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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1906-04-20 · Heft 16 (20.4.1906) · p. Seite 182

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
70 (1906)
Issue
Heft 16 (20.4.1906)
Date
1906-04-20
Page
Seite 182 (sequence 2)
Language
German
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kirchlichen Würdenträger ziemt. Er meinte, daß man durch ein offenes Wort ungleich mehr schaden könne, als nützen. Trotzdem muffe man Lord Northburne für die Interpellation danken, und für die warme, Mitgefühl erweckende Art und Weise, in der er sie begründet habe. Er meinte aber, die Zeiten seien vorüber, in denen es dem einen Volke gestattet gewesen sei, interne Vorgänge in einem anderen mit geradeaus gesprochenen Worten zu kritisieren, noch heikler, tvenn diese Vorgänge durch nicht geringe Unruhen hervorgerufen, beziehungsweise begleitet sind. Deswegen dürfe man aber das Schweigen Englands durch? aus nicht etwa einem Mangel an Mitgefühl oder Unwissenheit über die russischen Vorgänge zuschreiben, sondern seinem Zartgefühl und seinem aufrichtigen Bestreben, die gefährliche Lage nicht noch mehr zu verwirren. Ganz England würde wie ein Mann zu seiner Regierung stehen, wenn sie mit einem ebenso weisen wie vorsichtigen Worte den Gefühlen des Volkes über diese Verfolgungen Ausdruck verleihen würde und wenn man überzeugt wäre, daß eine Interpellation in dieser traurigen Angelegenheit von irgendwelchem Nutzen sein würde. Auch der Marquis von Lansdowne brachte seine mit der seiner Vorredner übereinstimmende Meinung zum Ausdruck. Er führte aus, daß alle Mitglieder des Hohen Hauses tief bewegt wären von dem Leiden „dieses armen Volkes", alle fühlten auch, daß alle Anstrengungen ihrerseits zur Milderung des Unglücks gemacht werden müßten, während sich andererseits wohl niemand die Schwierigkeiten eines solchen Schrittes verhehlte. Als einen Ausweg schlug er vor, statt der Botschaft die Konsulate, die ja nicht Mitglieder des diplomatischen Dienstes wären, anznhalten, von Zeit zu Zeit Berichte über derartige Vorgänge zu erstatten. Doch läge auch in der Veröffentlichung dieser Berichte schon eine Gefahr. Denn die Hauptsache für ein Konsulat sei, daß es sich gut mit der Regierung stehe, bei der es akkreditiert sei, diese Beziehung aber müßte notwendigerweise leiden, wenn alle Berichte publiziert würden. Er schloß mit dem Wunsche, jede nur irgend günstige Gelegenheit ergriffen zu sehen, um das innige Mitgefühl bekannt zu geben, mit der das Oberhaus auf die Vorgänge sehe, über'die Lord Northbnrne referiert hat und mit dem es auf baldige Besierung der Lage der Juden zuversichtlich hoffe. So leuchtet uns ans diesem kurzen Abriß der Verhandlung ein rein menschlicher, die Unterschiede von Raffe und Religion nicht wertender Sinn für Gerechtigkeit und Humanität entgegen, den wir leider anderswo immer und immer wieder vermiffen. Wie hätte etwa eine solche Debatte in unserem Herrenhause sich entwickelt? Daß die Anregung keine diplomatische Intervention zur Folge haben wird, ist an sich bedauerlich, doch müffen wir selbst mit dem Ausdruck des Mitgefühls, der, von England konimend, in Rußland widerhallen wird, zufrieden sein. Es kann ja kein Zweifel darüber herrschen, daß die von den britischen Lords gesprochenen Worte gerade jetzt, wo eine politische Annäherung zwischen beiden Reichen erfolgt ist, auch auf die leitenden Kreise des Zarenreiches nicht ohne Eindruck bleiben werden. •Am? Sie Wache. Berlin, 17. April, s ist gut, daß die liberale Presse der reaktionären mit bezug auf einen angeblich neuen Kurs in der Justizverwaltung nicht auf den Leim gegangen ist. Denn um jeden Preis wollte diese letztere eine Diskussion über die Sache provozieren, um der Regierung llngelegenheiten zu bereiten. Das ist ihr aber n icht gelungen. Höchstens könnte man die Drohungen niedriger hängen, die die Agmri^ gegen die Regierung zu richten wägen —weil diese auf den Boden der Verfassung sich stellt! Der betreffende Artikel des Agrarierblattes gegen den preußischen-Justizminister lautet: „Sollte er andere Bahnen einschlagen als sein Vorgänger, und sollte er der drohenden Ueberflutung unseres Richterstandes mit jüdischen Anwärtern-nicht genügend wehren, so würden wir unsere Bedenken mit der größten Schärfe und Entschiedenheit aussprechen." Wir glauben nicht, daß irgendein preußischer Minister Grund hat, diese „Schärfe und Entschiedenheit" zu fürchten. In dieser Ferienzeit der hohen Politik dürfte eine anmutige Stilblüte des „Reichsboten" unseren Lesern Spaß machen. Sie führt den Titel „Hebräischer Melodiengeist von Albert Träger" und beschäftigt sich ausschließlich mit der Rede, die Träger jüngst im Abgevrdnetenhause gegen die Reaktion gehalten hat. Der Ingrimm über den moralischen Erfolg dieser Rede spricht aus jeder Zeile des Artikels, der natürlich, da alle anderen Argumente versagen, sich auf die antisemitischen, die bekanntlich nie versagen, wirft und diese kräftig auszunutzen sucht. Hier nur eine kleine Probe dieser konservativ-antisemitischen Darstellungskunst: „Wie der Storch im Salat wird sich heute der unentwegt freisinnige Abgeordnete Albert Träger Vorkommen, wenn er den Reichtum der Dankesausdrücke besieht, bucht und bei Tisch vielleicht sogar besingt, die ihm aus Anlaß feiner gestrigen Rede.im Abgeord neienhause in gut und schlecht parfümierten Umschlägen und auf gut deutsch oder schlecht hebräisch zufleußen werden. Nach Börsenschlnß wird er sich schmunzelnd erzählen lassen, wie sehr es Alt- und Jung-Jerusalem zu würdigen vermocht hat, daß auch der Minister des Innern mit der Rede von Albert Träger sich beschäftigen zu müssen glaubte. Auf der Fahrt von Berlin WW. bis zum Tempel des Giftbaums blieb kaum Zeit, die neuesten Kursdepeschen zu genießen. A. hat es aber B. und der wieder C. zugeraunt oder zuge geschrien, was das Neueste vom Tage ist. für den Teil des Judentums, der ganz genau weiß, was es weiter ist, wenn die jüdischen Erwerbsinteressen in den Parlamenten „geschickt" und eindrucksvoll wahrgenommen werden. Und man sagt keine objektive Unwahrheit, wenn man dem Abgeordneten Albert Träger das Zugeständnis macht, er habe auch gestern wieder die jüdischen Interessen ebenso stilwie geistvoll zu vertreten sich bereit gefunden. Wie wenig Geist und Mut dazu gehört für einen Juristen, wie es der genannte, an Geschäften und Erfolgen auf dem Gebiete der Ausschlachtung der fehlerhaften liberalen Justizorganisation gesegnete Abgeordnete Träger ist, etwas ohne weiteres als Reaktion anzu sprechen, weil man es nicht deklinieren will oder kann — was man nicht deklinieren kann, sieht schnell als Reaktion man an — ist und bleibt das A und O der sozialdemokratischen und .eines Teils der sreisinnlichen Volksaushetzer, hat niemand beweiskräftiger in dm Album des stolzen hebräischen Melodiensängers Träger geschrieben wie der Minister des Innern. Er stieß in denkbar vornehmster Manier den Sänger mü Juristen, der sich im hebräischen Heloten-Verhältnis um Deutschlands und speziell Preußens Fortschritt zu mühen vorgibt, mit der Nas' darauf, wie sehr er dem Rückschritt dient, wenn er fortsährt, sosor Reaktion zu schreien, wenn es gilt, ein wenig mehr los von den? Banne zu kommen, in den das „deutsche" Hebräertum Neudeutschland durch Ausgestaltung der Gesetzgebung in den siebziger Jahren zu befördern sich angelegentlichst bemüht hat. Er rieb ihm unter feint feine Juristennase, die Reaktion wittert, wenn sie merken sollte, eö handle sich um nationalen und preußischen Fortschritt, die Rede, welche vor einigen Tagen der Oberbürgermeister Adickes-Frankfur! über die Notwendigkeit gehalten hat, den fehlerhaften jüdischen 6ireulu3 vitiosus der Justi zorganisati on zu durchbrechen "

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