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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1906-04-13 · Heft 15 (13.4.1906) · p. Seite 179

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
70 (1906)
Issue
Heft 15 (13.4.1906)
Date
1906-04-13
Page
Seite 179 (sequence 11)
Language
German
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179 Mit zärtlichen Blicken betrachtete er ihr Gesicht, das zwar noch immer schön war, in das aber die kummervollen letzten Monate ihre Runzeln und Furchen gezogen hatten. „Ich bat Dich doch, nicht auf mich zu warten, Rahel," meinte er zärtlich. Vorwurfsvoll sah sie ihn an. „Glaubst Du etwa, ich werde schlafen, Schatz, wenn ich weiß, daß Du fast niit Deinem Leben gegen unser böses Geschick kämpfst? Haben Dich die Erlebnisse des heutigen Abends befriedigt?" Eisenmann zuckte traurig die Achseln. „Befriedigt? Ich glaube, sie sollten es wohl. Jeder andere würde sie vielleicht als ein deutliches Zeichen des Fortschrittes erkennen. Der Herr Bürgermeister trank drei Schoppen inehr als das letztemal, und Herr Schwefelhagen schlug mir ans die Schulter und meinte, ich verdiente ein besseres Schicksal als ein Jude zu sein. Jedenfalls versprachen sie mir, daß die Sitzung stattfinden sollte, sobald sich dieses mit ihren geschäftlichen Dispositionen vereinbare!: ließe — .wer weiß, was das heißen soll?" „Wir haben nur noch zehn Tage," seufzte Rahel, „und dann —" „Und dann — Du meinst, wenn ihre Entscheidung gegen uns ausfällt?" unterbrach sie Eisenmann. „Und dann, Rahel, sag" ich Dir, dann müssen wir uns in unser Schicksal fügen und das beste daraus zu machen suchen. Uns bleibt noch genug Geld, um nach England oder sogar nach Amerika zu fahren, und es heißt, daß auch dort Gott leben soll." ~ Rahel hob ihre Hände auf und schauderte. „Was? Ueber das große Wasser fahren und vielleicht nie mehr die Aussicht haben, Vaters Grab besuchen zu können?" „Er wird es uns verzeihen, Schatz. Er wäre der ersteder Dir sagen würde, daß er mit Freuden hinter der Pflicht zurücksteht, die »vir den Lebenden schulden. Hast Du nachgesehen, Schatz, ob auch Moritz seine Schularbeiten richtig gemacht hat? Ich habe es stets als ein glückliches Zeichen betrachtet, daß man ihm erlaubt hat, während unseres vorübergehenden hiesigen Aufenthaltes die Stadtschule besuchen zu dürfen. In der Art, wie wir ihn zu seinen Büchern angehalten haben, haben wir, wie ich wohl sagen darf, uns dafür erkenntlich genug gezeigt." Bei der Erwähnung des kleinen Moritzshuschte ein Schatten über IRahels Gesicht. „Nein, über seinen Fleiß können wir uns nicht beklagen," begann sie leise. Und dann schien sie zu überlegen, ob sie zu ihrer Bemerkung noch etwas hinzufügen oderj sie näher erläutern sollte. Schließlich aber schloß sie den Mund und sagte nichts. Eisenmann, der in Gedanken versunken war, war ihr Zögern nicht ausgefallen. Die Hand seiner Gattin ergreifend, drückte er sie mit liebevoller Zärtlichkeit und sagte dann: „Ja, so Gott will, wird er uns ein guter Sohn werden. Und ich weiß auch, wem das Verdienst dafür zukommt." Me sehr auch die Mutter wünschen mochte, einen Vorfall des heutigen Abends, der mit dem kleinen Moritz in Verbindung stand, nicht laut werden zu lassen, so machte schon am folgenden Abend der kleine Bursche selbst jedes Verhehlen unmöglich und unnötig. Der Rabbiner blieb zu Haus. Im „Goldenen Roß" fand heute kein Gelage statt, denn einer der Stadtväter hatte ein Schwein geschlachtet und die Versammlung feierte in seinem Hause dieses Familienfest. Unter der Aufsicht seines Vaters hatte der kleine Moritz siebenmal in sein Schreibheft „Arbeit macht das Leben süß" geschrieben, 'zwei Divisionsexempel gerechnet und durch Multiplikation die Probe darauf gemacht, dann hatte er Abendbrot gegessen, sein Tischgebet gesägt, seine hebräische Leselektion und die Uebersetzung der täglichen fünf Verse im Pentateuch beendet — er war schon beim sechsten Kapitel der Genesis — und dann war er zu Bett gegangen. Zwei oder drei Minuten später, es war gerade soviel Zeit vergangen, wie er zum Ausziehen brauchte, ließ sich aus dem anstoßenden Zimmer, in dem er schlief, seine helle, kindliche Stimme vernehmen, und zwar in Worten, die den Rabbiner aufspringen machten. Erschreckt sah er sich um, wie jemand, der aus einem bösen Traum erwacht. Dann schlich er sich leise an die Tür, sah hinein und — ja, wahrlich, es war sein kleines Söhnchen Moritz, das in seinem sauberen weißen Nachtgewande init zum Gebet gefalteten Händen an seinem Bette kniete und in Worten, deren klarer, deutlicher und inniger Ton keinen Zweifel ließen, daß er ihre Bedeutung verstand, sprach: „Lieber Herr Jesus! Du, der Du die kleinen Kinder behütest, wache über mir in meinem Schlaf und gib, daß ich Dich liebe mit zerknirschtem Gemüt' um Gott Deines Vaters willen, denn ich habe schwer gesündigt und bei Dir ist all unser Heil —" „Moritz!" rief der Rabbiner ihm leise zu. Das kleine Kerlchen wandte sich um, und als es den bekümmerten und erstaunten Blick im Gesicht seines Vaters gewahrte, brach es plötzlich ab. In demselben Augenblick drängte sich Rahel ins Zimmer und schloß ihn in ihre Arme. „Wer hat Dich so beten gelehrt?" fragte Eisenmann in festem Tone. Seine Stimme klang ungewöhnlich hart. Der hierdurch zu Tode erschreckte kleine Moritz fing, nun bitterlich zu weinen an. Eisenmann mußte seine Frage wiederholen. „Der Herr Pastor hat mir in der Bibelstunde das Gebet gelehrt, lieber Vater — mir und dem Joseph Kaufmann und dem Adolph Abrahamsohn und allen andern jüdischen Jungens. Du hast doch immer gesagt, lieber Vater, ich soll meinen Lehrern in allem gehorchen." Eisenmann nickte und mit einem kurzen: „Sieh Du nach ihm, Rahel," ging er in das Wohnzimmer zurück, das er eine zeitlairg der Länge und Breite nach mit raschen, ungeduldigen Schritten durchmaß. Dann nahm er Papier und Feder, setzte sich an den Tisch und schrieb eifrig. Rahel war es bald gelungen, den kleinen, vor Furcht zitternden Moritz zu beruhigen, und nachdem er eingeschlafen war, setzte sie sich Eisenmann gegenüber und sah ihm schweigend zu. Sie wußte wohl, was und an wen ihr Mann schrieb und sie mochte sich wohl auch ihre eigene Meinung darüber gebildet haben. Aber noch nie hatte sie den großen Fehler begangen, ihre Ansicht ihrem Gatten aufzudrängen, und erst dann äußerte sie ihre Meinung, wenn ihr Gatte sie darum befragte. Das hatte ihr seine Liebe mehr als ihr schönes Gesicht und ihr einnehmendes Wesen bewahrt, und heut handelte es sich sicherlich um eine Angelegenheit, in der die Klugheit und der Takt ihres Mannes zu entscheiden hatten. DeS Herrn Rabbiners Brief war natürlich an den Herrn Pastor gerichtet. In der Einleitung sagte er, daß er es vorziehe, ihm zu schreiben, weil er nicht Gefahr laufen wolle, durch einen persönlichen Besuch den Herrn Pastor in seiner Häuslichkeit zu stören. Er hoffe indessen, daß der Herr Pastor diesem Briefe dieselbe Aufmerksamkeit schenken würde, die er zweifellos einer mündlichen Vorstellung zuteil haben lassen würde. Der Umstand, daß Herr Engzelius einige jüdische Knaben im Neuen Testament unterrichtet habe, ohne zuvor ihre Eltern darüber zu befragen, beruhe wohl nur auf einem Uebersehen und der Herr Pastor brauche sicherlich nur darauf aufmerksam gemacht werden, um derartige Vorkommnisse für die Zukunft zu vermeiden. Er fei vollkommen überzeugt, daß der Herr Pastor diese freundschaftliche Vorstellung so aufnehmen werde, wie sie gemeint sei, und nicht

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