Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 70 (1906)
- Issue
- Heft 15 (13.4.1906)
- Date
- 1906-04-13
- Page
- Seite 176 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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’ ' ''■;’?>J-—■''■itI "“" Sprachen usw." erschien 1860 neu bearbeitet unter dem Titel „Charakteristik der hauptsächlichsten Typen des Sprachbaues", und 1893 neu bearbeitet von Misteli alsBand 2 des „Abrisses der Sprachwissenschaft". In den Jahren 1890 und 1891, denen wir die hervorragenden, zum größten Teil in dieser Zeitung zuerst von Steinthal veröffentlichten Aufsätze über Juden und Judentum verdanken, erschienen in zweiter Auflage auch feine beiden Bände über „Geschichte der Sprachwissenschaft bei den Griechen und Römern", während bereits 1881 das als erster Teil des „Abrißes der Sprachwissenschaft" neu bearbeitete Werk „Die Sprache im Allgemeinen" in zweiter Auflage herauskam- Als Linguist hat Steinthal in einem besonderen Werke die Mande-Negersprachen phonetisch und psychologisch analhfiert. Welches Aufsehen seine 1885 erschienene, von der Linguistik im herkömmlichen Sinne scheinbar weitab liegende „Allgemeine Ethik" erregte, ist bekannt und endlich liegen außer seinen erst zum Teil 'gesammelten kleineren sprachwissenschaftlichen Abhandlungennoch drei Bände in den Jahren 1880, 1890 und 1895 gesammelte Aussätze: „Zu Bibel und Religionsphilosophie" vor. Wie der vorliegende große Oktavband „Ueber Juden und Judentum" in der äußeren Ausstattung, die besonders anerkannt zu werden verdient, ein wenig an die Schriften des verflossenen, von Ludwig Philippson begründeten „Instituts zur Förderung jüdischer Literatur" erinnert, so ist dieses Werk Steinthals in manchen Punkten auch geistig die Fortsetzung von Philippsons trefflichem Buch „Weltbewegende Fragen", das den Schriften des Instituts einst zur Zier gereichte. Beiden Büchern gemeinsam ist auch die Polemik gegen den Religionsumstürzler Bruno Bauer, den Steinthal mit noch schärferer, häufig auf Zitate aus dem Pentateuch gestützter Polemik als Philippson trefflich deshalb u. a. abtut, weil er die Juden als Händlervolk verhöhnt hatte, und sich wissen* schaftliche Blößen gab. Gegen die hohle Dialektik dieser alles in ihrer subjektiven Manier sich konstruierenden damaligen reaktionären Jungdeutschen sagt Steinthal sehr wirksam und lebendig: „So ist auch der Zar Nikolaus, wo sich der Verfaffer gegen die Westmächte wendet, ein großer Schöpfer. Bewirkt er doch, daß Hund und Katze, Frankreich und England, sich verbünden. Ist aber Nikolaus unterlegen, so war er bloß ein Klapperer, der viel lärmt und nichts schafft. . . Das bleibt alles, so oder so, dialektisches Gerede ohne analytische Erkenntnis." Der Aufblick zu einem Manne wie Steinthal war, kann und soll uns in trüben Stunden zur Geduld mahnen und unsere Hoffnung darauf stärken, daß einst trotz allem der Ewige sein Volk richten wird. — Bei aller Feinheit ihrer völkerpsychologischen Analyse hatten sich Lazarus und Steinthal doch den gesunden realpolitischen Sinn bewahrt. Und so ist natürlich auch der bereits erwähnte, in der ersten Erregung über die Lügen eines Jgnatieff in der „Gegenwart" ausgestoßene schmerzliche Mahnruf Steinthals zum Exodus aus Rußland nur cum grano salis zu verstehen. Viel Uebles mögen geistig hochstrebende Jünglinge, denen damals noch Rußland selbst die akademische Ausbildung beschränkte, einem Mann wie Steinthal, der selbst genügend orientiert war, noch dazu geklagt und berichtet haben von russischer Beamtenwillkür und Gesetzlosigkeit, viel Uebles und Wahres. Und angesichts der entsetzlichen Pogrome, welche die Bestialität des Pöbels, deffen Psyche Steinthal übrigens überall als dieselbe erkennt, dort im Osten (so ja auch jüngst wieder) ganz besonders hervortreten ließen, zitterte mit Recht sein zartes Gemüt um daS fernere Los der dortigen Glaubensbrüder, da er sich ja ein Leben ohne Gesetz und Recht gar nicht vorstellen konnte. Gewiß ist es traurig, aber wir hoffen, es werde auch bald besser.und vielleicht nach dieser Krifis sogar sehr gut werden. Auch die Reaktion in Halbaffen wird nicht ewig leben. Dieser Tage kam mir ein erst kürzlich erschienenes „Fontane-Brevier" in die Hand, d. h. ein Büchlein, in dem sich zwei Herausgeber die übrigens anerkennenswerte Mühe gegeben haben, aus "den zahlreichen Schriften Theodor Fontanes sogenannte „Lichtstrahlen", einzelne Abschnitte, zusammenzustellen. Daß die wenigstens dem Namen nach jüdischen Herausgeber auch zwei kleine antisemitische Hiebe (aus Privatbriefen) des sonst durchaus nicht antisemitischen Th. Fontane ausgenommen haben, soll uns hier nicht weiter kümmern. Wieviel Licht und Lichtstrahlen aber müßte eine solche Sammlung Lichtstrahlen auS Steinthals Werken, eine Steinthal- Anthologie enthalten! In dem hochbedeutsamen Aufsatz: „Der Juden tägliches Gebet" gibt Steinthal den wohlbekannten Weihnachtsgrüß „Ehre sei Gott in der Höhe . . . und den Menschen ein Wohlgefallen" in seiner mutmaßlich ursprünglichen Fornz wieder. Kebod le-adonaj bi-meromim weschalom bearez usw. Ebenso klug für die vielen mit unserem eigensten Schrifttum nicht vertrauten, schon halben „Judenchristen" unserer Tage berechnet, um sie zur Erkenntnis der Wahrheit znrückzuführen ist es, wenn Steinthal in einem öffentlichen Vortrag sagte: „Wenn ich Ihnen das „Vater-Unser" hebräisch oder chaldäisch, so wie es mutmaßlich ursprünglich lautete, vortragen werde, so werden Sie durch viele An- und Gleichklänge augenblicklich an unsere Gebete erinnert werden: Abinu schebaschamajim, jitkadesch schmoh rabba, wejamlich malchutah, osseh schalom mi-maol hu jasseh schalom mi-tachath" . . . usw. Interessant ist aus dem Aufsatz „Ueber die jüdischen Melodien" das Geständnis Steinthals, daß er anfangs gegen die Orgel in der Synagoge war. Steinthal legt auch hier dies Geständnis ab, daß ihn die ernsten jüdischen Melodien „durch das ganze Leben und in allen Stimmungen begleiteten. „Auch ein jüdisches Wiegenlied „Hamawdil" habe ich meinem Kinde, zumal wenn es krank daniederlag, vorgesungen und es damit eingeschläfert. In trüber Einsamkeit sang ich solche Lieder für mich und erhob mich zu ruhiger Heiterkeit. Ich verdanke denselben nicht wenig zur Befestigung meines Charakters." Der Hexausgeber dieser nachgelaffenen Schriften Steinthals hat in seiner Vorrede treffend hervorgehoben, ein wie komplizierter Charakter diese scheinbar harmloseste" Gelehrtennatur war: „Es gehört eine große psychologische Kunst dazu, um die rechte Formel für den Charakter „dieses leidenschaftlich suchenden, unermüdlich arbeitenden, rücksichtslos kämpfenden Nachkommen einer rein idealistischen Zeit" zu finden. Ich meine aber doch, daß man den Nerv der Persönlichkeit in seiner Eigenart als Deutscher und als Jude suchen muß. . . Die ruhige Sicherheit, mit der er durch das Leben ging, die ftöhliche Lebenskraft, die er trotz herber Schicksalsschläge sich bewahrt, die edle Unabhängigkeit, die er sich in geistigen Kämpfen errungen, sein Mut, sein Scharfsinn und hauptsächlich sein liebevolles Gemüt, fie verbinden sich doch am Ende zu einer reinen, vollen Harmonie. In seinem Herzen war kein Arg, und es war ein ftommes und fröhliches Herz. Auch in seiner religiösen Entwicklung hat er verschiedene Kampfesstadien durchgemacht, die in diesem Sammelwerk unverkennbar hervortreten. Und spricht aus seiner ersten Periode der freie Denker zur Menschheit, so mahnt in seiner zweiten Periode der fromme Prophet seine Gemeinde und verkündet ihr die Weisheit Gottes, die ihn selbst fast mit dem Nimbus nahender Verklärung überglänzt. Das Triebwerk des Geistes aber stockte nicht bis zum letzten Atemzuge seiner Seele, und mitten in der Sorge um sein Volk und um