Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 70 (1906)
- Issue
- Heft 17 (27.4.1906)
- Date
- 1906-04-27
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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70. Jahrgang. No. 17. Berlin, 27. April 1906. Gin unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse. Diese Zeitung -erscheint wöchentlich, i Tlbottti entett ts-pt ets: durch Buchhandel! oder post (in Berlin «. Vororten durch unsere . vertriebsstellen) bezogen vierteljährl. 3 M. : Uebafietit: (Bujtav Ziarpetes. &e$rünbet von Rabbiner D» Ludwig philippson. VsrlgM-LrpkMoll: Berlin, Jerasalemerstr. 46/49. Alle Zusendungen für Redaktion und Expedition find an die Adresse: Verlag der „Allgrm Zeitung des Judentums", Berlin SW., Jerusalemer Straße 46>./49. richten. Verlag von Rudolf Mosse, Berlin. Moderne Humanität. Berlin, 24. April, ir tun uns heute so ungemein viel auf unsere Humanität zugut. Wir fürchten, nicht ganz mit >iecht. Die strengen Maßregeln gegen arme, aus einem rennenden und unterwühlten Staatsgebäude ihr nacktes Leben ettende Flüchtlinge zeugen dagegen. Wir haben nur von amen Flüchtlingen gesprochen, armen, im Gegensätze sowohl u reichen als auch zu verbrecherischen Flüchtlingen. Wir önnen wohl begreifen, daß wir nicht dazu da sind, alle in tußland zu Taschendieben und sonstigen Verbrechern Gezücheten in Deutschland auszunehmen. Ob selbst die in andere .ander geflüchteten Russen, die hier Verbrechen begangen haben, nefe Härte verdienen, wollen wir nicht näher untersuchen, aus Furcht, daß wir auch da zu einem für unsere Humanität abälligen Urteil kommen müßten. Denn tatsächlich sind selbst mter vorrevolutionären Verhältnissen in Rußland die Leute ur Spitzbüberei erzogen und gezwungen worden. Das gilt zanz besonders von den Juden, denen man durch eine ungeheuerliche Gesetzgebung die Gewinnung des Lebensunterhalts ungemein erschwert, ja einem großen Teil selbst fast unmöglich gemacht hat. Durch den russisch-japanischen - Krieg , und die zahlreichen Judenhetzen haben viele ihr ganzes Hab und Gut verloren und andere haben, um nur vor den immer von neuem drohenden Pogroms mit dem nackten Leben davon zu kommen, für ein Geringes ihren Besitz verkauft. das nur hinreichte, um bis über die Grenze zu kommen. Mit solchen, durch größere und privilegierte Verbrecher beraubten, aller Mittel entblößten Menschen in dem fremden Lande, in dem sie nicht einnoch aus wissen, wird man auch nicht gar zu streng ins Gericht gehen dürfen, und dürfte sie schonender behandeln. Warum sollte man ihnen nicht wenigstens Zeit lassen, ich einen Sparpfennig zu erarbeiten oder auch bei Glaubensgenossen und anderen mitleidigen Seelen zu erbetteln, um nach iniger Zeit ein gastfreieres Land aufzusuchen? Aber nur die Allerwenigsten haben sich im fremden Lande etwas zuschulden ommen lassen. Auch politische Bedenken liegen gegen sie nicht >or. Die ausgleichende Gerechtigkeit aber besteht darin, daß nan auch gegen seit Jahren Ansässige und gegen Wohlhabende oorgehk, deren einziges Vergehen darin besteht, daß sie im remden Lande ihr Geld unter die Leute bringen. Was aber sagt die Humanität des zwanzigsten Jahrhunderts, wenn das eine Land fest entschlossen ist, die Juden ruf dem Wege der Gesetzgebung in kurzer Zeit verhungern zu nassen oder auf dem schnelleren und darum fast barmherzigeren Wege der Judenmassakers auszürotten und ein Land nach dem anderen den Fliehenden und Vertriebenen die Grenzen verschließt? Was sollen dann die verzweifelten Massen tun? Doch was verzweifelte Menschen tun können, wissen wir. Neugierig dagegen sind wir, was dann die vielgerühmte Humanität tun würde, unsere Humanität, von der wir selbst soviel Rühmens machen. Aber auch ohne daß es zu diesem äußersten kommt, ist es schlimm genug, daß selbst das stolze England, ja die nur durch die Einwanderung groß gewordene transatlantische Republik, in der Raum noch für Hunderte von Millionen Menschen ist, den Armen — gemeint sind namentlich die armen russischen und rumänischen Juden — die Einwanderung möglichst erschwert. Mit Recht ist gesagt worden, daß selbst bei den jetzt schon in den Vereinigten Staaten bestehenden Einwanderungsgesetzen, die bekanntlich noch verschärft werden sollen, ein Benjamin Franklin nicht hätte ins Land kommen können. Und wieviele von den amerikanischen Milliardären hätten, wenn es nur nach den Geldmitteln ginge, amerikanisches Land betreten dürfen? Ist es nicht gerade der Stolz der Vanderbilt, der Carnegie und fast aller Milliardäre, die in den Königspalästen der fünften Avenue wohnen, daß sie mit nichts angefangen haben? Und da will man russischen Juden nur dann gestatten ins Land zu kommen, wenn sie einen mehr oder minder großen Dollarhaufen dem Einwanderungskommissar vorzeigen können? Den russischen Juden, die gerade wegen ihres Fleißes^ ihrer Zähigkeit, ihrer Anspruchslosigkeit, solange sie es nicht zu etwas gebracht haben, bekannt sind, und die bewiesen haben, daß sie selbst unter den scheinbar ungünstigsten Bedingungen zu existieren, ja sogar wirtschaftlich sowohl wie geistig vorwärts zu kommen vermögen. Die Einwanderungsgesetze des zwanzigsten Jahrhunderts legen wahrlich kein Zeugnis ab für große Humanität. Und die neueste Leistung der Hochschulen gegen die „Schnorrer und Verschwörer"! Denn hauptsächlich gegen sie richtet sich die Maßnahme, daß ausländische Studierende eine verhältnismäßig nicht unerhebliche Abgabe entrichten sollen. Die wenigen Studenten aus den westlichen Kulturländern verlohnte es sich nicht zu besteuern: Es wäre dies nicht nur ungastlich, sondern auch unklug. Der Studentenaustausch ist mindestens ebenso wünschenswert wie der Professorenaustausch. Die Profesforenweisheit läßt sich zur Not auch aus Büchern lernen; nicht ersetzt dagegen kann werden der intime Verkehr junger Leute aus verschiedenen Ländern in ihrer Werdezeit, und was unsere Universitäten den fremden jungen Leuten etwa gratis geben in materieller Beziehung, gehen diese wieder durch ihren Konsum. Was sie in ideeller Hinsicht geben, ist aber noch weniger zu unterschätzen, ist eben einfach nicht zu