Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 70 (1906)
- Issue
- Heft 16 (20.4.1906)
- Date
- 1906-04-20
- Page
- Seite 190 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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Andere größere Beiträge von ihm sind in dieser.Zeitschrift nicht erschienen. Seine Beziehungen zur Gesellschaft sind aber noch dahin zu ergänzen, daß er in ihr einen Vortrag über Maiinonides gehalten hat, und dreimal ihr Präsident gewesen ist, 1882, 1886 und 1901. Zadoc Kahns literarische Tätigkeit ist damit noch nicht abgeschloffen. Zunächst ist hervorzuheben eine von ihm angeregte und unter seiner Leitung veranstaltete französische Bibelübersetzung, die in zwei Ausgaben erschienen ist, einer Gesamtausgabe und einer für die Jugend. Damit wollte er einenl empfindlichen Mangel und Mißstand abhelfen und die Bekanntschaft mit unserem ältesten Schrifttum in die weitesten Kreise tragen. Am bekanntesten sind endlich seine Kanzelvorträge, von denen er neben verschiedenen Einzelpredigten drei Bände Sabbat- und Festreden und einen Band Jugendpredigten veröffentlicht hat. Damit sind wir auf dem Gebiete angelangt, auf dem er sich einen solch großen Namen erworben hat. Eine einfache, edle Sprache, Schärfe des Ausdrucks, überzeugende Begründungen verschaffen dem Leser einen ebenso angenehmen Genuß wie reiche Belehrung. Da ist nichts von salbungsvoller und matter Banalität zu verspüren, ein Hauch von Größe und von prophetischem Geist weht uns vielmehr entgegen, wenn wir sehen, wie er vor den schwierigsten Fragen nicht Halt macht, sondern sie in das Bereich seiner Betrachtung zieht, sie in gemeinverständlicher Weise vorträgt, und so seine Gemeinde mit dem ganzen Gebiet der Religion und ihren vielumstrittenen Problemen vertraut zu machen sich müht. In gleicher Weise tritt uns in ihnen entgegen der glaubenstreue Jude, wie der auf der Höhe der Zeitbildung stehende Denker. Wer einmal eine solche Predigt von dem mit gewaltiger Rednergabe ausgestatteten Manne mit edler Begeisterung und überzeugender Wärme hat vortragen hören, der stimmt gern ein in das allgemeine Urteil, das ihn als einen der größten Kanzelredner feiert. Nicht minder wie als Redner war er — und das bildet ein herrliches Reis in dem Ehrenkranz, den ihm Mit- und Nachwelt flicht — als Wohltäter bekannt. „Der Rabbiner ist der berufene Freund und Beschützer derer, die leiden." Nach diesen Worten, die er einem Kollegen bei dessen Amtseinführung zu rief, hat er stets gelebt. Mit Rat und Tat, mit tröstenden Worten wie mit materieller Hilfe stand er jedem bei, der sich an ihn wandte. Seine Beziehungen zur Finanzaristokratie, das hohe Ansehen, deffen er sich erfreute, sein Einfluß, das Vertrauen, das ihm alle entgegenbrachten, verschafften ihm die Möglichkeit, jederzeit auch Geldmittel zur Linderung der Not zur Verfügung zu haben, und er verwandte sie nicht nur in seinem Wirkungskreis; auch außerhalb Frankreichs gedenken gar viele dankbar des großen Philanthropen. Doch die Leser dieser Zeitschrift haben bereits aus berufener Feder seine Charakteristik als Wohltäter und Menschenfreund gelesen. In der Grabrede, die der Vizepräsident der Alliance Israelite Universelle ihm hielt, ist diese Seite seiner Persönlichkeit ebenso vortrefflich geschildert, wie seine Verdienste, die er sich in vierzigjährigen Bemühungen um die Alliance erworben hat, deren Ehrenpräsident er 15 Jahre gewesen war. Gilt nun seine Berühmtheit und seine Popularität in erster Linie dem Redner und Wohltäter, so sind die Verdienste, die er sich um die Ehre und das Wohl des französischen Judentums in der Ausübung seines hohen, verantwortlichen Amtes erworben,, nicht minder bedeutend; sie voll und ganz zu würdigen, muß einer späteren Zeit, muß seinem Biographen und dem Historiker dieser Periode überlassen bleiben. Als erster Rabbiner des Landes war sein Bemühen darauf gerichtet, in allen Gemeinden die Religiosität zu heben, die Würde des Kultus zu wahren, ihm die Ächtung der Andersgläubigen zu verschaffen und zu erhalten, und ein Hüter und Förderer des Friedens, zu sein- „Wenn ich mich nicht irre, so ist es die vornehmste Aufgabe des Seelenhirten, 51t sein ein Mann des Friedens, der Eintracht, der Versöhnlichkeit!" lautet sein Ausspruch. Als Vertreter der Gesamtjudenheit war er bestrebt, die Rechte der Glaubensgemeinde gegenüber der öffentlichen Gewalt zu wahren und ihre Ehre gegen jeden Angriff zu verteidigen. Mutig und unerschrocken stand er auf seinem Posten, ein Kämpfer für unsere heiligsten Güter, wie für die Reinheit und Ehrenhaftigkeit des jüdischen Namens. Wie unermüdlich und zielbewußt er diese seine Aufgabe erkannte und verfolgte, das zeigte sich beispielsweise während der Dreyfusangelegenheit, wo er in diskreter, aber energischer und wohlüberlegter Weise alle Hebel in Bewegung setzte, um eine Revision des Prozeßes herbeizuführen,- eine Pflichterfüllung, um derentwillen er bekanntlich in der Kammer in heftiger Weise angegriffen wurde. Welche Hoffnungen.man in der gegenwärtigen Zeit in der durch das Trennungsgesetz geschaffenen Lage auf ihn setzte, habe ich schon früher an dieser Stelle allsgeführt. Sein am 8. Dezember vorigen Jahres erfolgter, allzufrüher Tod hat sie vereitelt. Ein eigentümliches Zllsammeiltreffen wollte, daß am Tage seiner Beerdigung, am 11. Dezember, im „Journal officiel“ das Trennungsgesetz veröffentlicht und damit zum Gesetz erhoben wurde. So ist sein Tod in mehrfacher Weise das Ende eines bedeutsamen Abschnitts in der Geschichte der französischen Juden, sein Gedächtnis aber wird die Zeiten überdauern, und unter den großen Männern, die Israel hervorgebracht hat, wird in aller Zukunft Zadoc Kahn niitgenannt werden müffen. Lwei Srrlrnhjrtrn. Erzählung von Samuel Gordon. Mit Genehmigung des Verfassers ins Deutsche übertragen von I. Cassirer. 111. So schrieb denn der Herr Rabbiner seine Eingabe an das Königliche Konsistorium. Er schilderte darin die Einzelheiten des Falles in ihrer ganzen Nacktheit, er beschönigte nichts und ermangelte auch nicht, zu erwähnen, wie sein berechtigter Protest ausgenommen und beantwortet worden war. Noch an demselben Abend gab er den Brief zur Post und dann besllchte er die Mitglieder seiner Gemeinde, um ihnen voll dem Geschehenen Mitteilung zu machen. So wie er es wohl auch erwartet hatte, nahnlen sie die Neuigkeit auf — mit Achselzucken und Kopfschütteln; indeffen gelang es ihm, sie zu veranlassen, ihn durch eine Politik des Geschehenlassens zu unterstützen — sie wollten nämlich ihre Kinder solange von der Schule fern halten, bis die Antwort des Konsistoriums eingetroffen wäre. Das könnte eine Woche, einen Monat oder vielleicht auch ein Jahr dauern — wie sie alle wüßten, würde er selbst gar nicht einmal das Resultat seiner Schritte hier abwarten können. Sollte aber der gewünschte Erfolg ausbleiben, so wäre ihnen ja unbenommen, das zu tun, was sie für angebracht hielten. Für jetzt aber — dieses Argument