Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 70 (1906)
- Issue
- Heft 15 (13.4.1906)
- Date
- 1906-04-13
- Page
- Seite 175 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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und bedenken nicht, daß gay viele von ihnen, Juden ihre Stimmen zu danken haben. Die seligen Altliberalen haben zwar viel mit ihrem Freiheitssinn geprunkt, sie haben oft auch scharfe Worte gefunden, aber sie sind doch schuld daran, daß unsere jetzigen Zustände sich haben entwickeln und herausbildett können. Sie kamen wenig zum Volke, und kam das Volk zu ihnen, dann schüttelten sie ihm nicht die Hände, die waren ihnen nicht genug gewaschen. Nach oben aber waren die Herren zu geschmeidig und nicht genügend nackenstark. Da ist nun wieder einer dieser Herren aus dem Leben gegangen, und ein gewesener Kollege hat ihm in einem großen „altliberalen" Blatte den Nachruf gehalten. Der Verstorbene hieß Au spitz, und der ihm den Nekrolog hielt, Plener. Es ist, wenn wir die Namen nennen, als lebe vor unfern Augen das' Oesterreich der siebenziger Jahre des vorigen Jahrhunderts auf.. Damals saßen sie, die Grandseigneurs der Haute-Finance und des verrosteten Liberalismus, im Parlament, hatten das Heft in den Händen — benutzten es aber wenig, um dem wahren Freisinn zum Siege zu verhelfen. Wir waren gerade damals im Parlament — natürlich als Zuhörer auf der Galerie — als, aus Anlaß der Debatte über die Okkupation Bosniens und der Herzegowina, der verstorbene Auspitz, im bürgerlichen Leben Zuckerfabrikant und mehrfacher Millionär, scharfe Worte fand, um gegen Herbst, den gewesenen Justizminister und damaligen Führer der Liberalen, anzukämpfen; Herbst war ein geistreicher Jurist und schlagfertiger Redner. Aus ihn und seine Partei hat Bismarck seinerzeit das starke Wort von den „Herbstzeitlosen" gemünzt. Auch Auspitz war ein, scharfer Redner; wann aber hat sich dieser Besitzer einer großen Zuckerfabrik, der ganz unabhängig war, wirklich der Entrechteten angenommen? Hat er, der doch Jude geblieben ist, als Politiker jemals des Judentums gedacht? Das war der Fehler dieser selig verstorbenen liberalen Partei, daß, .sie sich mit einem Namen schmückte, den zu verdienen sie sich nicht bestrebte. Wie, diese ehemals so Mächtigen, diese reichen Finanziers und großen Advokaten, hätten es nicht bewirken können, das mannigfache Radautun,, an dem wir leiden, niederzuhalten? Wir kranken an den Fehlern, die jene ehemals so mächtige Partei begangen hat. Ihre Kleinlichkeit, ihr Blick auf die ihr nur nahen Interesse«, hat dem Liberalismus in Oesterreich das Grab geschaufelt. Mit anderen Worten, jene Partei hat ihre Pflicht dem Volke gegenüber nicht getan, und am allerwenigsten dem jüdischen Volke gegenüber. Der Verstorbene hat, wie man liest, eine halbe Million in seinem Testament für Volksbildungszwecke bestimmt. Sehr löblich. Aber wie wenig wird mit solchen Almosen, die sehr nachträglich kommen, geholfen! Der Wind, der einst gesäet wurde, hat uns den „Sturm" gebracht. Und wir fürchten, es werden noch viele derartige Stürme üher Oesterreich hinwegwehen. Deshalb erheben wir immer und immer wieder den Ruf: Die Juden Oesterreichs mögen sich ihre Kandidaten für den zukünftigen Reichsrat genau ansehen. Viele Juden werden wohl kaum, nach der geplanten Wahlkreiseinteilung, in diesen einziehen. Trachten wir danach, daß wir wenigstens eine Vertretung haben, die energisch eingreift, wenn die Sturms, Schneiders und andere mehr oder weniger interessante Genossen daran gehen werden, uns das bißchen Luft und Licht zu nehmen,, das uns noch gegönnt ist. Nur mache man keine leeren Redensarten von Gleichheit und Freiheit! Man weiß es nur zu gut, welcher Mißbrauch mit diesen Worten getrieben wird. Wir wollen die Gleichheit, diese darf aber nicht aushören bei den Grenzpfählen, die man dem Judentum gesteckt hat. Es soll sich zeigen, wie die Sozialdemokraten für diese Güter der Menschheit kämpfen werden. Herr Adler meinte, das Alte sei nun tot. Nun denn, es lebe das Neue! Ties möge aber wirklich gut sein. Wenn der Altliberalismus tot ist, und ihm niemand Tränen nachweint, so sind wir damit ganz einverstanden. „Siehe, ich schaffe Neues", ruft der alte Prophet aus. Wir sind begierig, das Neue zu sehen, das die modernen Propheten schaffen werden. Jetzt soll aber nicht nur ntit dem alten Schutt aufgeräumt, nicht nur eingerisfen, sondern auch aufgebaut werden. Mögen sie doch, die modernen Heilsverkündiger, dies von unseren alten Propheten lernen. hv ii. Sunt Gedächtnis eines Großen. Von M. Friedeberg. eymann Steinthal, dessen hauptsächlich aus dem letzten Jahrzehnt seines Lebens stammende Vortrüge und Aufsätze „lieber Juden und Judentum" soeben die „Gesellschaft zur Förderirng der Wiffenschaft des Judentums" aus seinemNachlaß (herausgegeben von Dr. Gustav Karpeles) hat erscheinen lassen, vertrat bekanntlich seit 1850 das Fach der allgemeinen Sprachwissenschaft an der Universität Berliti, für welches er 1863 eine außerordentliche Professur an dieser Universität erhielt. Denn als Jude, als treuer Anhänger des Alten Testaments und des Judentums, über dessen Wissenschaft Steinthal seit 1872 Vorlesungen an der Hochschule für die Wissenschaft des Judentums hielt, konnte selbst dieser bedeutende Gelehrte in seiner nahezu ein halbes Jahrhttndert umfassenden akademischen Lehrtätigkeit zu keiner ordentlichen Profeffur in Preußen gelangen. * Der Herausgeber hat in seiner Einleitung den von Nichtwissenden aufgeworfenen scheinbaren Widerspruch aufgeklärt, daß ein so scharfer, bis zu den Grenzen allen Wissens vorgedrungener Denker wie Steinthal zugleich fein ganzes Leben lang ein so begeisterter Jude sein konnte, und es ehrt die „Gesellschaft zur Förderung der Wissenschaft des Judentums" ganz besonders, daß sie gerade mit Steinthals Aufsätzen zum erstenmal vor ein größeres Publikum tritt. Der vorliegende Battd „lieber Jttden und Judentunt" zerfällt in vier Abschititte, für deren ersten Steinthal selbst, der bereits die Absicht' hatte, diese Aufsätze als ein Mahn- und Trostwort herauszugeben, den Titel „Schema Jisroel" gewählt hat. Der zweite Abschnitt „Zur Abwehr!" enthält ebettfalls zumeist Aufsätze, die in der Zeitung des Judentums in den Sturinjahren des Antisentitismus erschienen sind, einer auch in der „Gegenwart" („Die Juden und kein Ende") und eine Skizze über den Talmud in den „Mitteilungen zur Abwehr des Antisemitismus". Den wissenschaftlich bedeutendsten dritten Teil des Bandes hat der Herausgeber mit Recht. „Wissenschaft und Leben" betitelt.. Er enthält die streng wissenschaftlichen und doch meisterhaft polemischen, zunt Teil auch besonders für die Juden gegen Angriffe wissenschaftlich-apologetischen Abhandlungen. Steinthals Bedeutung innerhalb der Wissenschaft ist auch heute noch nicht auf ihrem Zenit angelaitgt. Unter anderem ist ein Beweis hierfür, daß seine bedeutendsten Werke immer noch neue Auftagen erleben und in mehrfachen neuen Bearbeitungen erscheinen. So erschien 1888 die — bei einem so streng gelehrten Werke will das doch etwas sagen — vierte Auflage seines 1851, also im Alter von 27 Jahren, von ihm zuerst veröffentlichten Buches: „Der Ursprung der Sprache, im Zusammenhang mit den letzten Fragen alles Wissens." Sein 1850 in Berlin veröffentlichtes Werk „Die Klassifikation der