Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 70 (1906)
- Issue
- Heft 16 (20.4.1906)
- Date
- 1906-04-20
- Page
- Seite 187 (sequence 7)
- Language
- German
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Glück habe", mit seinen Glaubensbrüdern erfolgt sind. „Die längst gemachte» Vorschläge jenes mutigen Verteidigers verkannter Menschen- und Bürgerrechtes sind", lauten seine Worte, in Ausführung gebracht worden. Vorurteile, verjährte, einst usurpierte Rechte, erlagen im Kampfe mit unveräußerlichen Rechten der Menschheit und den Grundsätzen einer erleuchteten Staatsklugheit. Die Israeliten sind allen übrigen Untertanen Westfalens gleichgestellt, und die Ketten, welche Myriaden senfzender Menschen in so manchem anderen Staate noch drücken und ihre emporstrebenden Kräfte hemmen, find zerbrochen. Mit-der tief und weit blickenden Weisheit des Herrschers und der wohlwollenden Milde des Menschenfreundes hat unser vielgeliebter Monarch die Errichtung von israelitischen Schulen verordnet, und bereits ist in Kassel, Hildesheim und an einigen anderen Orten damit der Anfang gemacht worden."* 2) Mit vollem Recht erblickt Schottländer in der „Aufhellung der Begriffe", in der „Richtung der intellektuellen Kräfte auf bessere gemeinnützige Zwecke", in der „Läuterung und Befestigung des sittlichen Gefühls", die notwendige „Vorbereitungskur, wenn die Gesetzgebung eine heilsame Umbildung des Charakters eines Volkes bewirken will". Diese Umbildung kann nur und muß durch die Schule, wie der Verfasser in richtiger Erkenntnis betont, bewirkt werden. Hinsichtlich der Absicht, die ihn bei der Herausgabe seines Lehr- und Lesebuches geleitet, äußert er sich folgender,näßen: „Meine Absicht war keine andere, als bei den Kindern das eigene Nachdenken über die Wahrheiten unserer heiligen Religion zu wecken, damit sie eben dieselben Grundsätze der Sittenlehre und Religion von verschiedenen Seiten betrachten und leichter fassen lernen; damit sie auch nach der Schule ein Buch haben sollten, aus welchem sie sich unterrichten und erbauen können, damit ihnen endlich Religion und Pflicht als etwas Angenehmes und Liebenswürdiges Vorkommen mögen." Bei der Wahl der Materien nahm unser Autor darauf Rücksicht, daß „diese Kinder an Gaben, an Kräften und Geschwindigkeit, etwas zu fassen usw., sehr verschieden sind" und sorgte daher für „gehörige Mannigfaltigkeit" der Stücke. Wenden wir uns den einzelnen in diesem Bändchen enthaltenen Piecen nunmehr zu. An erster Stelle finden wir einige Gebete, wie das „beim Händewaschen nach dem Aufstehen vom Schlafe, für Kinder" bestimmte, das „Abendgebet", Gebet „nach der Mahlzeit", und das „Nachtgebet vor dem Schlafengehen" (S. 1 ff.) verzeichnet, sämtlich in korrekter deutscher Uebertragung der. hebräischen Texte. Daran schließt sich „Unterhaltung, eines frommen Vaters mit seinem kleinen Sohne über Gott und seine wunderbaren Werke" in 15 Abschnitten (S. 6 ff.). Diese Lesestücke sind, wie Schottländer in der Vorrede (S. VI) bemerkt, für „Kinder von zartem Alter bestimmt, bei denen man in betreff der Religionsgegenstände fast stets mit sinnlichen Dingen den Anfang machen muß". Er empfiehlt dabei die Lektüre dieser Dialoge dergestalt, daß jedesmal zwei Kinder im Lesen abwechseln, daß „das eine den Vater, das andere das Kind vorstelle". Jedem dieser Abschnitte sind biblische Sprüche angehängt, die nach Absicht des Verfaffers den Kindern von den Lehrern kurz erklärt werden müssen, „dann haben sie auch-wenig Mühe, sie zu behalten" i Vorrede a. a. O.). ') In der Anmerkung wird „Dohm über die bürgerliche Verfassung der Juden" zitiert. 2) Vgl. hierzu Thimme: Die inneren Zustände des Kursürstentums Hannover unter der sranzösisch-westsälischen Herrschaft, 1806 bis 1813, 1895, Kapitel IV, Der Kultus, S. 229 ff., sowie Horwitz: Die Israeliten unter dem Königreich Westfalen. Die sich anschließenden „Kleinen Predigten", fünf an der Zahl (S. 55 ff.), behandeln unter Zugrundelegung paffender Textworte die Heiligung des Sabbattages (1. B. Mos., 2, 2 und 3), die Pflicht der Elternverehrung (2. B. Mos. 20, 12'), die Friedensliebe (in Anlehnung an die Worte von „Hillil" (sie!) in Sprüche der Väter 1. Abschn. 12), die Lebensfreude (Pred. II, 9), und die Vergeltung der inenschlichen Taten (Ps. 126, 5). Den Predigten sind „auserwählte Sprüche Salomos" (S. 68 ff.) angereiht, die dem Autor als „vortreffliche Lebensregeln" erschienen. Natürlich wurden dabei die „trivialen, unnützen oder dem Alter der Kinder nicht angemessenen" Sprüche weggelassen (Vorrede S. VII). Neun „Wärasobim oder kleine exegetische Abhandlungen" (mit Ausnahme der letzten Nummer,'die sich auf 2. B. Mos., 2, 1 ff. stützt, auf Versen des 1. B. Mos. beruhend, (S. 85 ff.) sollen ebenso wie die kleinen Predigten nach Schottländers Worten (Vorrede S. VI f.) „nicht nur für die etwas älteren Schüler zum Selbstdenkeir und weiter fortschreitender Kraft, sondern auch für manche jüdische Lehrer als Vorbild dienen, wie man die heilige Schrift zur Kinderzucht anwenden und daraus Veranlassung finden kann, mit den Kindern ein erbauliches Gespräch über geistliche Dinge anzustellen". Aus diesem Teile unseres Werkes sei nur folgender Paffus (S. 99 f.) angeführt, der von der ernsten Pflicht religiöser Kindererziehung im Elternhause handelt: „Was ein Kind", lauten seine Worte, „äußerlich thun oder unterlassen soll, das läßt sich wol. befehlen; aber nicht, wie es durchs ganze Leben gut denken und gut gesinnt seyn soll. Das muß ihm empfohlen, theuer und werth gemacht werden durch Belehrungen, Ermahnungen, Bitten usw. In Abraham (1. B. Mos. 18,17 u. 19) sehen wir den Vorsteher einer frommen Familie. Möcht es solcher Familien recht viele geben! Und gewiß, das häusliche Leben ist eine recht heilsame Erziehungs- und Bildungsschule zur religiösen Gesinnung und dadurch zur dauerhaftesten und edelsten Beglückung. In Häusern, wo keine Religiosität wohnt, fehlt die mächtigste Stütze alles Menschen- und Familienwohls, die Quelle der edelsten und frohesten Empfindungen, deren Mangel nichts anderes ersetzen kann." Den exegetischen Abhandlungen folgen „auserlesene Sprüche Syrachs" (S. 109 ff.), welche nach der Bemerkung Schotts „die Moral des gemeinen Mannes" enthalte»! (Vorrede S. VII). Hieran schließen sich Sittensprüche und Sprichwörter aus dem Talmud (S. 128 ff.). Die „Parabeln" (S. 130 ff.), die dem jüdischen Schrifttum entlehnt sind, tragen die Ueberschrift: „Die Schlange", „Alles zum Guten"2) »>nd „Der frühe Tod". Die letzterwähnte Parabel lautet: „Früh morgens ging ein Mädchen in den Garten, sich einen Kranz zu sammeln aus schönen Rosen. Sie standen alle noch in ihren Knospen da, geschlossen oder halb geschlossen, des Morgentaues duftende Kelche. „Noch will ich euch nicht brechen", sagte das Mädchen. „Erst soll euch die Sonne öffnen, so werdet ihr schöner prangen und stärker duften." Sie kam am Mittage und sah die schönsten Rosen vorn Wurme zerfreffen, vom Strahl der Sonne gebeugt, erblaßt und welkend. Das Mädchen weinte über ihre Torheit, und am folgenden Morgen sammelte sie sich ihren Kranz früh. Seine liebsten Kinder ruft Gott früher aus diesem Leben, ehe der Strähl der Sonne sie sticht, ehe der Wurm sie ') Im Texte ist irrtümlich 2. B. Mos., 31, gedruckt. Andere Druckfehler sind sub „Verbesserungen" (S. 280) zusammengestellt. 2) Es ist die bekannte Erzählung, die in Berachot 60b über R. Akiba berichtet wird.