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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1906-04-13 · Heft 15 (13.4.1906) · p. Seite 171

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
70 (1906)
Issue
Heft 15 (13.4.1906)
Date
1906-04-13
Page
Seite 171 (sequence 3)
Language
German
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171 Die Konferenz von Algeciras wird noch immer viel besprochen. Die „Kölnische Zeitung" weist darauf hin, daß die dort auf Antrag des amerikanischen Vertreters White angenommene Resolution zugunsten der marokkanischen Juden auf eine Anregung des „Hilfsvereins der deutschen Juden" jinückzuführen ist, der sich bei verschiedenen Regierungen zugunsten unserer Glaubensgenossen verwandt und auch bei der deutschen Reichsregierung wohlwollendes Entgegenkommen gesu iden hatte. Infolgedessen regte der Hilfsverein die jüdischen Organist, tonen außerhalb Deutschlands zu den gleichen Vorstellungen in j ihren eigenen Regierungen an. Das ist mit Erfolg in Österreich-Ungarn, England, Spanien, den Vereinigten Staaten u d Italien geschehen. Einige Schwierigkeiten bot die Frage, i n welcher Seite auf der Konferenz die Initiative ausgehen irile, da bei dem Widerstreit der Politischen Interessen die 1 rtreter der zunächst beteiligten Mächte Bedenken hegten, d 'ses rein humanitäre Unternehmen zu diskreditieren oder v: gefährden. Es war deshalb ein glücklicher Ausweg, daß d r amerikanische Delegierte dafür ausersehen wurde. Dem ccsucheu des „Hilfsvereins" mit bewährter Energie entsprechend, in Herr Jakob H. Schiff-Newyork beim Präsidenten Roosevelt k ihin vorstellig geworden, und letzterer hat in liebenswürdigstem E ntgegenkommen dem Mr. White diesbezügliche Instruktionen gehen lassen. Der deutsche Geschäftsträger, Herr von Radowitz, stimmte der Resolution Whites zu und dann äußerte auch Marchese Visi nti - Venosta seine Zustimmung, während man früher geo,nuibt hatte, daß dieser es sein würde, der in der Angelegenheit die Initiative ergreifen würde. Das Eintreten des st mischen Vertreters war übrigens keineswegs ein bloßer Akt der Courtoisie für die moghrebischen Sefardim, sondern vieln >hr von politischen Erwägungen eingegeben. Man rechnet! Spanien auf diese treuen Söhne ihres Heimatlandes, die ' genannten Spaniolen, namentlich bei der Hebung des Ausfuhrhandels. Bei einer Beratung des spanischen Senats über; e Frage einer staatlichen Unterstützung des in Bilbao zu erachtenden Handelsmuseums, das der Förderung des Ausfuhrmdels nach dem lateinischen Amerika dienen soll, sprach der kannte Senator Pulido den Wunsch aus, diesem Handelsuseum auch einen ähnlichen Wirkungskreis bezüglich Marokkos ad des Orientes zu übertragen. Er wies dabei darauf hin, aß die im Orient in großer Zahl lebenden Juden spanischer Muttersprache von nicht zu unterschätzender Bedeutung für ' re einstige Heimat, insbesondere für den spanischen Außenmdel werden können, indem es beispielsweise bereits gelungen i, in Salonichi, wo ungefähr 80 000 Spaniolen leben, eine ' it den Ausfuhrhäusern in Barcelona in lebhafter Verbindung atzende spanische Handelskammer zu errichten. Hierzu teilt uns die deutsche Geschäftsleitung der Alliance "iclite Universelle Nachstehendes mit: „In Marrakesch, Azemur, Biagazan, Casablanca und Mogador urscht Hungersnot und Teuerung, zum Teil infolge der seit drei ehren andauernden Trockenheit. - In Marrakesch sterben täglich ahlreichtz Personen an Entkräftung aus Mangel an ausreichender rnährung. Die Alliance Israelite Universelle hat den genannten Gemeinden alsbald eine erste Rate von 7000 Franken zur Beschaffung on Nahrungsmitteln geschickt. Außerdem ist von ihr die Anordnung 'troffen worden, daß allen Kindern in den Gemeinden Marrakesch, Mogador, Casablanca — nicht bloß den Zöglingen derÄlliance- 'chulen — in den Schulen warmes Mittagessen verabreicht wird. Die Alliance Isiaelite Universelle, deren Berliner Bureau sich Oranien- ''»rgerstraße 42/48 befindet, ist gern bereit. Gaben entgegenzu- "chmen. * Auch Dänemark hat nun eine „Judenfrage". Wie die Zeitungen melden, wurde dieser Tage in der jütländischen Hauptstadt AarhuS ein russischer Jude Kastan, der vor zwei Jahren desertiert war, von der dortigen Polizei aufgegriffen und der Kopenhagener Polizei zwecks freundlicher Weiterbeförderung nach Mitau eingehändigt, um daselbst der strafenden „Gerechtigkeit" ausgeliefert zu werden. Nun ist zu diesem beschämenden Fall zu bemerken, daß Kastan durchaus nicht, weil er Deserteur ist, verhaftet wurde, sondern als „Mittelloser". In Kopenhagen hat er als ehrlicher Mensch gearbeitet, zeitweilig auch von der jüdischen Gemeinde unterstützt, und nach Aarhus ist er gereist, um daselbst lohnende Arbeit zu suchen. Als er verhaftet wurde, hatte er nur wenig bares Geld in den Taschen, indes wäre die jüdische Gemeinde bereit gewesen, sich auch fernerhin seiner anzunehmen. Die Aarhuser Polizei fand es jedoch ganz unnötig, die Verhältnisse des armen Juden näher zu untersuchen und ließ ihn, mit der Etikette „Mittellos" versehen, nach seinem Heimatsort in Rußland abschicken, obgleich es ihr nicht unbekannt sein konnte, .daß ihm dies eine langjährige Strafarbeit einbringen würde. Georg Brandes bespricht in der „Politiken" diesen empörenden Fall und erklärt, „das dänische Volk müsse tief gesunken sein, wenn es ruhig hinnehmen sollte, daß dänische Polizeiobrigkeiten sich als schamlose Henkersknechte der brutalsten aller europäischen Regierungen benutzen lassen." Soviel man weiß, wurde der Bedauernswerte in Wiborg ins Gefängnis geworfen, soll aber von dort entflohen sein. Das Verhalten der dänischen Polizei wird von der Oeffentlichkeit andauernd stark gemißbilligt. In Aarhus fand eine von 5000—6000 Menschen besuchte Demonstrationsversammlung statt, dieeinen geharnischten Protest gegen dieses Vorgehen aussprach. * lieber die Fremdenbill wird wieder einmal in England stark diskutiert. Am 4. d. M. tagte im Ostend Londons eine Massenversammlung, um gegen die Abänderung des Einwanderungsgesetzes Einsprache zu erheben. Während des Monats März langten 5971 Fremdlinge aus Deutschland und Rußland in Grimsby an. Davon verblieben nur 388 Personen in England, zwei wurden beanstandet, aber freigelasien. Laut „Daily Expreß" sollen die aus Berlin ausgewiesenen Flüchtlinge nach England kommen. Das ist aber durchaus unwahr und nur zu dem Zweck erfunden, um Stimmung gegen die Regierung zu machen, die die Fremdenbill abändern lüöchte. Dagegen ist nun augenblicklich eine große Agitation ins Werk gesetzt worden. Ob diese Erfolg haben wird, bleibt abzuwarteu. Im englischen Oberhause fand am 3. d. M. eine interessante Diskussion über die Lage der russischen Juden statt. Lord Northbourne interpellierte die Regierung darüber, weil man höre, daß man in Rußland eine neue Bartholomäusnacht für die Juden vorbereite. Der Unterstaatssekretär im Ministerium des Auswärtigen, Lord Fitzmaurice, sprach seine volle Sympathie mit der Lage der russischen Juden aus, stellte sich aber im übrigen auf den Standpunkt, den Gladstone 1882 eingenommen und der die Intervention einer fremden Macht als unmöglich erscheinen laffe. In wahrhaft erhebender Weise sprach hierauf der Erzbischof von Canterburh die Gefühle des gesamten englischen Volkes angefichts dieser Vorgänge in Rußland aus und in gleichem Sinne äußerte sich zum Schluffe der Marquis von Lansdowne, der die mangelhaften Konsularberichte aus Rußland über diese Angelegenheit zu entschuldigen suchte. *

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