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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1906-04-13 · Heft 15 (13.4.1906) · p. Seite 174

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
70 (1906)
Issue
Heft 15 (13.4.1906)
Date
1906-04-13
Page
Seite 174 (sequence 6)
Language
German
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7 die man, wenn sie ihrem Zwecke gedient haben, achtlos beiseite stellt. Sie wollen nach jeder Richtung als vollgültige Staatsbürger angesehen werden, die verlangen können, alle Rechte eines solchen zu erhalten. Dies sei ganz besonders hervorgehoben angesichts der Tatsache, daß der Herr Verfasser seinem Werk.einen nationalen Zweck zugrunde legt. Die stets so beliebte Klassifizierung der Bewohner Posens in „Deutsche", „Polen" und „Juden", scheint auch diesem Zwecke zu entsprechen. Die Inden Posens müfien jedoch entschieden dagegen Verwahrung einlegen. Bei einer Klassifizierung von nationalen Gesichtspunkten aus sollte man doch nur Deutsche und Polen kennen. Auch die unter polnischer Herrschaft in Polen seßhaften Juden waren Deutsche, und es ist zu bedauern, daß ihre Verdienste um das Deutschtum in. dem Buche nicht die gebührende Würdigung gefunden haben, da sein Inhalt jedenfalls alle Kreise, die maßgebenden wie die nicht maßgebenden, in ihrem Urteil über die verschiedenen Nationalitäten in der Provinz Posen und ihr Verhältnis zueinander wesentlich beeinflussen wird. lBrirf aus Mlterreich. Ende März 1906. manchmal ist es wirklich schwer, keine Satire zu schreiben. Da wurde in unserem Parlament die Wahlreform verhandelt, von ibrer Durchführung erwartet nian ein neues Oesterreich, und über ihre Notwendigkeit sind alle Parteien im klaren. Es ist, als leuchtete auf dem tiefdunklen Himmel ein winzig kleines Sternchen auf, aber sofort, indem wir hoffen, hat sich das dunkle Gewölk wieder zusammengeballt, und wir werden daran erinnert, daß die Dummheit, mit der bekanntlich Götter selbst vergebens kämpfen, noch nicht gestorben ist, und natürlich auch die Dummen, wie man zu sagen pflegt, nicht „alle" werden. Auf diesen Zeitpunkt werden die Sozialisten noch lange warten. Ich aber will Sie nicht darauf warten lassen, zu erfahren, was für ein Sprenggeschoß die Dununheit in die im ganzen friedliche und würdige Wählreformdebatte geschleudert hat. Sitzt da im Parlamente ein Genofle Schneiders, des sattsam bekannten Mechanikus. Man kann übrigens den letzteren nach Belieben als Mechanikus, Stimmzetteleskamoteur, Stampiglius und Talmudautorität nuseres Parlaments bezeichnen. Es ist der Menschheit bekannt, daß Schneider seine Talmudkenntnisse aus Eisenmengers, Brimauus' und Rohlings „Arbeiten" schöpft. Ein Freund dieses vielgewandten Odysseus ist der Abgeordnete Professor Sturm. Den ließen die Lorbeeren Schneiders nicht ruhen, und getreu seinem Namen, wollte er einen Sturm erregen, wenn auch vorläufig nur im Glase Wasser. Vor einiger Zeit nämlich hat der Abgeordnete Straucher eine Interpellation wegen der höchst traurigen Hilsneraffäre eingebracht. Er berief sich auf das Buch Nußbaums, dem der große Strafrechtslehrer Liszt einen Geleitsbrief gegeben. Jeder Vernünftige denkt, daß nach dem vernichtenden Verdikt, daß zwei hervorragende Juristen über den ganzen Hilsnerprozeß fällten, man daran gehen werde, diesen „ein wenig" zu revidieren. Ist doch jene schreckliche Affäre in ein trübes Dunkel gehüllt, das der Aufhellung gar zu sehr bedarf, sind doch Stimmen zu hören, die energisch verlangen, mail möge die wirklich Schuldigen in jener Mordangelegenheit endlich an das Licht des Tages ziehen. Das geschieht nun keineswegs. Während die sogenannten Freisinnigen im Parlament von Gleichheit schwärmen und die Wahlreform diese herbeiführen soll, erhebt sich Sturm — 174natürlich meine ich den christlich-sozialen Weltverbesserer — und interpelliert den Minister, ob es ihm bekannt, sei, was sich vor bereite; man verlange eine Revision jenes berüchtigten Prozesses und damit der Dummheit die Krone aufgesetzt werde, spricht ervon einer „Million" oder gar Millionen (unbekannt ob Krone, oder Gulden), die für Hilsner gesammelt worden seien. De. Wiener würde sagen: „Da legst dich nieder und stehst nimme auf!" Natürlich wird in der „stürmischen" Jnterpellatio, (man verzeihe das naheliegende Wortspiel) auf die Verun glimpfung hingewiesen, der ein hoher Beamter ausgesetzt se> welcher zufällig zur Zeit des Hilsnerprozesses oberster Justizchti gewesen, und von dem wir sagen können, er habe damals seine Pflicht nicht getan, denn sonst hätte man Hilsner, fü den wir wahrlich keine Lanze einlegen wollen, nicht verurteilen können, wie dies Nußbaum in scharf-juristischer Weise nach gewiesen hat. Dieses Juristenbuch, das mit der Flagge Liszt gedeckt wird, nennt Sturm „ein Machwerk." Jetzt können sicl die beiden Juristen ihr Schulgeld zurückgeben lassen, Sturn selbst hat gesprochen, der Gracchus, der sich über di> Sedition beklagt. Unsere Christlich-Sozialen sind bekanntlich Feinde des Bildnngs- und Wiffenschaftsprotzentums. Für Lueger ist eit „Kräutlerweib" mehr als die hervorragendste Autorität der medizinischen Fakultät. Wenn er erkranken wird, der groß, Bürgermeister, was die Allmacht verhüten möge, wird er fid, durch Kräutlerweiber und „weise Hirten" behandeln lassen Bielohlawek, der Heißsporn der christlich-sozialen Sippe, ha eine Aversion gegen alles Gedruckte. Grau ist ihm alb Theorie der Bücherweisheit, nur grün die goldenen'Früchte, die am Baume des Antisemitismus wachsen. Schneider läßt wenigstens den „Schulchan Aruch" gelten, allerdings nur in der Ausgabe des Justus Brimanus; wie vielen anderen Geleerten, Pardon Gelehrten, ist es ihm um eine bestimmt Allsgabe eines Werkes z>l tun. Dann hatten wir noch eine. Gelehrten im Parlamente, der Mann hieß Türk, war in seinen Mnßestunden Wundarzt, sonst alldeutscher Agitator und Schönererfreund, der hat das geflügelte Wort von „Kniggd Konversationslexikon" geprägt. Und nun kommt — last no; least — Sturm. Dieser Least (spr. Ließt) fällt über Lisz (ich bitte um Gnade wegen dieses Kalauers) ein geradezu ver nichtendes Urteil. Die ganze juridische Fakultät hülle sich n Sack und Asche, studiere um, oder gehe zu Sturm oder Rübe hören, was Juristerei ist. Nußbaums Buch ist ein Machwerk Liszt ein Stümper, Sturm aber, das ist Cato und Cicero ii einer Person. Und null vermeinen sonderbare Schwärmer, daß die Wahl reform diese Leute aus dem Parlament wegfegen werde; es werd ein Sturm kommen, dem Sturm und Genoffen werden weichei müffen. Da find wir doch pessimistisch genug zu glauben, daß di Wahlreform allerdings einige freisinnige Elemente mehr in- Parlament bringen wird, aber auch, als ihr unausbleibliche^ GegengewiM, Leute aus der Genossenschaft Sturms und Schneiders, und zwar diese in starker Majorität. Der Altliberalismus, manche nennen ihn auch Schein liberalismus, ist bei uns ganz ausgestorben, die große Lücke die geblieben, ist nicht ausgefüllt und wird wohl nie ausgefüllt werden. Denn unsere Sozialdemokraten, die jetzt sogar von den Christlich-Sozialen als Regierungspartei bezeichnet werden, so große Worte sie auch machen, so sehr sie sich auch für die Gleichheit scheinbar einsetzen, werden bedenklich stille wenn die Juden kommen und auch am Tische der Gleichheit ihr kärglich Mahl einnehmen wollen. Sie schillern manchmal ziemlich antisemitisch, die Herren von der „Arbeiter-Zeitung"

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