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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1906-04-20 · Heft 16 (20.4.1906) · p. Seite 186

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
70 (1906)
Issue
Heft 16 (20.4.1906)
Date
1906-04-20
Page
Seite 186 (sequence 6)
Language
German
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Ottcken geht davon aus, daß die Israeliten in Aegypten den vierten Stand, die Proletarierklasse, gebildet haben. Das ist in einem sehr hohen Grade auch zutreffend, denn die Stellung der Israeliten war durchaus nicht jene der Sklaverei, wenigstens nicht in den Formen der im Altertum herrschenden Haussklaverei. Vielmehr ist ihre Stellung wohl eher mit der unser heutigen Proletarier zu vergleichen. Denn braucht man heut viele Hände, um die Maschinen zu bedienen, so brauchte man damals in Aegypten tausende von Händen, um die Maschinen zu ersetzen. War es doch die Zeit der ungeheuren Bauten, vor denen wir uns heute noch staunend fragen: Wie konnten jene Zeiten ohne unsere technischen Hilfsmittel solche Werke hervorbringen? Die Antwort lautet: Nur dadurch, daß Hunderttausende von Proletariern unter der Aufsicht von Werkmeistern in jenem Zeitpunkt einheitlich in Bewegung gesetzt wurden. . Die Ideale, die unter diesen geknechteten und gefrohndeten Massen lebten, mußten naturgemäß ganz proletarische sein. Besaß man jetzt nichts, so träumte man dafür den Trauin des Gemeineigentums, sah mail jetzt tausende von Stammesbrüderil im Elend untergehen, so sprach mail von Zeiten, wo alle Menschen Brüder seiri würden, fühlte man jetzt die drückende Herrschaft der Stände auf sich, so wünschte man die dereinstige Gleichheit aller. Damals, unter dem tiefsten Drucke der Knechtschaft, keimten vielleicht die ersten Gedanken von dem einen, gemeinsamen Gott, von dem Volke von Priestern. Und nun ereignete sich das Unfaßbare, Niegehoffte: Die Volkswerdung der versklavten Proletarier. Eine starke Persönlichkeit, die immer erscheint, wenn Epochen ihrer Reifezeit entgegengehen, erstand l«nd führte das Volk hinaus aus dem Lande der Knechtschaft. Jetzt versuchte man alle Ideale, die solange tu der dumpfen Dämmerung des Proletariats gelebt hatten, zu verioirklichen. Das Gemeindeeigenturn, die Bruderhilfe, kurz jenes ganze System, das Lublinski treffend Wohltätigkeitssozialismus nennt, wurde aufgerichtet. Als transzendentaler Ueberbau dieses irdischen Systems entstand der Gedanke von dem einigen, einzigen Gott, vor dem jeder gleich sein sollte. Was man in der irdischen Sphäre die Gleichheit aller nannte, das stellte metaphysisch der neue Gottesbegriff dar. Er war das Symbol der ersten Emanzipation des vierten Standes. Die Vielgötterei konnte nur in einem System der Ungleichheit, der Standesherrschaft bestehen. Wo man jedoch schon das gleiche Anrecht aller am Grund und Boden — im Prinzip wenigstens — proklamierte, da mußte man um so eifersüchtiger darauf dringen, daß in der Befriedigung des „metaphysischen Bedürfnisses" Gleichheit herrschte. Auch heute findet sich ja noch in jenen Kirchen, die in ihren kanonischen Gesetzen die Standesherrschast proklamieren, nicht reiner Monotheismus. Wie das alte Volk Israel also zum erstenmal im Altertum planmäßig versuchte, soziale Elemente in sein Wirtschaftssystem einzufügen, so mußte es auch den ideologischen Ueberbau jenes Systems verwirklichen, der für die damalige Ideenwelt durch den Monotheismus gebildet wurde. Lin altes Lesebuch. . Von Dr. A. Lewinsky. in dem anläßlich der im September 1901 stattgehabtr Centenarfeier der Jakobson-Schule zu Seesen von de,, Schreiber dieser Zeilen veröffentlichten Artikel „Hofrat Benedin Schott"') geschah auch des von diesem verfaßten Werkes „Zaphnat-Paneach oder Sammlung moralischer Lehren, Sprüch,, Erzählungen und Gedichte aus dem Talmud und andere heiligen Schriften" Erwähnung. Näheres über den Inhalt de zwei Bände dieses „Lesebuches für Kinder jüdischer Nation, * das „vorzüglich zum Gebrauche der vom Herrn Kammeragente, Israel Jakobson zu Seesen errichteten Erziehungsanstalt fii arme Kinder seiner Nation"') bestimmt war, sei in folgende, , ' vorgeführt. Im ersten „Bändchen"^), das 256 Seiten umfaßt, folge einer Vorrede des Herausgebers (S. III—VI) die 13 Glau bensartikel des Maimonides (S. 1 ff.), sowie Denksprüche de Väter (S. 12 ff.). „Einer Geschichte der hebräischen Sprache (S. 33 ff.) reiht sich die „Rede bei der feyerlichen Einweihun, der Wilhelms-Schule zu Breßlau, gehalten von Elkan"") a, (S. 50 ff.). Zwei Psalmen, nämlich dem 51. (S. 56) und de» 49. (S. 57) sind sieben Stück „Jüdische Dichtungen und Fabeln (S. 60 ff.) und 15 Nummern „Moralische Lehren und Erzählungen aus dem Talmud" (S. 67 ff.) angeschlossen. Der „Mosaide (Mosis Geburt und seine wunderbare Errettung) (S. 85 ff. ließ der Herausgeber einen den Jahrbüchern der preußischen Monarchie (November 1802) entlehnten Aufsatz „Nachahmung^ würdiges Muster des Auslandes für das Inland" folgen (S. 101 ff.). Mit einer „Geschichte der Juden von Erschaffung der Welt bis auf die Zerstörung Jerusalems" schließt diese Teil des „Zaphnat-Paneach" (S. 311 bis zum Ende de Buches). Das zweite „Bändchen", welches acht Jahre nach Erscheine, des ersten Bändchens, 1812, veröffentlicht wurde, enthält 28> Seiten. Ausführlichere Mitteilungen über den Inhalt dieseuns vorliegenden Teiles dürften wohl des Interesses nicht ent behren. In der Vorrede (S. III—VIII) bemerkt der Verfasser, das die Herausgabe dieses Werkes durch „mannigfaltige Schicksal und Verhältnisse seines Lebens, sowie mancherlei außer seine, Berufsgeschäften vorgehabte Arbeiten" wider seinen Wille, um einige Jahre verzögert worden sei. Dabei weist er au die „großen und heilsamen Veränderungen" hin, welche währen der Zeit in dem Staate, „dessen Mitbürger zu seyn er da ff „Allgem. Zeitung des Judentums", Jahrg. 1901, Nr. 3, S. 460 ff. 2) Der Titel des ersten Teils ist a. a. O. S. 462 mitgeteilt, do, ist statt „Gebrüder Halm" zu lesen „Gebr. Hahn". Das zwei, Bändchen hat folgendes Titelblatt: Zaphnath-Paneach, oder Sam» lung usw. Ein Lesebuch für die israelitische Jugend, vorzüglich zui Gebrauche der von dem Herrn Präsidenten Israel Jakobsohn z Seesen errichteten Erziehungsanstalt usw. Hildesheim 1812. Gedruc! und in Kommission bei I. D. Gerstenberg. 2) Die kurze Inhaltsangabe des „ersten Bändchens" dieses hoch, seltenen Werkes verdanke ich einer freundlichen Mitteilung des Herr, Bibliothekars A. Cowley von der Bodlejana zu Oxford. Erst i» November v. I. erwarb diese Bibliothek, die bisher nur da: erste Bändchen des Zaphnath-Paneach besaß, auch das „zweit, Bändchen". y lieber Michael Elkana Engel, vgl. Freudenthal in der Monats schrist für Gesch. u.Wiss. d, Jud. 1893, S. 335, über die am 15. Mär? 1791 vollzogene Einweihung der Wilhelms-Schule, vgl. a. a. £ S. 339 ff. Zu den das. S. 340, A. 4, verzeichneten Stellen ist di, oben angegebene des „Zaphua.h-Paneach" nachzutragen.

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