen uten Nährboden gefunden. In verschiedenen Städten und Dörfern, vor allem in Sliwna und Küstendil, wurde sie auch iesmal von antisemitischer Seite verbreitet. Die freundliche Aufforderung zur Plünderung der jüdischen Häuser und Läden M diesem schönen Anlaß fand natürlich beim bulgarischen Möbel günstige Aufnahme. Angesichts der drohenden Gefahr wandte sich der Großrabbiner von Bulgarien, Dr. M. Ehrenpreis, an den Minister des Innern mit der Bitte um Hilfe. Unmittelbar darauf hat dieser an die Präfekten und Polizei- Mess ein Zirkular erlassen, in dem er denselben den strengsten 'luftrag erteilt, in der Festzeit jede Ansammlung und jeden Aufruhr gegen die Juden, die nur die Folge der antisemitischen Agitation seien, mit allen Machtmitteln zu unterdrücken. Tatsächlich verliefen die Festtage infolge der überall getroffenen Polizeimaßregeln völlig ruhig. Der antisemitische Pöbel, der nicht auf seine Kosten gekommen, wütet jetzt gegen den Minister, weil er seine Pflicht getan — aber er wird damit hoffentlich wenig Glück haben. * Was die Juden in Rußland nun, nachdem die Anleihe zustandegekommen ist, zu erwarten haben, erfahren wir aus dem Interview eines deutschen Journalisten mit Herrn v. Witte. Auf die Bemerkung des ersteren, die Judenfrage könne doch nur von der Regierung aus gelöst werden; die Regierung scheine ihm die Aufgabe zu haben, die Judengesetze selbst gegen den Willen der großen Masse aufzuheben, antwortete der Minister: „Nein, diese Ausgabe hat die Regierung nicht. Ich persönlich stehe den Inden sehr sympathisch gegenüber und wünsche, sie völlig frei zu sehen, aber die Juden sind selbst daran schuld, wenn sie jetzt nicht befreit werden. Sie stehen überall in der Revolution an erster Stelle." „Aber, Herr Graf, das ist doch ganz natürlich!" „Gewiß, theoretisch, eS wäre ja auch ganz hübsch, auf dem Monde zu wohnen, aber die Negierung darf jetzt nichts in der Judenfrage-gegen den Willen des Volkes tun. Die Massen würden sagen, die Juden sind srei geworden, weil sie Minister und Gouverneure gemordet haben. Wenn wir Russen also etwas erreichen wollen, müssen wir auch Revolution machen und Minister und Gouverneure morden." „Da die Regierung aber imstande ist, jedem Aufstande zu begegnen, ist eS doch gleichgültig, ob er aus nationalen, sozialen oder wirtschaftlichen Gründen entstände. Die Hauptsache wäre doch erreicht durch die Beseitigung der Ursache für die revolutionäre Stimmung unter den Juden!" „Ja, die Ursachen .... Gegen den Willen de- Volkes kann und wird die Regierung nichts für die Juden unternehmen. Dieser Ansicht ist muh Se. Majestät der Zar." Es fragt sich nur, welchen Teil des „Volkes" »ran nach seinem Willen fragen wird, ob die Anhänger der „schwarzen Bande" oder die in der Dlrma vertretene konstitntionelldemokratische Partei, die dort sicher die Majorität haben ivird. Unter diesen Umständen gewinnt die Teilnahme jüdischer Bairkiers an der russischen Anleihe eine traurige Bedeutung. In der Londoner Konferenz vom 14. November 1905 unter dem Vorsitz Lord Rothschilds erklärten die anwesenden hervorragenden englischen Finanzmänner, daß für längere Zeit an die Unterbringung einer russischen Anleihe nicht zu denken sei; auch die anwesenden Vertreter aus Rußland, Frankreich irnd Deutschland stimmten darin überein, das; auf die russische Regierung ein Druck unbedingt dadurch ausgeübt werden muffe, daß, soweit jüdisches Kapital in Betracht kommt, ihr eine Anleihe in Zukunft Unmöglich gemacht wird. Dieses Prinzip wurde unter stürmischem Beifall zum Beschluß erhoben. Das Verfahren der jüdischeil Finanzmänner wird, wie die „Oesterreichische Wochenschrift" mit vollem Recht sagt, als eine Lossagung von der Solidarität mit der jüdischen Gemeinschaft gedeutet werden „und das kann im Interesse des Ansehens und der ruhmreichen Tradition der Wiener jüdischen Gemeinde nur tief bedauert werden". Haben doch selbst die liberalen Parteiell in Rußland scharf und nachdrücklich davor gewarnt, dieser Regierung die Mittel zum Kampfe gegen das Volk und hauptsächlich gegen die Juden in die Hand zu geben. «Freilich, die Vertreter des Wortes „Geschäft ist Geschäft" nehmen auf solche Warnungen keine Rücksicht.