Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 70 (1906)
- Issue
- Heft 16 (20.4.1906)
- Date
- 1906-04-20
- Page
- Seite 2 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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Vorstandsmitglied der hiesiger: jübifiijen Gemeinde, Herr Leopold Badt, begrüßte mit herzlichen Worten die zahlreich Erschienenen. Er hob hervor, daß der Verein auch in diesem Jahre segensreich gewirkt und an der Spitze der Charitas marschiert sei. Das Andenken der im vorigen Jahre Heimgegangenen Mitglieder, der Frau Rätin Cohn in Breslau und des hier verstorbenen Geh. Sanitätsrat Dr. Heinrich Straßmann, ehrte er in warmempfundenen Worten. Geh.-Nat Straßmann war eine Zierde des Aerztestandes, aber er blieb auch ein treuer Sohn der Vaterstadt und seine Zuneigung zu den Landsleuten Hai er wiederholt zum Ausdruck gebracht. Der Vorsitzende bittet, das Beispiel der Gebr. Todtmann in Homburg inne zu halten, die durch Subvention der Landsleute in edler Weise gedacht. Herr Bankier Pasch verlas den Geschäftsbericht, der über Ein- und Aus-! gang detaillierten Aufschluß gab. Er appellierte an die Mitglieder, durch Heranziehen neuer Kräfte die Zahl zu erweitern, und nicht zu ermüden im Sinne hierfür. Wiedergewählt wurden Herr Leopold Badt. Herr Pasch und Herr Oberlehrer Dr. Rosenthal. Nun ergriff der landsmännische Sprecher Herr A. Cohn das Wort zu einer längeren Rede, die formvollendet und mit sprühenden: Geiste ansgestattete Bilder der Vergangenheit entrollte. Großer, anhaltender Beifall lohnte die mit stürmischer Begeisterung aufgenommene Rede. s. Berlin, 12. April. Der an: 7. Februar verstorbene Kommerzienrat Joseph Pinkuß hat testamentarisch eine größere Anzahl von Legaten ausgesetzt, u. a. an die Stadtgemeinde Berlin zur Verteilung der Zinsen an Arme ohne Unterschied der Konfession 50 000 Mark, den gleichen Betrag an die jüdische Gemeinde zu Berlin, an die Korporation der Kaufmannschaft 30 000 Mark, an den Verein junger Kausleute von Berlin 25 000 Mark, an das Kaiser und Kaiserin Friedrich Kinderkrankenhaus und an die Stiftung der Berliner Feuerwehr je 20 000 Mark, an das Krankenhaus und an die Altersversorgungs-Anstalten der jüdischen Gemeinde je 15 000 Mark, an das Baruch Auerbachsche Waisenhaus und an den Brüderverein je 10 000 Mark, an das Asyl für Obdachlose, den Verein zur gegenseitigen Unterstützung und an das Israelitische Heimathaus je 5000 Mark. Außerdem haben seine Heimatstadt Tarnowitz in Oberschlefien und eine Anzahl Angestellter seines früheren Bankhauses größere Legate erhalten. i. Schöneberg, 12. April. In unserer Stadtverwaltung scheint nun auch etwas von antisemitischem Geiste zu herrschen. Die letzte Sitzung der Stadtverordneten am 2. d. brachte Licht in die Sache. Zunächst, ergriff Stadtv. Dr. Freund das Wort zu einem Protest gegen die Wahl des Stabsarztes Dr. Huber in Hannover zum Direktor der inneren Abteilung des neuen städtischen Krankenhauses. Für das Amt Hütten sich 22 Bewerber gemeldet, von denen fünf zur engeren Wahl gestellt worden seien. Von diesen fünf hervorragenden Medizinern habe sich die Deputation für den bekannten Professor Dr. Hermann Strauß. Berlin, der lange Jahre bei- Professor Senator tätig war, einstimmig entschieden und ihn dem Magistrat präsentiert. Dieser habe am nächsten Tage aber weder Professor Strauß noch einen der vier anderen, sondern den Stabsarzt Dr. Huber gewählt, an den kein Mensch gedacht habe. Dieses Vorgehen des Magistrats dürfe sich die Deputation nicht gefallen lassen, deshalb lege er im Verein mit den Stadtv. Obst und Kutznitzky sein Amt als Mitglied der Deputation nieder. Stadtv. Kutznitzky schloß sich diesen Ausführungen an. Stadtv. Obst behauptete, innerhalb des Magistrats habe der Antisemitismus Platz gegriffen, denn nur so lasse fick» sein Vorgehen bei der Wahl erklären. Dagegen müsse ganz entschieden Front gemacht werden. Stadtv. Gottfchalk hielt das Vorgehen des Magistrats für eine Herausforderung und Beleidigung der gesamten Stadtverordnetenversammlung. Der Magistrat habe sich bei seiner Wahl von subjektiven, jedenfalls antisemitischen Erwägungen leiten lassen. Stadtrat Leonhard bestritt dies entschieden. Auch Stadtrat Temor wies ebenfalls den Vorwurf des Antisemitismus zurück. Damit war diese Angelegenheit erledigt, heißt es im Bericht. Hoffentlich ist sie damit nicht erledigt! F. Thorn, 12. April. Der Vorstand des Literatur- und Kulturvereins feierte am 2. d. Nt. in der Aula des Gemeindehauses den 100. Geburtstag Gabriel Rießer s, zu welcher Feier sich ein so zahlreiches Publikum eingefunden hatte, daß der große Saal ^und das j Sitzungszimmer bis auf den letzten Platz gefüllt waren. Eingeleitet! wurde die Feier durch einHartnouiumvorspiel, ausgeführt von Herrn Justizrat Radt. Hieran schloß sich ein von Fräulein Gerson vorgetragener stimmungsvoller Prolog und ein Gesangsvortrag des Vereins „Liederhort". Alsdann nah«: das Vorstandsmitglied Herr Adolf Jacob das Wort zw einer Festrede über ^Gabriel Rießers Leben und Wirken". Er feierte Rießer, den edlen Hamburger Bürger, als den ersten zielbewußten Vorkämpfer für die bürgerliche Gleichstellung der Juden in Deutschland und zugleich als den ersten Vorkämpfer für die Einheit Deutschlands. Lebhafter Beifall folgte den eindrucksvollen Ausführungen des Redners. Ein Gesangsvortrag und ein Harmoniumnachfpiel schlossen die würdige Gedenkfeier. a. Magdeburg, 8. April. Am 1. d. M. schied von hier Herr Rabbiner Dr. Grzymisch.nachdem derselbe vier Jahre in unserer Gemeinde als Rabbiner und Leiter der ReUgionsschule segensreich gewirkt hatte. Dr. Grzymisch hat es verstanden, sich durch seine hervorragenden Eigenschaften die Anerkennung und die Liebe weiter Kreise in hohem Maße zu erwerben. Dafür legen ein beredtes Zeugnis ab die Ehrungen, die ihm bei seinem Abschiede von verschiedenen Seiten zuteil geworden sind. Zahlreiche Gemeiudemitglieder spendeten ihn: einen silbernen, künstlerisch ausgeführten Chanukahleuchter mit der Inschrift: „Herrn Rabbiner Dr. Grzymisch in dankbarer Anerkennung für seine segensreiche Tätigkeit gewidmet von zahlreichen Freunden der israelitischen Gemeinde Magdeburg", sowie ein Gewürztürmchen und einen Becher. Diese Geschenke wurden von einer Deputation nach einer feierlichen Ansprache überreicht. Im Namen des Synagogen-Gesangvereins überreichte dessen Vorsitzender eine prächtige Silberschale mit Blumenarrangement, ebenfalls mit entsprechender Inschrift. Ferner erschien der Vorstand des Vereins für jüdische Geschichte und Literatur, namens dessen der Vorsitzende Justizrat Choyke eine den Herrn Dr. Grzymisch ehrende Ansprache hielt und ihm eine Adresse überreichte, in der die Ernennung zun: Ehrenmitglied des Vereins ausgesprochen ist. Auch sonst sind dem Herrn Dr. Grzymisch viele Beweise der Liebe, deren sich derselbe zu erfreuen hatte, von Vorstands- und Gemeindemitgliedern in Gestalt sinniger Geschenke dargebracht worden. u. Breslau, 9. April. Am 2. d. M. fand im großen Saale der Lessingloge eine Gedenkfeier anläßlich des 100. Geburtstages Gabriel Rießers statt, die sehr gut besucht war. Neben dem Rednerpult hatte ein Bildnis Rießers, umgeben von Lorbeerbäumen, Aufstellung gefunden. Herr Dr. Reich eröffnete die Versammlung und begrüßte die Anwesenden. Nach ihn: ergriff Herr Rechtsanwalt Joel, der Hauptredner des Abends, das Wort zu einem längeren Vortrag, in dem er das Leben und Wirken Rießers in glänzenden Ausführungen schilderte. Gerade die Zurücksetzung, der Rießer in seinem Berufe überall begegnete, habe ihn immer von neuem angefeuert, für das Judentum einzutreten. Er schloß mit der Ermahnung, daß der Gefeierte gerade uns ein Vorbild in der jetzigen schweren Zeit sein müsse. Reicher Beifall lohnte seine Ausführungen. Nach ihm widmete noch Herr Rechtsanwalt Hirschberg dem Gefeierten Worte des Dankes und der Verehrung. Zum Schluß ergriff Herr Landgerichtsrat Wöllstein das Wort und wies darauf hin, daß der Traum Rießers, die Einigung Deutschlands, in Erfüllung gegangen sei, sein zweites Ziel aber. Recht für alle, noch nicht erreicht sei. In unserem Kampf um die Ausführung unserer Gleichberechtigung müsse uns daher Rießer zum Vorbild dienen, damit wir in seinem Wirken Mut und Kraft finden, dieses Ziel zu verwirklichen. Diesen Schlußworten folgte begeisterter Beifall, und jeder ging mit dem Gefühle weg, daß er soeben das Leben und Wirken eines seiner größten Männer kennen gelernt hatte. A. Dresden, 9. April. In der am 18. v. M. stattgefundenen Ersatzwahl eines Vorstehers unserer Gemeinde an Stelle des aus Gesundheitsrücksichten ausgeschiedenen und inzwischen leider verstorbenen Herrn Justizrats Gustav Meyer wurde fast einstimmig Herr Bankier Oskar Lesser gewählt. Diese Wahl ist insofern eine glückliche zu nennen, als Herr Lesser durch seine Wirksamkeit als Vorsteher zahlreicher Wohltätigkeitsinstitute sich großer Popularität in unserer Gemeinde erfreut. Wenn derselbe neben seiner ausgebreiteten Berufstätigkeit sich in so aufopfernder Weise fast allen Gebieten unserer Gemeindeverwaltung widmet, so ist das in erster Linie seinem wahrhaft jüdischen Herzen und nicht zum mindesten