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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1906-04-13 · Heft 15 (13.4.1906) · p. Seite 173

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
70 (1906)
Issue
Heft 15 (13.4.1906)
Date
1906-04-13
Page
Seite 173 (sequence 5)
Language
German
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-178 ■£ie haben denn auch im Laufe der Zeiten die deutsche Sprache wie ein Palladium verehrt, und sie blieb ihnen allezeit eine l, ilige Erinnerung, die sie nimmer missen mochten. Es war d es hauptsächlich die oberdeutsche, der schwäbischen ähnliche C"rache. Dieselbe hat wohl tm Laufe der Jahrhunderte eine u-sentliche Umwandlung erfahren, indem sich teils hebräische, h ls polnische Ausdrücke einschlichen, doch finden sich in ihr »-ch viele altdeutsche Formen und Redewendungen vor, die n t in unserer heutigen hochdeutschen Sprache vergebens suchen A ohl bedienten sich die Juden im Verkehr mit den Polen der p anischen Landessprache, wie dies wohl auch die Deutschen g an haben mögen, im trauten Familienkreise aber, wo man si 1 allen Zwanges entledigen konnte, wie anch im Lehr- und ikthause, behielten sie das Deutsche bei. Wer wollte nach all d sem den Juden das Verdienst absprechen, daß sie inmitten d s Slaventums, trotz allen Druckes und unaufhörlicher Vers gnngen, das Deutschtum hochgehalten und sich bewahrt haben (.■I Verdienst, dessen sich die Deutschen Polens nicht immer > hmen konnten, da diese vielfach mit den polnischen Sitten , >d Gebräuchen auch die polnische Sprache annahmen, die l; unatlichen Mutterlaute vernachlässigten und bald ihr Deutsch-!Mit überhaupt aufgaben.l) So erzählt uns Wuttke in seinem „Städtebuch desLandes t sien", Seite 222, daß seit der^Mitte des 16. Jahrhunderts b utsche Edelleute sowohl, als auch Bürger, polnische Namen, L tte und Sprache vorzogen, und daß 1634 in der Stadt 1. sen nur noch 31 deutsche Namen vorzufinden waren. Ein R eiches weiß uns"sder Herr'Verfasser zu berichten. Und die >den?' Sie stemmten, sich mit Macht gegen das Polentum; i! gends und zu keiner Zeit, treffen wir" eine Assimilierung an. T s polnische Wesen war dem ihrigen völlig fremd, sie fanden iii ihrem Denken und Fühlen bei der polnischen Nation keinerlei V rührungspunkte. sDaher waren sie gtzfeit gegen jedwede E einfluffung. Sie hegten und pflegten vielmehr die wenigen t rlichen Schätze, die sie und ihre Vorfahren aus den deutschen nrden mit nach Polen gebracht, und hielten zäh daran fest, n d nichts war7imstande. sie zu einer Entäußerung derselben; verleiten. Nicht nur in ihrem häuslichen Kreise herrschte d.s deutsche Idiom vor, sondern auch in ihrer Literatur > ffen wir, wo sie nicht etwa das reine Hebräisch aufweist, die d ätsche Sprache an. Die Protokollbücher der Synoden, wie o -ch der sverschiedenen Gemeindebehörden, waren zumeist in b utscher Sprache abgefaßt, und wollte man einem Synodal- - chluß oder einer Gemeindeverordnung eine größtmögliche T rbreitung geben, so bediente man sich der deutschen T >rache. Ja, während die ursprünglich deutschen Namen v schiedener Städte allgemein in Vergessenheit geraten >• ren, weil! man sie längst polonisiert hatte, haben i? i diese Namen bei den Juden in ihrer ehemaligen Bezeichng erhalten, und namentlich das jüdische Schrifttum kennt! > r die ursprünglich deutschen Namen. Die Stadt Jnowrazlaw nnt es zumeist nur „Lesla", es kennt nur „Lissa", niemals 'szea" usw. Die Juden Polens verschmähten es auch, ihre "neu zu polonisieren. Da, wo sie einen Stammbezw. nniliennamen führten, waren diese meist deutsch. Schon p rde fdes 14. Jahrhunderts fanden sich bei ihnen deutsche - amen vor, wie: Marke!, Manlin u. n. a. Wenn es noch eines Beweises bedarf dafür, daß die Juden 1 'lens zäh an ihrem Deutschtum festhielten, so möge hier ' "ch folgende Tatsache erwähnt werden: ') Siehe auch: Heppner - Herzberg, Aus Vergangenheit und ''"'genwart der Juden und der jüdischen Gemeinden in den Posener ^"»den. Koschmin 1804. S. 21. Ein hervorragender Talmüdgelehrter, Moses Jsserles, hatte im Jahre 1551 eine Unterrichtsordnung für die Elementarschulen festgelegt, die im Jahre 1638 ergänzt wurde. Diese Unterrichtsordnung enthält nun folgende Bestimmung: Die Uebersetzung der Bibel muß in deutscher Sprache gelehrt werden, „denn das ist," so heißt es ausdrücklich, „unsere Sprache, in der wir reden."') Haben nun nicht die Juden Polens nach all diesen: ein historisch begründetes Recht, zu beanspruchen, als ein wesentlicher Faktor bei der Erhaltung des Deutschtums bezeichnet und gewürdigt zu werden? Und welche erhebliche Förderung hätte dieses nicht durch sie erfahren können, hätte man sich der Unduldsamkeit entschlagen und ihnen zu gemeinsamer Arbeit die Hand gereicht! Aber man schnitt ihnen im blinden Fanatismus alle Wege ab, drängte sie hinter Ghettomauern und bannte so den Geist, der'sie erfüllte und beseelte und der zur Aeußerung nnd Betätigung drängte. Man raubte ihnen die Möglichkeit, das aus den deutschen Gauen herübergenommene Wesen deutscher Art im Polenlande zur Geltung zu bringen. Ist es da zu verwundern, daß sie ihre eigenen Wege einschlugen und abgesondert gegen polnische Art ankämpften? Alle Schmähungen, alle Verunglimpfungen, nicht Folter und Kerker haben es vermocht, diese alte Liebe zum Deutschtum aus ihrem Herzen zu reißen. Und sie hatten auch schon aus dem Grunde niemals zu Verfechtern des Polentums werden können, weil'ihre unversöhnlichsten Erzfeinde, die Jesuiten, stets Feinde des Deutschtums waren und sie mit diesen nicht gemeinsame Sache machen wollten. Wer weiß, ob das Deutschtum im Polenlande so schwere Niederlagen hätte erfahren, wie es zuzeiten wirklich geschehen, hätten nicht gerade die Deutschen sich so schroff und feindlich den Juden gegenübergestellt, die vermöge ihrer unleugbaren Intelligenz dazu berufen waren, einen Ausgleich und in der Folge eine allmähliche Assimilierung herbeizusühren. Anders wurde es, als die Ghettomauern vor dem freien Geiste, der die europäischen Lande durchwehte, niedersanken. Da war auch den Juden die Möglichkeit geboten, nach außen hin ihre heiße Liebe zum Deutschtum zu betätigen. Und die Geschichte belehrt uns auf zahllosen Blättern, daß sie bei jeder sich darbietenden Gelegenheit gezeigt haben, wie sehr sie sich als Deutsche fühlten. Vergessen waren die Schmähungen, vergessen war die Zurücksetzung; kein Grollen, kein Zurückstehen ließen sie erkennen. Nein, in edler Begeisterung schlugen ihre Herzen, als die deutschen Lande bedroht waren, ihres Deutschtums entkleidet zu werden. An der Abschüttlung der Fremdherrschaft haben sie wacker mitgearbeitet. Und als das Polentum wiederum sein Haupt erhob, als die leitenden Kreise in einer Anwandlung von Schwäche ihm die Obergewalt zusprechen wollten, da waren es in erster Reihe Juden, die dagegen Einspruch erhoben und erklärten, nur Deutsche sein und bleiben zu wollen. Freilich fand ihr mannhaftes Eintreten für die deutschen Interessen gar selten die gebührende Anerkennung. Man reichte ihnen wohl die Hand zum gemeinsamen Kampf gegen den Feind, doch war der Sieg errungen, so wurden die Beziehungen abgebrochen. Man ließ in schweren Tagen die Juden mitleiden, wälzte auch auf ihre Schultern die Lasten des Tages. An den Erfolgen der Kämpfe ließ man sie nicht teilnehmen. Man wollte sie eben trotz der verbrieften Zusicherungen nicht als gleichberechtigt anerkennen. Die Juden Posens aber fordern volle Anerkennung ihrer Rechte. Sie wollen nicht als gelegentliche Werkzeuge gelten, x) Heppner-Herzberg a. o. O. S. 96. WML

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