Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1906-04-20 · Heft 16 (20.4.1906) · p. Seite 183

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
70 (1906)
Issue
Heft 16 (20.4.1906)
Date
1906-04-20
Page
Seite 183 (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/3224737-3228690-3228707--62548-3289700
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

isa Also die Juden haben die Gesetzgebung in de» siebziger ,ähren ausgestaltet und die gegenwärtige Justizorganisation eschaffen! Das ist der langen Rede kurzer Sinn. Aber wie mag es nur in den Köpfen aussehen, die derartigen „Melodien- > eist" aushecken? Mit der österreichischen Wahlreform ist die Frage nach > er Sonderstellung Galiziens eng verbunden. Der Polenklub lat in diesem Lande fürchterlich gewirtschaftet. Er hatnatür- > ch auch die Juden zu rechtlosen Heloten herabgewürdigt, obwohl viele von ihnen Schleppträger feiner Politik waren. , eht erst fangen sie an, dem Polenklub die unbedingte < Gefolgschaft, die ihnen die schwersten Feindschaften und gewal-! ge Lasten auferlegte, zu kündigen, wodurch die Polen wahrheinlich 6—7 Mandate einbüßen werden. Falls ein Kom- > romiß zwischen Ruthenen und Juden zustande kommen sollte, ürfte Ostgalizien vollständig dem Einstusse der Polen verloren ehen. In den Städten Westgaliziens, wo die Juden 30—40 irozent der Bevölkerung ansmachen, haben nur die Aussicht > ewählt zu werden, die auf ein demokratisches Programm andidiereu. Nach der Herrschenden. Erbitterung gegen die chlachta zu schließen, wird diese nur in geringer Stärke miederkehren. Es fallen somit alle Befürchtungen, als ob Galizien im Verein mit den übrigen Slaven Oesterreichs eine iajorisierung der Deutschen zustande bringen werde. Denn ie Ruthenen haben sich stets als deutschenfreundliches Element > ewährt. Und die Juden sind dort immer Anhänger der putschen Kultur gewesen und geblieben. In jedem Falle wird deshalb ihre Lage in Galizien mit der Einführung der Wahln form eine günstigere sein, wenn sie die Situation vergehen und ihre Stellung behaupten werden. Die Festtage scheinen, Gott sei's gedankt, in Rußland uhig vorübergegangen zu sein. Die Regierung hat eben alle Anstrengungen gemacht, so heißt es jetzt, alle Unruhen gegen ne Juden im Keime zu unterdrücken. Schade nur, daß ihre Beamten so ungeschickt dabei verfahren sind. Zwar der?>eneralgouverneur von Jekaterinoslaw hat seine Sache wch leidlich gemacht; er hat eine Bekanntmachung erlassen, in er erklärt wurde, daß jeder Versuch,. gegen die Juden geachtete Unruhen hervorzurufen, in schärfster Form unterdrückt >erden würde. In der Bekanntmachung wird weiter ausgechrt, daß alle Klassen der Bevölkerung und alle Nationalisten dem Kaiser gleich teuer seien, daß alle Kinder desselben roßen Vaterlandes seien und daß ihre Interessen gegen jeden »griff geschützt werden würden. Das ist nun gewiß sehr hön. Aber warum hat der vortreffliche Mann dies alles . icht schon vor den ersten, wiederholt angekündigten Unuhen gesagt? Recht ungeschickt aber hat sich sein Kollege in Kiew bewmmen. Der hat aus der Schule geplaudert, indem er erärte, er habe eine sehr energisch gehaltene Depesche vom Minister des Innern erhalten, keinesfalls jetzt Judenkrawalle izulaffen, da solche, wenn schon früher ungesetzlich, jetzt aber ewiß nicht zulässig und sehr schädlich für die allgemeine i olitik wären. Der Generalgouverneur Suchomlinow hat den - ortlaut dieser Depesche allen Gouverneuren und dem Chef es Stabes des Kiewer Militärbezirks dienstlich mitgeteilt und einerseits die Notwendigkeit der Ruhe und eventuell der schärfsten Maßregeln angeordnet. Wäre es nicht so entsetzlich traurig, so könnte man über die große Naivität des Monsieur Suchomlinow herzlich lachen. Aber die Situation ist nicht dazu angetan, um Lachen zu erregen. Die ganze Sachlage ist jetzt einfach diese: Die'Regierung hatte und hat die Macht, Judenhetzen in Rußland zu unterdrücken. Warum hat sie von dieser Macht nur diesmal und nicht im vorigen Jahre Gebrauch gemacht? Das ist sehr einfach: Die Regierung oder ihre Werkzeuge haben die Unruhen gegen die Juden im Sommer selbst hervorgerufen und inszeniert — das steht jetzt geschichtlich fest! — und jetzt paßten sie ihr durchaus nicht in ihre Politik, da sie die Anleihe eben vorbereitet und gar zu gern die im heiligen Rußland wiedereingeketzrte Ordnung amtlich konstatieren und der europäischen Finanzwelt glaubhaft machen möchte. Daraus erwächst nun für alle, denen die Sache der Menschlichkeit — wir sprechen gar nicht von der der Judenheit — am Herzen liegt, die Pflicht, das Zustandekommen dieser Anleihe, soweit es noch möglich ist, zu verhindern und in keinem Falle sich an derselben zu beteiligen. Der Mahnruf, den Maxim Gorki im „Berliner Tageblatt" mit der Ueberschrift: „Gebt der russischen Regierung kein Geld!" veröffentlicht hat, darf nicht ungehört verhallen. Der berühmte russische Schriftsteller sagt darin: „Wenn die jüdischen Bankiers Europas nicht begreifen, daß sie Rußland Geld nur zur Organisation von Judenhetzen geben würden, so käme ihr Verbrechen ihrer Habsucht gleich. Jetzt verstümmelt und beschmutzt man vor den Augen Europas die Seele eines großen Volkes, die heilige Stätte der lebendigen Gottheit. Gebt kein Geld in die Hände der Barbaren, deren politischer Standpunkt den Kulturströmungen Europas entgegensteht, nie werden sie es Euch znrückerstatten." Dieser Appell, der aber nicht nur die jüdischen, sondern auch die christlichen Bankiers Europas angeht, verdiente überall gehört und beherzigt zu werden. Mit aufrichtiger Genugtuung verzeichnen wir die Meldung, daß das Bankhalts Rothschild in Paris wie in Wien der Anleihe fern geblieben ist. Dagegen nrüfsen wir es verzeichnen, daß der Anteil des österreichischen Kapitals mit 150 Millionen Frankell hauptsächlich durch die Tätigkeit des Präsidenten der österreichischen Bodenkreditgesellschaft, Theodor Ritter v. Taussig, zustande gekommen ist. So berichte» die Wiener Blätter; sie vergaßen aber hinzuzufügen, daß dieser Mann Mitglied des Vorstandes der israelitischen Kultusgeineiiide zu Wien ist! In dem vor kurzem veröffentlichten Blaubuch über Mazedonien sagt die türkische Regierung u. a.: „Wir fühlen uns verpflichtet, die Signatarmächte des Berliner Vertrages daran zu erinnern, daß, während die Psorte fast alle ihre damals übernommenen Verpflichtungen gewissenhaft erfüllt hat, andere durch den Vertrag verpflichtete Länder nur wenig getan haben, und eines von ihnen sich der Erfüllung der damals übernommenen Verpflichtungen gänzlich entzogen hat." Dieser Hinweis aus Rumänien ist sehr wertvoll. Gibt es wohl im Wörterbuche der Diplomatie einen Ausdruck für das beschämende Gefühl, das die Kulturmächte Europas von Rechts und Moral wegen darüber empfinden müßten, daß die Pforte sie an ihre Pflichten ermahnen — und was das Schlimmste an der Sache ist — immer und immer lvieder vergeblich ermahnen muß?

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.