Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1906-04-27 · Heft 17 (27.4.1906) · p. Seite 194

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
70 (1906)
Issue
Heft 17 (27.4.1906)
Date
1906-04-27
Page
Seite 194 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3224737-3228690-3228708--62564-3289717
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

ersetzen. Cecil Rhodes hat eigens Stipendien gestiftet zur Förderung solchen internationalen Studentenverkehrs und andere Universitäten tun ein übriges, um fremde Studierende heranzuziehen. Wer wir meinen mit der Maßnahme ja ausschließlich die ganz armen jüdischen Studenten aus Rußland, denen in ihrem Vaterlande nicht nur die Armut, sondern auch die antisemitische Gesetzgebung die Pforten der hohen Schulen verschließt. Sie, die daheim nichts lernen dürfen, sollen auch nicht mehr, wie bisher, bei uns lernen. Sie, die hier mehr als die Aermsten der Armen darben, um nur ihren Wissensdurst befriedigen zu können, sollen fünfzig Mark entrichten, eine für sie unerschwingliche Summe, eine Summe, mit der sie ihren Nahrungsbedarf zwei Monate und noch länger befriedigen, und die sie auch erst hier für schwere Arbeit sich verdienen müssen. Die wahre Humanität und vielleicht auch das Interesse der Wissenschaft würde unseres Dafürhaltens erheischen, j daß solchen, von unwiderstehlichem Wissensdrang erfüllten jungen Leuten die Wege gerade erleichtert würden. Aber die Humanität des zwanzigsten Jahrhunderts ist offenbar ganz anderer Art als diejenige, die die Juden zur Zeit der Abfassung der Bibel und des Talmud hatten. Da wurden keine fremdenfeindlichen, sondern nur fremdenfrenn bliche Gesetze gemacht, und selbst im Mittelalter waren die Hallen der Wissenschaft für alle weit geöffnet. Aber man will ja auch, wie gesagt, gar nicht die Fremden, man will nur die Juden treffen. Alle diese Gesetze und Bestimmungen sind zwar nicht formell, aber doch tatsächlich gegen die Juden, und zwar gegen die ärmsten und unglücklichsten von allen, gerichtet. Es kann den Juden wenig daran liegen, daß man sie überall nicht ausdrücklich nennt, überall aber meint. Und wenn die Humanität weiter nichts erreicht hat, als daß sie solches Versteckenspiel treibt, dann kann sie uns wenig imponieren. Denn diese Humanität ist weiter nichts als ein Rückschritt, der fast noch schlimmer ist als die frühere Judenseindschaft. Daß die zivilisierte Welt sich heutzutage einigermaßen geniert, offen judenfeindliche Maßnahmen zu treffen und deswegen sogar einige Nichtjuden mitleiden läßt, das ist wahrlich kein Fortschritt, eher ein Rückschritt. Den Juden ist es kein Trost, socios haltere malorum. Es tut ihnen eher leid, daß ihretwegen andere Unschuldige und Unglückliche auch leiden sollen. Dir Wucht. Berlin, 25. April, urch die Tagesblätter gingen in dieser Woche verschiedene Nachrichten über die beabsichtigten Massen - ausWeisungen, in denen Wahres und Falsches vermischt war. Wir erhalten dazu die nachfolgenden authentischen Mitteilungen: Vor wenigen Tagen verlautete wieder, das; das hiesige Polizeipräsidium mit Unterstützung des jüdischen Hilfskomitees eine Anzahl russischer Juden an die Grenze befördert hat. Diese wiederholte Mitteilung könnte ein falsches Bild von der Tätigkeit des jüdischen Hilfskomitees erwecken, und wir nehmen deshalb gern Veranlassung, auf Grund sehr zuverlässigerJnsormationen über den augenblicklichen Stand dieser Angelegenheit Näheres zu berichten. Das jüdische Hilfskomitee setzt sich zusammen aus der Unterstützu.ngskommission für hilfsbedürftige durchreisende Juden, Delegierten der Alliance Israelite und des Hilfsvereins der deutschen Juden. Diese drei Korporationen haben eine Zentrale gebildet, welche unter der Leitung des Herrn Dr. Wilhelm Feilchenfeld, des zeitigen Vorsitzenden der Armenkommission der jüdischen Gemeinde, steht und in einem besonderen Bureau des neuen Verwaltungsgebäudes in der Rosenflraße ihre Arbeiten erledigt. Seit 94 -- dem 23. Januar, dem Beginne ihrer Tätigkeit, hat die Zentral über 800 russische Juden von Berlin befördert und sn deren Transport etwa 10 000 Mark aufgewendet. Der Trans Port erfolgte teils nach Kanada, teils nach Frankreiü Belgien, nach der Schweiz, und nur -einige wenige wurde nach Englnnd befördert. Zum größten Teil sah sich das Hilfskomite jedoch gezwungen, den Rücktransport nach Rußland zu veranlassen so daß also von einer Förderung der Auswanderung in dvr T nicht die Rede sein kann. Die Ausweisung russischer Juden au Berlin, und zwar nicht nur der mittellosen und beschäftigungslosen hatte besonders auf Veranlassung des Ministeriums des Innern eine, recht großen Umfang angenommen, während das Polizeipräsidim i sich" anfangs sehr entgegenkommend zeigte. Neuerdings scheint am) wieder eine mildere Praxis der Ausweisungen in die Wege geleitet z i werden. Das Hilfskomitee hat den Nachweis erbringen können, da; die massenhaften Ausweisungen gar nicht im Sinne der russische, < Regierung sind, und nach eingehenden Konferenzen mit dem Voisitzenden des Hilfskomitees hat das Polizeipräsidium in einem soebe•: eingetroffenen Schreiben eine längere Duldungsfrist für die russische Flüchtlinge zugesagt. Die Zentrale hat es übernommen, die mitten losen und beschäftigungslosen russischen Juden nach und nach au Berlin herauszubefördern; sie hat sich auch der selbstverständliche Forderung des Polizeipräsidiums angeschlossen, daß alle diejenige! Russen, die sich irgendwie politisch betätigen, aufs schnellste aus Berlin ausgewieseu werden. Wie an zuständiger Stelle erklärt wird, sin in der letzten Woche insgesamt etwa 25 Ausweisungsbefehle ergangen davon allerdings 20 allein vom politischen Dezernat der Polizei. Do Hilfskomitee hat demgemäß den sich hier aufhaltenden russischen Juden eine gedruckte Warnung in deutscher Sprache und im Jargon zugehe > lassen, wonach sie eine sofortige Landesverweisung zu gewärtigen Haber sobald sie sich politisch mißliebig machen oder auch nur mit politiso, verdächtigen Personen in Verkehr treten. Dagegen hat die Zentral.! nachdrücklich den Wunsch geltend gemacht, daß diejenigen Russen, di hier schon längere Zeit hindurch für ihren Unterhalt auskömmlini Sorge tragen und niemand zur Last fallen, fernerhin "geduld.t werden sollen. Eine bestimmte Znsicherung ist darauf bisher nrn?, nicht erfolgt. Einzelne Gruppen gelernter russischer Arbeiter habe i sich hier übrigens vorzüglich bewährt , und geradezu als unentbehrlic, erwiesen. So hat sich der christliche Besitzer einer sehr bedeutenden in einem Vorort Berlins belegenen Weberei an das Hilfskomiü gewandt, ihm russische Weber zur Einstellung in seine Fabrik z > überweisen. Das Komitee hat diesem Wunsche noch nicht Nachkomme > können, da die Verhandlungen über die Ausweisungen noch nicht z - einem positiven Resultat gediehen sind. Der erwähnte Fabrikbesitzer hat sich nunmehr auf Veranlassung des Vorsitzenden des Hilfskomitee - direkt an den Herrn Minister des Innern gewandt und darauf hü gewiesen, daß er nur die Hälfte seiner Webstühle hat besetzen könne während er vorher mit glänzendem Erfolge jüdische russische Arbeit, r an den jetzt freistehenden Stühlen verwenden konnte. Auf Grur? dieses Nachweises hat der Fabrikbesitzer um Duldung dieser Arbeit r nachgesucht. Der ministeriellen Antwort dars mit Spannun i entgegengesehen werden, und wir werden nicht verabsäume -, von dem Bescheide alsbald Kenntnis zu geben. Von-den Zigarettefabriken ferner werden russische Tabakschneider dringend verlang derartige Arbeiter sind hier sehr schwer auszutreiben. Nur in lar jähriger Tätigkeit kann die Kunst des Tabakschneidens erlernt werd > und erfordert sehr große Uebung und Gewandtheit, die den russisch n Arbeitern weit mehr eigen ist als den deutschen. Endlich hatte si ' auch eine große Metallwarenfabrik^ um "Zuweisung von russische i Arbeitern an das Hilfskomitee gewandt, doch ist aus Gründen d augenblicklichen Metallarbeiterstreiks dieser Bitte nicht entsproß worden. Es wäre somit im Interesse vieler hundert russischer Arbeite dringend erwünscht, wenn man diesen aus Jammer und Not gflüchteten Arbeitern so die Möglichkeit eines auskömmlichen Er werbs geben wollte. Von rein wirtschaftlichem Standpunkte dürfte sich aus dieser Konzession gewiß keine Nachteile ergeben. * In England tobt jetzt auch der Kampf um die Schule. .D^ neue liberale Unterrichtsminister Augnstian Birrell hat ein Gese >

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.