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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1906-04-13 · Heft 15 (13.4.1906) · p. Seite 178

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
70 (1906)
Issue
Heft 15 (13.4.1906)
Date
1906-04-13
Page
Seite 178 (sequence 10)
Language
German
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'-178' -- V'.:— umaz, bis tu jeden Ton der Gebete hinein, noch als -Siebzigjähriger, nach seinen Kindheitserinnerungen schildern konnte, erkennt man nicht bloß daä fromme Gemüt, sondern auch den einzigartigen Geist dieses eminenten Gelehrten, dieses Sprachforschers von Weltruf mit der Seele eines gütigen Kindes: „So aufrüttelnde fromm-stolze Töne wie lemaan daas und lehiswada und ki socher sind nie wieder an rnein Ohr geschlagen; so sehnsüchtige, langgezogene Klagen wie in der Sephira-Zeit wmo lenezaed usw. haben mich nie wieder aus menschlichem Munde gerührt.' Sein „Sagen" war einzig, tief ergreifend. Um diesen Ghitluch hadibbur gebe ich jede andere musikalische Bildung hin. O, der Manu hat auch Arien aus der Oper gesungen, z. B. das Gebet aus dem „Freischütz" zu meeballrel ebajim. Und wie paßte das! Als wäre die Melodie dazu komponiert." Steinthal fürchtete,.- als er diese „Erinnerungen" niederschrieb, daß sie dem Leser zu kalt Vorkommen werden. Wir Kinder einer blasierten Gegenwart wundern uns aber int Gegenteil über die Gemütswärme, die diesem Greis jeden Ton aus der religiösen Andacht seiner Jugend so treu festhalten ließ, und das bei einem Manne, der auf der höchsten Warte der modernen Wissenschaft stand. Ob es nicht eher bei der heutigen Jugend heißt: Nur schnell dahinleben, ohne tiefere Erinnerung! Und wie wird dann bei manchem das Alter sein? Wehe jedoch um solche Männer wie Steinthal und Lazarus, die dahingehen und nicht so leicht wieder zu ersetzen sind! Als Männer der modernen Wissenschaft groß, waren sie noch größer als überzeugungstreue, selbstbewußte Juden; in ihnen verkörperte sich in den ersten 70 er Jahren namentlich der geistige Aufschwung der werdenden Reichshauptstadt. Aber wenn viele damals aus der Fülle ihrer sozialen Stellung vorwiegend dem Genüsse lebten, so waren die Dioskuren Steinthal und Lazarus bis zu ihrem letzten Atemzuge für das Wohl ihrer Glaubensbrüder tätig. Das schönste Denkmal, das die deutsche Jlldenheit dem großen Sprachforscher und Denker setzen konnte, war diese Sammlung seiner Reden und Aussätze über Juden und Judentum. Möge das Buch nun aber auch die Verbreitung finden, die ihm gebührt. Es soll und darf in keinem wirklich jüdischen Hause fehlen. Es soll eine Hauptpostille der Alten und ein Lesebuch für die Jugend bleiben. Beide sollen aus dem Werke das Judentum kennen und lieben lernen! Zum Leelrnhlrten. Erzählung von Samuel Gordon. Mit Genehmigung des Verfassers ins Deutsche übertragen von I. Cassirer. II. isenmann verständigte sich in seiner Unterredung rasch mit dem braven Vorsteher. Und dieser billigte im voraus alle Schritte, die der Rabbiner zur Erreichung seines Ziels unternehmen würde, indem er ihm versicherte, daß die Gemeinde volles Vertrauen zu ihm habe. Um kurz zu sein, die fraglichen Maßregeln, die er angedeutet hatte, waren jene Versammlungen im „Goldenen Roß", dem vornehmsten Lokale der Stadt. Er wußte, daß der einzige Weg zu den Herzen dieser Männer, in deren Hand sein Schicksal lag, durch ihre Kehlen ging. So kam es denn, daß die Gelage im „Goldenen Rotz" fast jeden Abend stattfanden. Eisenmann spielte dabei den Possenreißer und den freigebigen Wirt und er selbst schluckte hierbei die faden Witze und halbverschleierten Zweideutigkeiten, die die Gesellschaft zur Unterhaltung beitrug, zusammen mit dem" übelduftenden Rauch ihres gemeinen Tabaks hinunter. Ja, wenn das alles nur etwas nützen möchte! Wenn nur der Zweck diese Mittel heiligen würde! Manchmal hoffte er, er würde es, dann wieder fürchtete er, er würde es nicht, bis er endlich, von dem ewigen Kampfe zlvischen Furcht und Hoffnung ganz niedergedrückt, sich vornähm, weder zu fürchten, noch zu, hoffen, sonderir es der Zukunft zu überlassen, ihr eigener Prophet zu sein. Unwillkürlich beschleunigte Eisenmann seine Schritte, als er seine Augen aufschlug und gewahrte, daß. er an der Kirche vorbeiging. Im oberen Stockwerk des angrenzenden Pfarrhauses brannte noch Licht, das gespensterhaft den Schatten eines Mannes gegen die Decke warf. Das war Pastor Engzelius, der wahrscheinlich seine Predigt für' den nächsten Sonntag ausarbeitete. Rabbi Eisenmann kämpfte die bitteren Empfindungen nieder, die in seinem Herzen wach wurden, als er sich fragte, was für einen Text wohl der ehrwürdige Herr Pastor sich gewählt haben mochte. War es wohl Barmherzigkeit und Güte gegen die Hilflosen und Bedrückten? Immer und immer wieder drängte sich Eisenmann die Erinnerung an die einzige Begegnung auf, die er mit dem Herrn Pastor gehabt hatte. Er hatte ihn besucht und ihn gebeten, einmal in seiner Eigenschaft als Kollege, da sie doch beide Verküllder des göttlichen Wortes wären, dann aber auch, weil doch zwischen ihnen ein Gefühl der Zusammengehörigkeit und des Korpsgeistes herrschen sollte, doch seinen Einfluß dahin geltend zu machen, daß er — der Rabbiner — als Bürger ausgenommen würde. Der Herr Pfarrer hatte ihn hochmütig angesehen und ihm erwidert, daß er als gewissenhafter Diener von Gott dem Vater, dem Sohne und den, heiligen Geist sich streng auf die Erfüllung seiner Pflichten beschränke, die das geistige Wohl seiner ihm anvertrauten Herde zum Gegenstände hätten, und daß er grundsätzlich sich niemals in städtische Angelegenheiten einmische. Er könne auch nicht umhin, seiner Verwunderung darüber Ansdruck zu geben, daß der Herr Rabbiner ihn grade jetzt besuche, wo er doch wissen mußte, da es doch Stadtgespräch war, daß die Frau des Herrn Pastors eben die Krisis einer schweren Krankheit durchmache, und einen Mann zu einer solchen Zeit, wo häusliche Sorgen so schwer auf ihm lasteten, mit ihm sernliegenden Angelegenheiten zu behelligen, beweise entweder Mangel an Takt oder — was noch schlimmer — Mangel an Gefühl. Mit Gewalt hatte der Rabbiner die gebührende Antwort hierauf unterdrückt, demütig um Entschuldigung gebeten und mit aufrichtigen Wünschen für eine recht baldige Genesung der Frau Pastorin sich verabschiedet. Seit damals waren sich die beiden Männer oft in der Straße begegnet und immer nur mit einem sehr kühlen Gruße, ohne je miteinander ein Wort zu wechseln, aneinander vorüber gegangen. Immerhin gereichte es Rabbiner Eisenmann zu großem Tröste, daß der Pastor ihin versprochen hatte, neutral zu bleiben, denn trotz seines strengen Aussehens und seines unsympathischen Benehmens machte Pastor Engzelius doch den Eindruck eines Mannes, auf dessen Wort man bauen konnte. Auf den Zehen schlich sich der Rabbiner leise ins Haus. Diese Vorsicht war indessen unnötig, denn als er das Wohnzimmer betrat, fand er sich Rahel gegenüber, die ihn voller Erwartung fragte: „Was gibt es Neues?"

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