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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1906-04-20 · Heft 16 (20.4.1906) · p. Seite 185

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
70 (1906)
Issue
Heft 16 (20.4.1906)
Date
1906-04-20
Page
Seite 185 (sequence 5)
Language
German
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Morien erfolgen dürfte, sondern engste Fühlung mit diesen und den bestehenden Verbänden erstreben müßte. Durch die größeren Gemeinden, die, wie wir sähen, das regste Interesse an der Abstellung der Mißstände haben, könnten dann die notwendigen Mittel flüssig gemacht werden, und durch regen Gedankenaustausch würde die Frage, wie den kleinen Gemeinden zu helfen sei, ihrer Lösung zum mindesten um ein bedeutendes Stück näher gebracht werden. Wir hätten statt Stillstand und Rückschritt berechtigte Hoffnung, daß eine Kulturarbeit verrichtet würde, die unserem Lande' dringend wt tut. , MM'. Eur Lntltehung des Monotheismus' Bon Dr. L. Felix Pinkus. on jenen Problemen, die uns das Altertuin in Fülle . hinterlassen hat, ragt besonders eines hervor, das^ uns wichtiger erscheint als alle übrigen, da wir seine Wirkungen noch bis auf den heutigen Tag mächtig verspüren. Jene Frage nämlich nach dem Ursprung des merkwürdigen Phänomens, daß ein winziges Volk inmitten großer, polytheistischer Völker einen einzigen, einigen Gott anbetet — die Frage nach dem Ursprung des Monotheismus. Die verschiedensten Theorien sind zur Lösung dieses Problems konstruiert worden. Man hat nicht verfehlt, den Juden den Ruhm streitig zu machen, daß sie das Volk des Monotheismus im Altertum waren. Ziegel und Scherben mußten Zeugnis ablegen wider unser Schrifttum, wider die Bibel, dieses einzigartige Kulturdenkmal der alten Welt. Demgegenüber steht doch der Monotheismus im alten Israel als unverrückbare Tatsache fest, Menn man auch über seine zeitweilige Verbreitung verschiedener Meinung sein kann. Auch wenn man mit den Altertumsforschern Perrot und EhipiezJ annimmt, daß der Monotheismus bis zur babylonischen Gefangenschaft einen nur schwachen Einfluß ausLeübt hat, und daß diese Doktrin auch unter den letzten Königen von Juda nur von einer kleinen Elite vollständig anerkannt war, so muß man sich doch fragen, wie denn jener für die damalige Zeit unzweifelhaft große und erhabene Gedanke eines einzigen Weltenschöpfers entstanden sei. Ein Mensch, eine starke, mächtige Persönlichkeit — mag sie, wie sie wolle heißen — mag die Formel geprägt, das, was in aller Seelen lebte, in einen prägnanten, scharfen Begriff gegossen haben; aber die Idee als solche war doch vorhanden, ein einzelner konnte sie nicht aus sich heraus erfunden haben; auch er war nur das Sprachrohr des Zeitbewußtseins. Wenn es nun richtig ist, daß die Ideen jedes Zeitalters zu messen sind mit ihrem der damaligen Zeit angemessenen Maßstab, da sie nur so ein richtiges Abbild ihrer Zeit ergeben, muß man auch unbedingt bei der Frage nach dem Ursprung des Monotheismus dieselbe Methode verfolgen. Ohne Zuhilfenahme der historischen Ereignisse, worunter nicht nur solche kriegerischer oder überhaupt katastrophaler Natur gemeint sind, sondern vielmehr die materiellen Zustände und Bewegungen, auf denen die Ideen der Zeit erwachsen, um dann vielleicht in gewissem Sinne selbständig zu wirken, ohne diese Zuhilfenahme bleibt auch jenes Phänomen der spiritualistisch-metaphysischen Erklärung verfallen, von der wir hier natürlich absehen müssen. Die Frage, die Delitzsch aufgeworfen hat, ob nicht die Juden den Monotheismus nur übernommen hätten, muß hierh Mstoire de l’art de i’antiquite. Tome IV. p. 368, 369. Paris 1887. bei ausgeschaltet werden. Die Sturmflut von Broschüren für und wider in dieser Sache hat-uns keine Anfllärung gebracht und schwerlich wird sie überhaupt zu bringen sein. Wir halten uns demgemäß an jene alte historische Auffassung, die den Monotheismus dem Volke Israels zuschreibt, um so mehr, als uns hierbei ein altes, ehrwürdiges Dokument als Zeuge dient, das wohl mindestens ebensoviel Glaubwürdigkeit als irgend ein alter chaldäischer Ziegel beanspruchen kann — die Bibel, Zudem sind ja gerade in den letzten Jahrzehnten viele in der Bibel enthaltene Tatsachen durch objektive Altertumsfunde bestätigt worden. Vor einiger Zeit hat nun der bekannte Essayist S. Lublinski in einer kleinen Broschüre*) unternommen, dem Problem der Entstehung des Judentums „endlich einmal mit der durchaus antimystischen ökonomischen Geschichtsschreibung zu Leibe zu rücken". Obgleich der Verfasser von Anfang an von der Frage nach dem Ursprung des Monotheismus abstrahieren, ja sie zudem als nicht wesentlicher Natur angesehen wissen will, behandelt er sie dennoch ganz ernsthaft und spricht sogar — was auf seine „antimystische, ökonomische Geschichtsschreibung" ein böses Licht wirft, wie Renan und Geiger, von einem „monotheistischen Genius der semitischen Rasse". Sehr antimystisch ist das jedenfalls nicht. Allein in den Grundzügen wendet der Verfasser die richtige Methode zur Lösung des Problems an, nur geht er von gänzlich falschen Voraussetzungen aus, die seinen allen geschichtlichen Tatsachen widersprechenden Schluß zur Folge haben. Er ignoriert nämlich völlig, daß der Monotheismus im Volke Israel sich schon vor der Besiedlung Palästinas, der biblischen Erzählung nach, noch in der Wüste entwickelte. Ob er dann durch Moses gesetzliche Normen erhielt, ist an sich gleichgültig. Für Lublinski beginnt der Glaube an einen Gott sich erst in Palästina zu entwickeln. Innerhalb dieses Rahmens gibt er allerdings eine sehr einleuchtende Erklärung, die sich wirklich auf einige ökonomische Ursachen stützt. Das untere, gedrückte Volk, so führt er aus, war es, welches das Ideal des einen Gottes der Vielgötterei der herrschenden Stände entgegenstellte, die Propheten stellten tatsächlich Volkstribunen mit einer gewissen sozialistischen Färbung dar. Wir lassen es an dieser Stelle dahingestellt, ob diese Darstellung richtig ist oder nicht, zumal da sie der von Lublinski selbst aufgestellten Behauptung „von dem monotheistischen Genius der semitischen Rasse" einigermaßen widerspricht. Der Monotheismus bestand ja tatsächlich im Prinzip schon vor der Besiedlung Palästinas; freilich hing ihm nicht das ganze Volk an, nur allmählich verschaffte er sich Geltung. Dieses Vordringen des Prinzips mag sich vielleicht so abgespielt haben, wie Lublinski sein Entstehen darstellt. Um zu einer wirklichen Erklärung des Problems zu gelangen, muß man seine Entstehung weit vor dem Einzug in Palästina verfolgen, seine Wurzeln in der Volkswerdung der Israeliten suchen. Wir folgen dabei jener Theorie, welche die gesamte Verfassung des israelitischen Volkes entwicklungsgeschichtlich nach aus den Zuständen in Aegypten ableitet, wo das Volk gewissermaßen erst im embryonalen Zustand vorhanden war, einer Theorie, die irr ihrer ganzen Konsequenz, allerdings ohne auf das von uns behandelte Problem überzugreifen, unseres Wissens nur von August Oncken in Bern vertreten wird?) i) Die Entstehung des Judentums. Berlin 1903. 2) In seinen Vorlesungen über „Theoretische Nationalökonomie".

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