Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 70 (1906)
- Issue
- Heft 15 (13.4.1906)
- Date
- 1906-04-13
- Page
- Seite 180 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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180 darin eine Anmaßung seitens des Rabbiners erblicken werde, der. wenn seine hiesige Tätigkeit auch nur eine vorüber-' gehende — ja sogar eine recht unsicher? sei — dennoch während' seiner Amtsdauer keinen Augenblick in der Sorge um das geistige Wohl seiner Gemeinde, mag es sich Nun um die Heranwachsende Jugend oder um gereiftere Mitglieder handeln, Nachlassen dürfe. Sei es, daß sich Eisenmann von seiner Empörung Hinreißen ließ, oder daß er die Tatsache, daß das Gesetz in diesem Falle nicht auf seiten des Herrn Pastors war, ausdrücklich betonen wollte — genug, zum Schlüsse erinnerte er noch daran, daß in allen derartigen Fällen das Provinzialschulkollegium bisher stets dahin entschieden hätte, daß die Kinder Andersgläubiger von einem Religionsunterricht, der gegen die Grundsätze ihres Glaubens verstoße, zn befreien wären. Nachdem^Eisenmann den Brief kuvertiert und versiegelt hatte, schickte er ihn nach der Wohnung des Herrn Pastors, die von ihm aus bequem in fünf Minuten zu erreichen war. Schon nach einer Viertelstunde kam sein Dienstmädchen zurück. Sehr überrascht über die Schnelligkeit, mit der sich Herr Engzelius über den Inhalt seines Schreibens schlüssig gemacht und seine Antwort darauf zu Papier gebracht hatte, nahm er hastig das Kuvert entgegen, das keine Aufschrift trug. Immerhin war Eisenmann geneigt, in der großen Eile, mit der die Antwort erfolgte, ein gutes Vorzeichen zu erblicken. Ein einziger Blick indesien in das geöffnete Kuvert klärte ihn darüber aus, weswegen der Herr Pastor mit solch blitzartiger Geschwindigkeit ihm" hatte antworten können. Die Antwort bestand nämlich darin, daß der Herr Pastor den Brief des Herrn Rabbiners in tausend Fetzen zerrissen zurücksandte. Auch Rahel hatte das gesehen und alsbald erkannt, welch großer Schimpf in einer solch verächtlichen Antwort lag. Aber obwohl sie auch jetzt ihre eigenen Gedanken über die Sache haben mochte und obwohl sie das Unzweckmäßige, für jetzt weitere Schritte in dieser Angelegenheit zu tun, ihrem Gatten hätte vorstellen können, sagte sie doch nichts, als sie sah, wie ihr Mann sich mit fest zusammengekniffenen Lippen uyd zornig geballter Faust wieder an den Schreibtisch setzte. Ihr Mann tat ja nur seine Pflicht: Durfte sie es wohl wagen, da dazwischen zu treten? (Fortsetzung folgt.) Geharnischte Sonette. Von Demokrit K. I. Den russischen Märtyrern. Das Gedächtnis des Gerechten bleibt zum Segen. Spr. 10, 7. 3 hr ruht nun aus von eurem schweren Ringen - Wir segnen euch, ihr Makkabäersprossen, Die für die Freiheit kühn ihr Blut vergossen, Die unentwegt an Recht und Ehre hingen. Nicht konnten euren wackern Sinn bezwingen Der Tyrannei verworfene Genossen; Was ihr in lauterm Herzen fest beschlossen, Das mußtet opferwillig ihr vollbringen. Nicht wolltet ihr ertaufen, noch erkaufen Das Leben euch von feilen Schandgesellen — Euch widerten die Frevel sonder Zahl. So ruht denn sanft! Was der gemeine Haufen Noch nicht erfaßt — wird ihm dereinst erhellen Der wahren Freiheit lichter Lenzesstrahl. * * II. Vergeltung. Der Ewige zahlt Vergeltung seinen Femden. Jes. 66, 6. herrschte wüste Freud' im Reußenlande, Und auch in Deutschland wie im Reich des Zaren Erfaßte böse Lust die Pöbelscharen — Die hoh'n und niedern — ob der „Schwarzen Bande". Die dort dem Schwert erlegen und dem Brande, Die solch ein himmelschreiend Los erfahren — „Sind ja nur Juden!" höhnten die Barbaren. -Zn ihrer eignen tiefsten Schmach und Schande. Doch bald Vergeltung naht ob ihrem Spott, Denn nicht vor deutschen und vor russischen Christen Macht Halt die ganz vertierte, trunkne Horde. Sie schont nicht Kind, nicht Greis, verachtet Gott, Sie folgt nur den entmenschten Polizisten, Die sie geführt zum Brand, zum Raub, zum Morde. Literarilchr Milteilungm. Dichterklänge aus Spaniens besseren Tagen. Auswahl aus den Meisterwerken jüdisch-spanischer Dichter, metrisch übersetzt und mit Noten versehen von Professor Dr. A. Sulzbach. Zweite vermehrte und verbesserte Auflage. Frankfurt a “ Main, I. Kauffmann 1905. Die erste Auflage dieses Werkes erschien 1873, die zweite Auflage 30 Jahre später. 30 Jahre sind eine lange Zeit, schon im Leben eines Menschen, um wieviel mehr im Leben eines B uches. Ein Buch, das nach 30 Jahren sich nicht überlebt hat, von dem der Verleger es wagt, nach 30 Jahren eine zweite Auflage zu veranstalten, das hat schon darin eine Lebenskraft garantiert, die es davor schützt, jemals zu veralten. Diese unerschöpfliche Lebenskraft kommt zum Teil auf Rechnung der großen Originale: des . unsterblichen, in seinem Schwünge wie in seinem Schmerze und seiner Sehnsucht alle Herzen rührenden und hinreißenden Juda Halevi, von dem uns Sulzbach 27 Gaben darbietet, ferner des an sprachlichen Wortspielen und witzigen Pointen unerschöpflichen Dichters des Tachkemoui. Jehuda ben Salomo Al Charisi (34 Piecen), und endlich des allgemein weniger bekannten und erst durch Sulzbach einem größeren Kreise zugeführten, aber durch seinen reichen sachlichen Humor und seine der Märchen- und Sagenwelt zugewandte Phantasie auch literaturgeschichtlich höchst interessanten Dichters der „Tändeleien", Levaasebuim, Joseph Sabara, von dem uns acht poetische Gaben und eine gedrängte Wiedergabe des „Buches der Tändeleien" vorliegen. Aber auch der Uebersetzer und Bearbeiter hat seinen Anteil daran, daß das Buch nach drei Dezennien noch eine neue Auflage verdient. Prof. Sulzbachs Meisterschaft in deutscher Wiedergabe hebräischer Meisterwerke ist zu bekannt, um darüber viel Worte zu verlieren. Besonderen Wert erhält das Werk aber noch durch die zahlreichen Noten kommentatorischer und literarischer Natur, die auch dem Kenner der Originale gute Dienste leisten. Wie geistreich ist z. B. die Erklärung der Namen des Dämon, Arnon ha-Satan ben Enon Hasched, daß „ben Enon“, der biblische Achira ben Enan (Nr. 7,78) ist! Den Namen „Arnon", den Herr Prof. Sulzbach unerklärt läßt, möchte ich als Hebraisterung des parsischen „Alaiman" ansehen, und Sabara scheint auch „Achira" als identisch mit „Ahriman" zu nehmen. — Besonders interessant ist Sabaras Erzählung: „Die belohnte Tugend" dadurch, daß sie bis auf einige unwesentliche Punkte mit dem apokrhphischen Buche „Tobith" identisch ist. Vielleicht ist Sabara durch den Namen „Achijakar" in Tobith auch auf seinen entgegengesetzten „Achira" gekommen, obgleich freilich ersterer bei Sabara in „Die belohnte Tugend" nicht vorkommt. — Ganz besonders möchten wir Sulzbachs „Dichterklänge" für die Jünglinge und Jungfrauen Israels empfehlen, und auch der Verleger hat das Seinige dazu beigetragen, um es durch geschmackvolle Ausstattung zu einem willkommenen Geschenke zu machen. I. G. Druck und Verlag von Rudolf Mosse in Beckin. Verantwortlich für die wedaktion: Max Bauchwih in Berlin. *