Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 70 (1906)
- Issue
- Heft 16 (20.4.1906)
- Date
- 1906-04-20
- Page
- Seite 191 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3224737-3228690-3228707--62556-3289708- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
schien ihnen gegenüber gewichtiger zu sein, als es dem Herrn Pastor gegenüber gewesen war — für jetzt aber sei er ihr geistiger Führer und als solcher müsse er seine Pflicht tun. Zwei, drei, vier Tage vergingen und am Morgen des fünften Tages erhielt der Herr Rabbiner ein sehr höflich abgefaßtes Schreiben des Herrn Pastors, in dem dieser ihn bat, ihn doch im Laufe des Tages einmal zu besuchen. Eisenmann machte sich Vorwürfe. Warum hat er doch nicht ein bißchen gewartet? Warum hatte er seine in erregten Ausdrücken abgefaßte Denunziation in so großer Eile weggesandt? Offenbar hatte sich auch Engzelius die Sache überlegt und wünschte sie jetzt freundschaftlichst zu regeln; das war doch die einzige Auslegung, die man der in dem Brief enthaltenen Einladung geben konnte. Als der Rabbiner das Pfarrhaus betrat, in dessen.Wohnung ihn die Frau Pastorin empfing, wuchs sein Bedauern noch um ein Beträchtliches. Die Frau Pastorin saß in einem Krankenstuhle; ihr blaffes und mit Runzeln bedecktes Gesicht trug die Spuren früherer Schönheit und erzählte von großer Geduld und Sanftmut; ihr Haar war infolge schwerer Krankheit frühzeitig ergraut. In herzlichem Tone forderte sie den Rabbiner auf, Platz zu nehmen, der Herr Pastor sei in seinem Studierzimmer, würde aber bald herunterkommen. Nein, sie sei immer noch nicht so recht auf dein Posten; sie hätte furchtbar unter der schrecklichen Hitze zu leiden — schon seit zehn^Wochen habe es keinen Tropfen geregnet, und wenn es erst regnen würde, dann würde es auch ihr wieder ganz besser werden. Das erste, was sie sich vorgenommen hätte zu tim, wenn sie wieder ausgehen könnte, war, der Frau des Herrn Rabbiners, von der sie soviel Gutes hatte erzählen hören, einen Besuch zu machen; um so mehr, als sie speziell der Ansicht wäre, daß die, die denselben Beruf verfolgten, miteinander auf freundschaftlichem Fuße stehen sollten, und solch künstliche Unterschiede wie Bekenntnis und Nationalität nicht gelten lassen dürften. Seien wir denn nicht alle Kinder eines Gottes? Ah, da kommt ja der Herr Pastor. Eisenmann erhob sich rasch und warf beim Eintritt des Pastors einen prüfenden Blick auf sein Gesicht. Was die Frau Pastorin gesagt hatte, klang so bedeutungsvoll, daß des Rabbiners Hoffnungen auf eine vollständige Versöhnung fast zur Gewißheit geworden waren. Seine Hoffnungen schwanden aber um ein gut Teil, als er das glattrasierte Gesicht mit seinen strengen Zügen sah, die ebenso streng und erbarmungslos wie nur je zuvor dreinschauten. Zwei tiefe Furchen, die durch das Runzeln der Augenbrauen veranlaßt wurden, liefen über die ganze Stirn und sie waren ein unverkennbares Zeichen, daß eine heftige Erregung den Mann durchzitterte. „Guten Tag, Herr Pastor. Wie Sie sehen, habe ich keine Zeit verloren," begrüßte ihn Eisenmann, sich zu einem Lächeln zwingend und dem Pastor seine Hand entgegenhaltend. „Und dah er will ich auch keine Zeit verlieren," antwortete Engzelius in eisigem Tone, die ihm zum Gruße gebotene Hand nicht beachtend. „Ich habe gewisse Neuigkeiten, Herr Rabbiner, die ich zwar sicherlich berechtigt wäre, für mich zu behalten, von denen ich aber der Billigkeit wegen Ihnen Kenntnis geben will. Es wird Sie freuen zu hören, Herr Rabbiner, daß Ihre Beschwerde beim Konsistorium einen glänzenden Erfolg gehabt hat. Mit bewundernswerter Schnelligkeit hat man mir einen Verweis erteilt — ich darf sogar sagen, einen sehr strengen Verweis." „Ich bedauere unendlich, Herr Pastor," stammelte Eisenmann, der über und über rot geworden war. „Ich will es glauben, daß Sie es bedauern, Herr Rabbiner," fuhr Engzelius in demselben eisigen Tone fort. „Sie hätten das aber vorher bedenken sollen. Wenn ein Mann einen anderen herausfordert, so muß er erwarten, daß seine Forderung aufgenommen wird, zumal dann, wenn sein Gegner stärker ist als er. Und daß ich stärker bin als Sie, Herr Rabbiner, das glaube ich Ihnen beweisen zu können, wenn vielleicht auch nicht gerade zu Ihrem Vergnügen." Das Gesicht der Frau Pastorin zeigte einen noch schmerzlicheren Ausdruck, als sie diese seltsame Unterhaltung mit anhören mußte. „Lieber Robert, ich weiß zwar nicht, was der Herr Rabbiner getan hat, ich bin aber überzeugt, daß er es zum besten gemeint hat," warf sie mit ihrer sanften Stimme ein. Mit einer verneinenden Geste antwortete ihr der Pastor, der sich wieder Eisenmanu znwandte: „Offengestanden, Herr Rabbiner, ich vermag nicht recht einzusehen, was Sie eigentlich mit Ihrer Eingabe zu erreichen hofften. Wahrscheinlich wollten Sie mir zeigen, mit welchem Eifer und welcher Pflichttreue Sie Ihr Amt verwalten. Sie glaubten, unverzüglich den Schritt tun zu müsien, den Sie getan haben, und nicht einmal so diplomatisch waren Sie, die paar Tage noch zu warten, bis Ihre Lage hier vielleicht eine sichere geworden wäre. Ihr Versuch ist indessen gescheitert und ich schäme mich auch gar nicht, das zu sagen. Ihr erster Gedanke" — unbewußt gab er hier demselben Gefühle Ausdruck, das die gute Rahel in ihrer Treue und Ergebenheit nicht hatte äußern wollen — „Ihr erster Gedanke hätte an Ihre Frau und Kinder sein müssen. Gab es je einen Fall, wo bei aller Billigkeit und Rücksichtsnahme einem das Hemd näher ist als der Rock, so war es der hier. Sich selbst mögen Sie als Held erscheinen, in meinen Augen sind Sie nichts weiter als ein Dummkopf. Und mit Dummköpfen halte ich mich nicht lange auf." „Robert!" rief wiederum bittend die Kranke. „Entschuldige, Emma," wehrte der Pastor sie jetzt etwas energischer ab. „Der Herr Rabbiner und ich können die Sache recht gut allein miteinander abmachen — nicht wahr, Herr Rabbiner? Um Ihnen gegenüber offen zn sein, Herr Eisenmann, so muß ich Ihnen erklären, daß Sie sich jede Aussicht, in meiner Gemeinde das Bürgerrecht zu erlangen, verscherzt haben. Ich war fest entschlossen, meine neutrale Haltung beizubehalten. Ich habe sogar dann noch nichts gesagt, als- Sie zur Erreichung Ihres Zweckes Schritte ergriffen, die, gelinde gesagt, eines Dieners der Religion unwürdig waren. Jetzt aber — nun jetzt habe ich Ihre Herausforderung angenommen." „Herr Pastor," versetzte Eisenmann zitternd vor Erregung, „ich will nicht etwa sagen — Gott soll hüten! — daß auch Ihr Vorgehen kein so recht würdevolles ist. Ich glaubte aber nicht, daß Sie die eigentliche Ursache unseres Zwistes verlassen und mich in eine Sackgasse ziehen würden. Ich hätte meinen sollen, daß Sie mir zum mindesten erklären würden —" „Ich schulde Ihnen keine Erklärung," unterbrach ihn der Pastor, „Sie können der eigentlichen Ursache unseres Zwistes, wie Sie sich auszudrücken belieben, eine Auslegung geben, welche Sie wollen. Vielleicht war es bei dem, was ich tatnur meine Absicht, Ihr Taktgefühl und Ihren Charakter ans die Probe zu stellen. Dann aber haben Sie die Probe schlecht bestanden. DaS gehört jedoch jetzt der Vergangenheit an. Ich will Ihnen nur wiederholen, daß Ihr Experiment den gewünschten Erfolg nicht haben wird, und möchte Ihnen im. Interesse Ihrer Frau und Kinder raten, mit Ihrer Gesundheit und Ihrem Gelde etwas haushälterischer umzugehen. Es ist kaum anzunehmen, daß es Ihnen gelingen sollte, meine Autorität bei meinen Gemeindemitgliedern zu untergraben, zumal Sie ja doch nur noch vier bis fünf Tage hier verweilen dürfen."