Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 70 (1906)
- Issue
- Heft 16 (20.4.1906)
- Date
- 1906-04-20
- Page
- Seite 189 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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--189 — " als dieser im darauffolgenden Jahre Großrabbiner von Frankreich geworden war, wurde Zadoc Kahn zu seinem Nachfolger gewählt, obgleich er das zur Bekleidung des Großrabbinats erforderliche Alter von 30 Jahren noch nicht erreicht hatte. Aber Konsistorium und Gemeinde ließen die Stelle lieber ein Jahr unbesetzt, als daß sie auf den beliebten Prediger und arbeitsfreudigen, zuvorkommenden Seelsorger, auf den man mit Recht so große Hoffnungen setzte, verzichtet hätten. Wie eng sein Name mit der jüdischen Gemeinde von Paris verknüpft bleiben wird, zeigt schon allein der Umstand, daß damals, bei seiner Installation, Paris nur eine größere Synagoge besaß in der Rue Notre-Dame de Nazareth, während seiner Amtsführung aber drei neue erbaut wurden, darunter der jetzige Haupttempel in der Rue de la Victoire. Er entfaltete aber auf allen Gebieten des Gemeindelebens, insbesondere dem der Seelsorge Und der Wohltätigkeit, eine solch segensreiche Tätigkeit, er hatte sich durch seilte Gewandtheit im Lösen und Verhüten von Schwierigkeiten solche Verdienste erworben, daß er von dieser arbeitsreichen und große Leistungsfähigkeit erfordernden Stellung unzertrennlich erschien, und es vielfach schmerzlich empfunden wurde, als er durch die 1888 einstimmig auf ihn fallende Wahl zur höchsten Würde des französischen Rabbinats, zum Großrabbiner von Frankreich, seine direkten Beziehungen zur Gemeinde lösen mußte, obgleich er innerhalb derselben seinen Wohnsitz und Nächstliegenden Wirkungskreis behielt. Diese glänzendett Erfolge verdankte er seiner seltenen Begabung und nie ermattenden Arbeitsfreudigkeit sowohl, wie seiner persönlichen Beliebtheit. Seine erste Stellung, die Leitung der Talmud-Thora, erlangte er zweifellos seines reichen, vielseitigen Wissens willen. Das berechtigt ltns, ihn zunächst als Gelehrten zu betrachten, denn das war er, wenn er auch infolge seiner ausgedehnten amtlichen Pflichten nur selten mit wissenschaftlichen Arbeiten an die Oeffentlichkeit treten konnte. Doch das, was er geleistet, zeigt zur Genüge seine umfangreichen Kenntnisse und seine Befähigung, sich in die verschiedensten Gegenstände einzuärbeiten. Seine Erstlingsarbeit ist sein Index zu Munks More Nebuchim, eine Arbeit, die wohl in erster Linie Fleiß und Ausdauer erforderte, aber nicht minder zeugt von der Fähigkeit, wesentliche Gedanken in knappen Worten zusammenzufassen und somit von gediegener philosophischer Bildung. Bekannter ist sein während seiner Lehrtätigkeit an der Talmud-Thora entstandenes und 1867 erschienenes, auch ins Deutsche und Hebräische übertragene Werkchen: „Die Sklaverei nach Bibel und Talmud." In schöner, edler Darstellung finden wir hier nicht nur das gesamte einschlägige Material wohlgeordnet zusammengetragen, sondern auch der Einfluß des römischen Rechts auf die talmudische Ausgestaltung des J Sklavenwesens wird uns vorgeführt, so daß die Arbeit von! keinem übersehen werden darf, der sich mit diesem Gegenstand I beschäftigen will, Wenn der Verfasser es dabei zu wiederholteit Malen lebhaft bedauert, daß die Anschauung des jüdischen Altertums über Sklaverei sich noch nicht mit der modernen deckt, wenn auch die mosaisch-talmudische Gesetzgebung in betreff der Humanität bereits jeder anderen weit voraus lvar, so zeigt uns dies eben den begeisterten, von Liebe zum angestammten Bekenntnis erfüllten Juden, der vielleicht im jugendlichen Eifer manchmal etwas zu weit geht im Hineininterpretieren späterer Gedanken, der sich aber keine Gelegenheit entgehen läßt, seine Religion und deren Schrifttum zu verherrlichen und gegen unbegründete Angriffe zu verteidigen. So sagt er an einer .Stelle: „. . . . heidnische Sklaven kaufen, heißt (nach dem zitiertetl Ausspruch der Mischnah) soviel als sie einem unvernünftigen Götzendienste entreißen, um sie einer ebenso durch ihreMoral wie durch ihre Glaubenslehren herrlichen Religion zuzuführen .... Der Talmud beweist also auch in diesein Falle nicht jenen engherzigen und gehässigen Geist, den man ihm, etwas zu leichtfertig, so gerne vorwirft. Wenn man die Niedrigsten und Schwächsten, diejenigen, welche von allen Seiten verachtet werden, dazu einladet, an den Wahrheiten, die man zu besitzen glaubt, also an dem kostbarsten Gut in der Welt, teilzunehmen, so verdient man Besseres, als jene leichtsinnigen Anklagen wegen Härte und Egoismus. Und man bedenke wohl, daß der Talmud hierbei sich weder durch ein eitles Interesse des Proselhtismus noch durch jene Leidenschaft leiten ließ, welche die Seelen gegen ihren Willen retten will und die soviel Unheil in der Welt angestiftet hat." In demselbeir Jahre, in dem die „Sklaverei" erschien, wurde er zum Stellvertreter des Großrabbiners von Paris, und zwei Jahre später selbst zum Großrabbiner ernannt. Bei der Arbeitslast, die nunmehr ans ihm ruhte, ist es erklärlich, wenn wir zunächst keine wissenschaftlichen Arbeiten von ihm haben. Da erfolgte 1879 die Gründuilg der Societe des Etudes juives. Ueber seinen Anteil an der Gründung dieser Gesellschaft sprach er bei dem 25. Stiftungsfest selbst: „Wenn es einen Ehrentitel gibt, von dem ich wünsche, daß man ihll eines Tages an meiner Bahre erwähne, einen Ehrentitel, von dem ich wünsche, daß man ihn auf meinen Grabstein setze, so ist es der, einer der Gründer der Loeiets des Etudes juives gewesen zu sein." Bedarf es eines besseren Beweises dafür, wie warm sein Herz für die Wissenschaft schlug? In der Tat durfte ihn diese Gründung, zu der er den Anstoß gegeben hatte, mit gerechtem Stolz erfüllen, nicht nur, weil er damit der Wissenschaft einen dauernden Dietlst erwies, sondern auch, weil sein Bestreben dabei gewesen war, dem französischen Judentum einen Sammelpunkt zu geben für seine wissenschaftlichen Bestrebungen und damit erneutes Interesse für Glauben und Glaubensgemeinschaft an Stelle des überhandnehmenden religiösen Jndifferentismus zu erwecken. Gleich in den ersten Jahren 1880/81 finden wir im ersten und dritten Band der von der Gesellschaft herausgegebenen Revue des Etudes juives einen Aufsatz Von ihm über „Das Buch Josefs des Eiferers". Es ist dies eine ausführliche Besprechung einer in einem Manuskript der Pariser Nationalbibliothek (und in der Hamburger Stadtbibliothek) erhaltenen Sammlung Von Religionsgesprächen zwischen Juden und Christen, die R. Josef, Sohn des R. Nathan Offizialis aus Sens, gegen Ende des 13. Jahrhunderts zusammengestellt hat. Durch gründliche Forschung berichtigt und ergänzt er in der Arbeit die bisherigen Ergebnisse in der geschichtlichen Erschließung des 12. und 13. Jahrhunderts; Vor allem berücksichtigt er aber dabei die Kulturzustände jener Zeit, indem er „mit liebender Sorgfalt die wertvollen Ueberbleibsel der Vergangetrheit zu sammeln sucht, die uns erlauben, etwas mehr einzudringen in das Leben und Treiben entschwundener Geschlechter, indem sie uns ein lebendiges und naturgetreues Bild ihrer Sitten und Gedanken gewähren". Soviel Belästigungen durch Bekehrungsversuche und öffentliche und private Disputationen und Sticheleien die Juden auch zu erdulden hatten, so war doch, wie mehrfach betont wird, ihr Verhältitis zu der übrigen Bevölkerung und auch zur Geistlichkeit kein ungünstiges, wie es teils die Stellung, die hervorragende Juden einnahmen, teils der freie und witzige Toll in ihren'Entgegnungen uns beweist. ,