Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 70 (1906)
- Issue
- Heft 16 (20.4.1906)
- Date
- 1906-04-20
- Page
- Seite 192 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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»Vier bis fünf Tage!" rief Eisenmann, dem die Rücksichtslosigkeit seines Gegners empörte, hitzig aus. „Das kann vielleicht doch noch anders werden, als Sie glauben. Herr Pastor. Mit der gütigen Unterstützung der Regierung dürste es für mich wohl nicht unmöglich sein, eine Aufenthaltsverlängerung zu erwirken, bis —" „Bis Sie die ganze Stadtverordnetenversammlung sich willfährig getrunken haben," lachte Engzelius. „Sie geben einen sehr schlechten Diplomaten ab, Herr Rabbiner, Sie lassen mich ja alle Ihre Trümpfe sehen. Auf Ihre neue Provokation erwidere ich Ihnen aber, daß ich immer mehr zu der Ueberzeugung komme, daß Ostrokow für uns beide nicht Raum genug hat, und daß daher, solange ich hier Pfarrer bin. Sie nicht Rabbiner werden können. Das ist mein letztes Wort. Ich ernpfehle mich Ihnen bestens, Herr Rabbiner." < Fortsetzung folgt.) Literarische Mitteilungen. Jüdische Sagen und Legenden. Von Dr. Bernhard Kuttner. IV. Bändchen. Frankfurt a. M., Verlag von I. Kauffmann. 1906. Nicht unbestritten ist der Pädagogische Wert des Märchens. Seine Welt voll Farbenpracht und Wundern und seine völlige Unabhängigkeit von Zeit und Raum flößt manchem Erzieher Bedenken ein. Es gefährde, so glaubt man, das Wirklichkeitsgefühl des Kindes, auf dessen Entwicklung gerade von modernen Moral' Pädagogen so großer Wert gelegt wird. Anders verhält es sich mit der Sage und Legende. Sie schließt sich meist an geschichtliche Persönlichkeiten oder denkwürdige Stätten an. zeigt uns häufig Dinge, die uns schon in der Geschichte ent gegengetreten sind, in neuem Lichte. Wie ihre griechische und römische, so hat unsere Jugend nunmehr auch ihre jüdische Sage. Und es braucht kaum hervorgehoben zu werden, worin eigentlich das Verdienst des Verfassers vorliegenden Werkes besteht, wenn man erwägt, wie wenig zugänglich die bisher vorliegenden Sammlungen unserer Jugend, der wir wedör Zeenu ur’enu noch Maassebücher in die Hand geben können, gewesen sind. Es soll nicht untersucht werden, ob diese oder jene Geschichte nicht hätte entbehrt werden können, und ob nicht dafür manche andere aufzunehmen gewesen wäre. Genug, daß das in den vier Bändchen vorliegende Material ein schönes, wertvolles Ganzes bildet, das in unserer an guten jüdischen Jugendschriften so dürftigen Zeit aufrichtig willkommen geheißen werden darf. Der Verlag ist im Begriff, das Ganze nunmehr in einem einzigen Bande in vornehmem Gewände erscheinen zu lassen, und es wird damit ein Geschenkwerk ersten Ranges geschaffen sein. Da die drei ersten Teile bei ihrem Erscheinen vielfache Besprechungen gefunden haben, so soll nur noch mit einigen Worten auf das vierte Bändchen hingewiesen werden. — Es enthält unter anderem Sagen von Abraham und Moses Gabirol und Maimonides, und schließlich von Saul Wahl, dem Eintagskönig von Polen. Als Beispiel einer ethisch besonders wirksamen Erzählung mag die Geschichte von Alexander dem Großen genannt sein, der seine Mutter in einem Briefe bittet, sobald sie Kunde von feinem Tode habe, alle Sorgenfreien unter den Großen seines Reiches zu einem königlichen Gastmahle einzuladen. Alexander stirbt; die Mutter erfüllt den Wunsch des Sohnes, aber siehe da, kein einziger Gast erscheint. Es gibt keinen Menschen, dessen Seele nicht irgendein Leid drückt. Der Gedanke tröstet die Mutter. Anregend und pädagogisch wertvoll ist die Erzählung von dem Reichen, der den Armen nichts geben kann, weil böse Geister die Macht über seine Geldschlüssel haben, der ihnen aber die Herrschaft entreißt und so ein wohltätiger Mann wird. Wenn auch die Erzählungen im allgemeinen durch sich selbst wirken sollen, so wird es doch gut sein, eine solche Gelegenheit zu ergreifen, um die Kinder darauf hinzuweisen, wie all die schlechten Gewohnheiten und üblen Eigenschaften nichts sind als solch böse Zwerge, die, wenn wir nicht wachsam sind, Gewalt über uns gewinnen und uns binden, wie die Liliputaner den schlafenden Gulliver. Daß wir früh damit beginnen müssen, uns zum Kampfe gegen die allzeit lauernden Gnomen zu wappnen, die uns wie die Macht über die Schlüssel zum Geldschrank, so auch die Herrschaft über die Zunge, den Magen, die Lachmuskeln und manches andere rauben. In früher Jugend' muß aber die Kriegführung beginnen, wenn es uns nicht ergehen soll, wie der geizigen Frau, in deren Hand sich die Goldstücke zu Fröschen, Ameisen und noch schlimmeren Tierchen verwandelten. Ohne mehr vom Inhalte, des Werkes zu verraten, schließen wir mit dem Wunsche, daß das Buch Eingang in die jüdischen Häuser und Schulen finden möge. Es wird — wie eine wahre Jugendschrist es soll — die Kinder und nicht minder die Erwachsenen ergötzen und erheitern und sie in unaufdringlicher Weise ethisch bereichern. Frankfurt a. M. E. Gut. * Abr. Galgoczi: Der Wunderrabbi. Galgocz 1905. Selbstverlag. Dieses Drama, dessen Stoff aus dem jüdischen Volksleben im nordöstlichen Ungarn geschöpft, Einblick in ein merkwürdiges, großstädtischen Lesern ganz und gar unbekanntes Milien gewährt, ist deshalb von großem Interesse. Wenn man es als Tendenzstück betrachtet, so sind die braven Intentionen des Autors, der Mut, die Aufrichtigkeit, mit der er dem Zelotentum und dem Aberglauben an den Leib rückt, bedingungslos zu loben. Galgöczi, ein sehr verdienstvolles Mitglied des ungarischen Lehrerstandes, nimmt in seinem Werke den Unfug des Wunderrabbinertums aufs Korn und führt den Kampf gegen die geistige Finsternis mit guten Waffen. Eine Menge von fesselnden Episoden ist mit der Handlung verflochten, der Umstand macht das Werk zum Buchdrama; allein andererseits beleuchten diese Episoden das Leben und Denken der dem Chasstdisnnls huldigenden Judenschaft ungemein scharf, und was auf der Bühne ein Fehler, erweist sich in der Lektüre als nicht zu unterschätzender Vorzug. Wir glauben, daß „Der Wunderrabbi" viele Leser finden wird. Sprechsasl. Sehr geehrter Herr Redakteur! u der Ausführung des Herrn Rabbiners Dr. Nordheimer im Sprechsaal der Nummer 14 dieser Zeitung bezüglich der bekannten Stelle in Matth. 5, 43-44, möchte ich mir folgende Bemerkung gestatten: Wie wenig die hebräische Uebersetzung des Neuen Testaments, das bekanntlich in der griechischen Sprache verfaßt war, bei einer wissenschaftlichen Untersuchung der genannten Stelle in Matth, auch in Betracht kommt, so sei doch darauf hingewiesen, daß dieser Satz in hebräischer Uebertragung nicht in allen Ausgaben gleichlautend ist. Die erste hebräische Uebersetzung des Neuen Testaments im vorigen Jahrhundert veranstaltete die Londoner Judenmission im Jahre 1817, und in dieser Ausgabe lautet der- Satz: *1)2X3 Ofirfcttf ns n&WEn “im*? mrm Ebenso lautet dieser Satz bei Franz Delitzsch. In Levit. 19, 17. heißt es ausdrücklich: „Du sollst Deinen Bruder nicht hassen"; der folgende Vers enthält zum Schluß das Gebot: „Liebe Deinen Nächsten wie Dich selbst." Den Redakteuren des Neuen Testaments kann der vorangehende Vers unmöglich entgangen sein. Wenn sie trotzdem dem Ausspruch: „Du sollst Deinen Nächsten lieben", die Worte: „und Deinen Feind hassen" angefügt haben, so geschah es nicht, weil sie, wie Herr Dr. Nordheimer glaubt, aus dem Gedächtnis zitiert und die Worte aus Exodus 23, 22, entstellt wiedergegeben hätten, sondern weil sie die Lehre ihres Stifters in dem Nachsatze: Ich aber sage Euch, liebet Eure Feinde usw., wenn auch auf Kosten der Wahrheit glorifizieren wollten. In einem viel günstigeren Lichte erscheint die Bergpredigt, wie sie in Ev. Lucae 6, 20 ff., wiedergegeben ist, wo der angeführte Satz aus Matth. 5. 43-44, fehlt. - Ergebenst Albert Katz. Druck und Verlag von Rudolf Mosfe in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Max Bauchwitz in Berlin.