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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1906-04-20 · Heft 16 (20.4.1906) · page 1

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
70 (1906)
Issue
Heft 16 (20.4.1906)
Date
1906-04-20
Page
– (sequence 1)
Language
German
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70. Jahrgang.. No. 16 Berlin, 20. April 1906. Ein unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse. Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnements-Preis: durch Buchhandel oder Post (in Berlin u. Vororten durch unsere vertriebsstellen) bezogen vierteljährl. 3 M. He katteuv: (ßnjtav ’Kaipelez. Begründet von Rabbiner D». Ludwig Philippfon. VerlsLs-kxpeMoii: Berfin, Jerosalemerstr. 46/49. Alle Zusendungen für Redaktion und Expedition sind an die Adresse: Verlag der „Allgem Zeitung des Judentums", Berlin SW., Jerusalemer Straße 46/49, zu richten. Verlag von Rudolf Messe, Berlin. Die Lage vrr ruMchen Juden vor dem englilchen Merhaule. . Berlin, 17. April. 4u einer Zeit, in der wir in allen Staaten ein so starkes ts Anschwellen der Reaktion erleben müssen, und eine so gehässige Stimmung gegen die mehr als unglücklichen Flüchtige aus dem Osten besteht, da berührt es uns doppelt angenehm, aus einem Parlament, das an Charakter mit unserem Herrenhaus Aehnlichkeit hat, Worte zu hören, denen wir rückhaltlos beistimmen und die wir nicht genug begrüßen können. Ind noch mehr ist es für uns, wenn diese Worte sich auf ein Thema beziehen, das kaum in einein andern Parlament Europas behandelt werden könnte, da es in das interne Leben Rußlands eingreift. In der Sitzung vom 3. d. M. brachte, wie wir schon kurz erichtet, Lord Northburne eine Interpellation an die königliche Regierung ein, diese zu ersuchen, daß sie auf den Tisch oeS Hauses einen Konsulatsbericht oder sonst ein amtliches Schriftstück niederlege, welches alles enthalten solle, was sie über die letzten Judenverfolgungen in Rußland erfahren habe. Gr führte weiter aus, daß die letzten Ereignisse, wollte man sie sammeln und als eine historische Erscheinung betrachten, kaum hinter den Greueln der Bartholomäusnacht und der Sizilianischen Vesper zurückstehen würden. Die Verantwortung für diese Verfolgungen trügen nach seiner Ansicht eher die Agenten und Beamten des Zaren, als dieser selbst. Der edle Lord selbst glaubte zwar nicht, daß der eingeforderte Bericht geeignet sein würde, direkt auf die russische Regierung Repressalien auszuüben, sicher aber sei er dazu angetan, der russischen Regierung vor Augen zu führen, wie sehr es ihre Pflicht sei, Ereignissen ein Hemmnis entgegenzusetzen, die in ihrer Grausamkeit ohne jeden Zweifel eine Schmach für die Kultur des zwanzigsten Jahrhunderts bedeuteten. Hierauf sprach Lord Fitzmanrice, der Unterstaatssekretär und Vertreter des Auswärtigen Amtes im Oberhause, der sich, was die ideale Seite der Interpellation betraf, diesmal oollständig auf Lord Northburnes Seite stellte, der aber, was die Ausführbarkeit der von diesem vorgeschlagenen Maßregeln betraf, doch glaubte, daß man hier nicht nur von seinem Herzen sich dürfe leiten lasten, sondern auch der ganzen politischen Situation gerecht werden müsse. Er erinnerte daran, daß das Auswärtige Amt hier genau den Standpunkt einzunehmen habe, den chm Gladstone 1892 in genau demselben Falle angewiesen habe. Dagegen dürfe man nicht das Blaubuch, das wenige Tage vor dieser Interpellation auf dem Tisch des Hauses gelegenhabe, und welches sich mit mazedonischen Angelegenheiten befaßte, als Präzedenzfall ausbeuten. Die Sachlage wäre in beiden Fällen eine gänzlich verschiedene gewesen. Denn hier hätte es sich zwar auch um eine sremdeMacht gehandelt, aber um eine, mit der man besonders zu tun hatte (daß noch dritte Mächte dabei waren, änderte ja nichts an der Sache), um eine Macht, ans deren Verwaltung man einen Einfluß ausübe, . da wäre es angängig gewesen, Material vor das Haus zu bringen, ohne dadurch die Entstehung diplomatischer Schwierigkeiten befürchten zu müssen. Hier läge es aber ganz anders, wo man im Begriff wäre, sich in die inneren Angelegenheiten eines Staates zu mischen, dessen Gewalt über diese Dinge ganz unbeschränkt sei und dem gegenüber für England auch nicht der Schein eines Rechtes bestehe, sich zum Richter aufzuwerfen. Ja, man würde, wollte man dieser Interpellation zustimmen, die Verantwortlichkeit für etwa daraus entstehende Unstimmigkeiten auf sich laden, abgesehen von den Konsequenzen, die es haben müßte, wenn man dann diesen Fall zum Exempel für spätere Interpellationen stempeln wollte. Zur Bekräftigung seiner Worte rief er dem Hause das schon oben erwähnte Vorgehen Gladstones genauer in die Erinnerung, der bei dieser Gelegenheit die Regel aufstellte, daß eine Großmacht es vermeiden solle, durch Schritte im Parlament usw. einen Meinungsaustausch zwischen den auswärtigen Aemtern hervorzurufen, wenn sie eben nicht gesinnt ist, die Konsequenzen zu tragen, wie es 1882 Gladstone für England in dem diplomatischen Streite über Neapel getan hat. Wenn er, der Redner, Aktenmaterial, wie das geforderte, vorlegen müßte, so würde jedes Stück, das sich mit den Judenverfolgungen beschäftigte, notwendigerweise irgendeine der vielen anderen Fragen berühren müssen, sehr intime und delikate Fragen, mit denen sich die russische Regierung schon selbst beschäftigt, und, wie zu hoffen, mit den großen Reformen (?), die jetzt eingeführt zu werden scheinen, erledigen will. Die Behandlung der vorliegenden Fragen aber ist unbestreitbares Monopol Rußlands und jede offizielle Diskussion derselben im Auslande würde dort als unberechtigter Eingriff angesehen werden müssen. Er schloß mit dem Ausdruck des Dankes dafür, daß sein politischer Freund diese Anregung gegeben habe, und der Hoffnung, mag auch seine Rede etwas zu diplomatisch erschienen sein, daß diese furchtbaren Verfolgungen aufhören werden und daß das große Reformwerk der russischen Regierung von Erfolg gekrönt sein möge. Nun kam der angesehenste Geistliche der englischen Hochkirche, der Erzbischof von Canterbury. der Primas von England, der erste Peer des Reiches, an die Reihe. Er hielt gleichfalls den vorliegenden Fall für einen sehr delikaten, nur daß er von anderen Gesichtspunkten ansging, wie dies einem

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