Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 70 (1906)
- Issue
- Heft 16 (20.4.1906)
- Date
- 1906-04-20
- Page
- Seite 184 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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-— 184 --- ■ Aus dem Lllah. r. Im April. ie den kleinen Gemeinden zu helfen ist, ist eine Frage der Zeit." Diesen Bescheid erhielt eine Gemeinde auf ein an ihr Konsistorium gerichtetes Gesuch um eine Beihilfe für den Religionsunterricht. Die Zeit wird in der Tat diese Frage lösen, davon kann sich jeder überzeugen, und wenn ihn auch nur die Ferien 3« den kleinsten dieser „Sorgenkinder" führen sollten: sie wird sie — auflosen; wird aber auch rücksichtslos genug sein, neue Fragen aufzuwerfen, indem sie aus den großen — darunter sind schon solche von 40 Familien zu verstehen — kleine macht. Das kommt nun allerdings auch anderwärts vor. Die Umgestaltung aller Lebens- und Verkehrsverhältnisse haben den kleinen jüdischen Geschäfsmann in den Dörfern, für den keine Partei, nicht einmal mit schönen Worten, in die Schranken tritt, überflüssig gemacht; für die Land-- Wirtschaft ist das gegenwärtige Geschlecht noch nicht erzogen, so daß die Grundbesitzer, was viele im Nebenberuf sind, alle Arbeit Tagelöhnern überlassen müssen und oft zufrieden sein müssen, wenn sie auf ihre Kosten kommen; das Handwerk, das durch die Gewerbeschulen in Straßburg und Mülhausen große Anziehungskraft auf die ärmere Jugend ausübt, hat auf dem Lande nichts weniger als einen goldenen Boden — die Landflucht ist also geradezu selbstverständlich. Ebenso selbstverständlich ist es aber, daß dafür gesorgt werden muß, daß das jüdische Leben inzwischen nicht ganz schwinde, und wenn wir uns die Frage vorlegen, was gewinnen die Städte, d. h. deren jüdische Gemeinden, durch den Zuzug, so dürfte deren Beantwortung wohl zeigen, daß es die Pflicht aller derer, die es angeht, ist, das Geschick der Dorfgemeinden nicht der „Zeit" zu überlassen. Das einstimmige Urteil über die religiösen Verhältnisse, das aber von den einen mit Wehmut gefällt, von den anderen mit Befriedigung festgestellt wird, besagt, es sei auf dem Lande „schlimmer" als in der Stadt. Das „Schlimme" besteht natürlich in der Nichtbeachtung der rituellen Vorschriften. Man kann nun eben oft genug die Ueberzeugungstreue bewundern, die sich kundgibt, wenn jemand, der seinen Stolz darin setzt, den Schulchan Aruch überwunden zu haben, diese Errungenschaft dann wieder mit jenem der Sprache der Orthodoxie entlehnten Worte bezeichnet. Dies psychologische Rätsel erklärt sich wohl zum Teil dadurch, daß wir die Empfindung haben, Gleichgültigkeit gegen religiöse Vorschriften sei gar oft kein Beweis von Fortschritt. In der Tat ist die Jrreligiösität in diesen Gemeinden in den seltensten Fällen ein Zeichen wirklicher religiöser Aufklärung. „Unfrömmigkeit" ist aber in den meisten der abgelegenen, vernachlässigten Gemeindchen die Regel, und da somit die Orthodoxie aus diesen Kreisen keine Stärkung erfahren kann, so ist die zu lösende Aufgabe klar und deutlich gegeben: Soll daselbst das Judentum nicht bloß äußerlich erhalten werden, so müssen dieselben durch verständige Arbeit der Sache des Fortschritts, dem liberalen Judentum, gewonnen werden. Zurzeit aber liefert das Land den Großgemeinden keine liberale, sondern indifferente Juden. Und das geschieht mit der Notwendigkeit eines Naturgesetzes. Denn ein richtiges Wollen — dies ist doch wohl untrennbar von der überzeugungstreuen Zugehörigkeit zu einer politischen Partei oder einer religiösen Richtung — ist nun einmal nur vorhanden, wenn durch das erforderliche Wissen das Interesse geweckt ist. Woher soll aber dies Wissen kommen? Es hapert schon mit dem Religionsunterricht. Heute holt sich manche Gemeinde, sofern sie die Anregung dazu erhält und genügend bearbeitet wird, Hilfe beim Gemeindebund. Auf diese Weise erteilt auch da, wo keine jüdische Elementarschule besteht, ein seminaristisck gebildeter Lehrer wenigstens zwei Stunden jüdischen Unterrricht Noch ist es aber keine Seltenheit, was bei vielen, die jetz Männer sind, der Fall war, daß ein Kantor, der oft keil Wort Hebräisch versteht, das Lesen des Gebetbuchs der Ingenbeibringt, und der christliche Lehrer biblische Geschichte aus wendig lernen läßt. Im Unterelsaß und in Lothringen be steht wohl die Verordnung, daß niemand zur Barmizwah Vorlesung zugelassen werden dürfe, wenn er nicht vorher bein zuständigen Rabbiner eine Prüfung abgelegt habe, aber da wo es am notwendigsten wäre, wird sie nicht befolgt. Unt wenn nun der bei jedem intelligenten Menschen eintreteud- Moment kommt, daß er bei dem nicht stille steht, was er ohn> eigenes Hinzutun geworden ist, sondern'sich fragt, wie uni warum er es geworden ist, was soll dann ein derart Borge bildeter, der auf anderen Gebieten mitunter recht belesen ist mit dem „Juden" in sich anfangen? Das Fundament ist nicht gelegt, eine Predigt hören dies Gemeinden, trotzdem sie einem Rabbiner .zugeteilt find, of! gar nicht, im günstigen Fall ein- oder zweimal im Jahre, und dann vielleicht nicht einmal immer über ein Thema, das ge eigllet wäre, Licht über das Judentum und damit Liebe zu ihm zu verbreiten, weil ja soviel Mißstände eingetreten sind über die man nicht schweigen darf; — die an der Straßburgel Unitas-Loge ins Leben gerufene Wanderbibliothek wird nur ii mittlere Gemeinden gesandt, wo sie ja trotz der nicht immer einwandfreien Auswahl der Bücher bei richtigem Vorgehe> des Verleihers nicht ohne Segen bleibt, jüdische Blätter sind auch nicht genügend verbreitet, und so ist es wirklich feil Wunder, wenn das ganze Leben nur süßt auf der bald mehr meist weniger streng beobachteten rituellen Küche und auf den; gewohnheitsmäßig besuchten Gottesdienst. Solange mar auf dem Lande lebt, hat man für beides keinen Grund, ei aufzugeben. Wer wollte unter solchen Umständen diesen Leuten aber einen Vorwurf daraus machen, daß es gedankenlos geschieht Wie wenig man das Alte als unbedingt unantastbar ansieht, beweist zur Genüge ein kürzlich gefallenes Wort: „Wüßte, wir, was wir beten, so würden wir die Gebete vielleicht gar nicht sprechen." Wer nun nach der Stadt verzieht, hat »zunächst ander- Sorgen, als religiöse Belehrung zu suchen. Mit dieser wem, idealen Tatsache haben wir uns abzufinden, aber sorgen müssei wir dafür, daß auf dem Lande baldmöglichst wieder gut g> macht wird, was bisher vernachlässigt wurde. Vieles könnte! die Konsistorien dazu tun. Sind sie nicht imstande, di Mittel für einen befriedigenden Religionsunterricht in alle: Gemeinden im Lande aufzubringen, so könnten sie ihren Ein fluß benutzen, um möglichst sämtliche, vor allem auch di zahlungsfähigen, keiner Unterstützung bedürftigen Gemeinde! dem Gemeindebund zuzuführen, und dann mit diesem gemein sam die Subventionen an den rechten Ort zu bringen. Si müßten ferner darüber wachen, ob und wie oft die Rabbine ihre Gemeinden besuchen; die erforderliche Reiseentschädiguukann leicht bestritten werden, sobald die auch aus andere. Gründen wünschenswerte Kontrolle der Gemeindebudgetgründlich gehandhabt wird. Man könnte auch daran denken die Rabbiner wie in Baden zu verpflichten, geschriebene Vorträge zur Verlesung an den Feiertagen den Gemeinden zw Verfügung zu stellen. Es wären dies kleine Mittel, und doch wäre schon viel gewoniien. Wirkliche Abhilfe dürste aber nur geschaffen werden können durch einen Zusammenschluß der Gemeinden, der natürlich nicht im Gegensatz zu den Kon