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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1906-04-13 · Heft 15 (13.4.1906) · p. Seite 172

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
70 (1906)
Issue
Heft 15 (13.4.1906)
Date
1906-04-13
Page
Seite 172 (sequence 4)
Language
German
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Die große Geschäftigkeit/die die russische Regierung zur Unterdrückung von Judenhetzen in letzter Zeit entwickelte, ist wahrhaft rührend. Man höre nur die offiziösen Meldungen der „Petersburger Telegraphenagentur". Auf die von Witte veranlaßten Weisungen Durnowos an die russischen Lokälbehörden. allen etwaigen Judenhetzen am Osterfeste energisch vorzubeugen, haben diese Behörden sich beeilt, die Versicherung abzugeben, daß solche Exzesse nicht zu erwarten seien. Die Petersburger Telegraphenagentur meldete in der vorigen Woche sehr geschäftig: Im Ministerium des Innern treffen täglich telegraphische Berichte von Gouverneuren und Präfekten ein. welche besagen, daß keinerlei Vorbereitungen zu Niedermetzelungen von Juden im Innern Rußlands getroffen würden. General Kaulbars erklärt die Meldung englischer Blätter, die ihn beschuldigen, gesagt zu haben, daß Niedermetzelungen in Odessa zurzeit der Einberufung der Duma möglich seien, für unbegründet. Am folgenden Tage hieß es: Petersburg, 2. April. Infolge der aus verschiedenen Teilen des Reiches eingehenden Nachrichten, daß demnächst gegen die Juden gerichtete Kundgebungen zum Ausbruch gelangen würden, hat der Minister des Innern auf Befehl des Ministerpräsidenten Grafen Witte ein Rundschreiben an die Gouverneure der Provinzen mit jüdischer Bevölkerung verschickt, wenn irgendwo Unruhen ausbrechen, so würden die lokalen Behörden dafür verantwortlich gemacht und der Gerichtsbarkeit überliefert werden. Am dritten Tage telegraphierte man schon etwas vorsichtiger : Das Ministerium des Innern empfängt fortwährende amtliche Berichte der Gouverneure und Präfekten, betreffend die Anzeichen, die von ihnen über die Möglichkeit von gegen die Juden gerichteten Unruhen gemacht worden sind. Die in den letzten Tagen eingetroffenen Telegramme lauten in überwiegender Mehrzahl beruhigend, nur die Berichte aus Odessa und Bjelostock melden, daß dort eine Bewegung zugunsten von Unruhen im Gange ist. In Odessa wird die Agitation hierfür ziemlich offen betrieben, doch ist sie ihrem Umfange nach unbedeutend. In Bjelostock wird dieser Bewegung durch eine gegen die Unruhen gerichtete Bewegung der polnischen Arbeiter das Gleich, gewicht gehalten. Aus Minsk wird gemeldet, daß ein im Bezirk Retschisk an fünf Juden begangener Mord lediglich zum Zwecke der Beraubung verübt worden sei. Allzugroßes Vertrauen wird man in diese beschwichtigenden Versicherungen nicht zu setzen haben, denn eine andere Petersburger Meldung besagte bereits, daß auf beunruhigende Mitteilungen aus Rykowo, Klinzy, Hömel und Orcha ein dringender Befehl von Petersburg abgegangen ist. das Militär und die Polizei zu verstärken. Ferner veröffentlicht das in Moskau unter der Redaktion des bekannten russischen Novellisten Nikolai Krascheninnikow erscheinende Journal „Nowoje Slowo" geradezu haarsträubende Daten und Belege über die unter behördlicher Assistenz getroffenen Vorbereitungen zu neuen Judenmaffakers. Danach war es ein hoher Funktionär im russischen Ministerium des Innern, Staatsrat Lawrow, welcher die sehr umfangreichen Vorbereitungen zu den Judenmaflakers leitete. Er hat mit Genehmigung der russischen Zensur in der Druckerei der Stadthauptmannschaft Proklamationen hergestellt, in welchem die „wahren Russen" zur Ausrottung der Juden aufgefordert wurden. Ebensolche Aufrufe an die Soldaten 'wurden in der Druckerei des Stabes des Odessaer Militärbezirkes gedruckt und in Tausenden von Exemplaren unter den Soldaten verteilt. Diese Tatsachen im Verein mit der Freisprechung der Veranstalter der Judenmaffakers von Odessa und Minsk, des Generals Neidhardt und des Gouverneurs Kurlow, hatten sehr begreiflicherweise unter dep jüdischen Bevölkerung eine große Panik hervorgerufen und die russischen Schriftsteller veranlaßt, einen oberwähnten Aufruf an /,■ russische Gesellschaft zu veröffentlichen, der wohl mehr gewi ß hat als die Warnungen der anleihehungrigen russisch „ Regierung. jtbcGHk Bit luden und das Deutschtum m drr Kruvm? Kolm. Von I. Herzberg-Bromberg. or Jahresfrist erschien im Verlage der Mittlerschen Bm Handlung (A. Fromm) in Bromberg ein für die Gschichte der Posener Lande hochbedeutsames Werk unter de» Titel : „Geschichte des Deutschtums im Lande Posen untt polnischer Herrschaft". Der Verfaffer, Herr Oberlehrer 2/ Erich Schmidt in Bromberg, ein hervorragender Forscher md Kenner auf dem Gebiete der Posener Landesgeschichte, erklü t in seinem Vorworte, daß seinem Buche neben einem wiffe:- schaftlichen auch ein nationaler Zweck zugrunde liege m d betont, „es wende sich an alle Deutsche in unserer Provir; und darüber hinaus, es solle ihnen zum Bewußtsein bringe!, daß sie in den Ländern zwischen Weichsel und Oder auf «Ih n deutschen Boden ihren Fuß setzen, daß alles, was in unserer Ostmark an kulturellen Werten besteht, von deutschem Geiser geschaffen worden ist. Es solle den deutschen Leser mit freudigem Stolze auf sein eigenes Volkstum erfüllen und jenen mutlosen Fatalismus entgegenarbeiten, welcher auf d c Wahrung dieser durch deutsche Kraft und Einsicht gewonnenen Machtstellung im Osten verzichten zu müssen glaubt." Und nun weist der Verfaffer in überzeugender Weise nach, daß di - jenigen Gebiete, welche das polnische Volk als seine „Urheima zu bezeichnen pflegte, zuerst von Germanen bewohnt wäre i, und daß der slavifche Stamm der Polen sich dieser Gebie c bemächtigte, als sie von den germanischen Urbewohnern geräumt worden waren. Im weiteren Verlaufe seiner Darstellung zeigt uns der Verfaffer, daß das Deutschtum au i> unter der Vorherrschaft des Polentums niemals unterdrüt werden konnte, daß es vielmehr stets eine Förderung und Pflege durch die verschiedensten Faktoren gefunden habe. Me» sollte nun erwarten, daß bei der Feststellung und Charaktensierung aller in Betracht kommenden Faktoren nicht in letzt r Reihe der Juden gedacht werde. Der Herr Verfaffer gedenkt ihrer jedoch mit keinem Worte, was namentlich dem Kenn» der Geschichte des Posener Landes auffallen muß. Als ob /e Juden Polens in keinerlei Hinsicht der Entwicklung der Kult: - Verhältnisse näher gestanden und sich deutschem Wesen gegeiüber feindlich Verhalten hätten. Und doch ist erwiesen, d f: gerade die jüdischen Bewohner des Polenlandes zuzeite i, wo in dem erbitterten Kampfe des Polentums gegen dis Deutschtum dieses völlig unterdrückt zu werden droh e, allein deutsches Wesen hochgehalten haben und iu' einzigen Träger desselben geblieben waren. Wohl steht * nicht fest, wann die Juden sich zuerst in Polen niedergelasi» haben, aber es kann nicht bestritten werden/daß sie schon » frühen Mittelalter hier weilten und die Kulturentwicklung ru l) den verschiedensten Richtungen beeinflußten. Der größte T der im Laufe der Jahrhunderte in Polen eingewandert n Juden entstammte deutschen Landen, und es war ihnen vc - möge ihrer hervorragenden Intelligenz möglich, ihre ans anderen Ländern zugezogenen Stammesbrüder.zu beeinflussen Sie verstanden es namentlich, die deutsche Sprache 'in .ihrer damaligen Beschaffenheit bei ihnen heimisch werden zu lassen und die heimatlichen Mutterlaute nach Polen zu verpflanzen.

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