Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 70 (1906)
- Issue
- Heft 15 (13.4.1906)
- Date
- 1906-04-13
- Page
- Seite 170 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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170 zwischen den Geschwistern langsam gelöst wird? Wenn jeder Gottesglaube in der Menschheit aussterben sollte, so würde das Band unter den Menschen schnell gelöst sein/ denn jeder würde nur seinem Eigennutz folgen. Das aber ist das Große in dem Glauben an einen einzigen Weltenvater, wie er in Israel besteht, daß er, in seiner Reinheit erfaßt, nichts ausschließt. Das ist die zweite Lehre des Pafsahfestes. Es ist ein Fest der Nächstenliebe, und gerade diesmal dürfen wir es mit aufrichtiger Genugtuung feiern, wenn wir an die herrliche Rede denken, die der deutsche Kaiser den Bergleuten gehalten, welche von ihren Rettungsarbeiten in fremdem Lande heimgekehrt. „Ihr habt bewiesen, daß es über die Grenzpfähle hinaus etwas gibt, daß die Völker verbindet, welcherlei Rasse sie auch sein mögen: das ist die Nächstenliebe!" Ist das nicht die schönste Bestätigung des Gedankens, den unser Passahsest seit Jahrtausenden verkündet hat? Und darum „sag^ es deinem Sohne". Aber noch einen dritten großen Gedanken lehrt unser Fest, und auch hier können wir die pädagogische Weisheit unserer Alten bewundern, die zum Prophetenabfchnitt des Festsabbats das 36. Kapitel aus dem Propheten Ezechiel gewählt hat, das von der Auferstehung der dürren Gebeine in einem fernen Tal in so wunderbar poetischer Weise spricht. Das Passah ist ein Naturfest, ein Geschichtsfest und ein Fest der Auferstehung. In tiefem Schweigen liegt die Natur in ihr Leichenkleid gehüllt während des Winters; kein Laut in den erstorbenen Lüsten. Werden diese Gebeine wieder aüfleben? Mit einmal entsteht ein Sturm, der Sturm des Frühlings. Von allen Seiten bläst der Wind. Dann wieder heilige Stille. Der Hauch Gottes weht das Tote an und es lebt aufm unzähligen Gebilden. „Ein sehr großes Heer." Und neu belebt begrüßt jede Kreatur am Frühlingsfeste die Macht des Herrn. So lag auch Israel in Aegypten erstorben, ein gesargt gleich einer Mumie, der Freiheit beraubt, des Lichts, der Erkenntnis bar. Da kam ein Sturm über Aegypten und der Hauch des Propheten, der das Starre löste; aus der Grabesnacht der Knechtschaft stieg Israel zum Licht der Freiheit empor und erkannte die Macht des Herrn. Und so verstehen auch wir die Auferstehung als die Erneuerung und Verjüngung des Menschengeschlechts. Um die getrennten Glieder zum Gefühl ihrer Zusammengehörigkeit und Einheit zu bringen, sendet die Vorsehung auch in unserer Zeit Sturm auf Sturm, daß Gebein zu Gebein trete. Einen solchen Sturm hörten unsere Väter vor einem halben Jahrhundert. Es war die Auferstehungszeit der Völker. Seitdem hat die Annäherung der Menschen trotz allem Entgegenstreben feindlicher Mächte mit Riesenschritten zugenommen; die Menschen und ihre Gedanken fliegen von Volk zu Volk. „Sehnen und Fleisch wölben sich über die getrennten Gebeine," daß das Menschendasein in Schönheit und Harmonie, in Recht und Wahrheit sich gestalte; und von allen Seiten flutet unwiderstehlich der Geist herein und dringt frühlingsmächtig in alles Tote und Starre, was aus den Gefilden der Menschheit vertrocknet umherliegt, und gibt uns die Gewißheit, daß die Menschen in nicht zu ferner Zukunft auferstehen und von sich werfen werden die Bande der Knechtschaft und der Geistesnacht und einig sich fühlen werden als eine große und starke Völkerfamilie in Humanität und Freiheit, geschart um den einen großen und allwaltenden Menschenvater. „An jenem Tage wird der Ewige einzig sein und sein Name einzig." Und dies vor allem sollst du deinem Sohne am Paffahfeste sagen! Dir Woche. Berlin, lü.Mril llgemeine Beachtung...hüben in diesen Tagen die Mitteilungen russischer Blätter über die beabsichtigts ^Ausweisung von 7000 russischen Flüchtlingen nutz Berlin gefunden, von denen etwa 6500 Juden sein sollen. Es handelt sich natürlich in diesem Falle um wenig bemittelte,, beschäftigungslose Ausländer. ... Da sie dem städtischen Armenwesen zur Last fallen könnten, vielfach auch schon durch ihr Verhalten den Behörden lästig geworden sind, so ist es nötig, dafür zu sorgen, daß die Leute das deutsche Gebiet bald wieder verlassen. Der Polizeipräsident v.Borrieshat den „Hilfsverein der deutschen Juden um ferne Mitwirkung ersucht, damit die Lästigen zur willigen Abreise veranlaßt würden. Außerdem müßte man, wie die Behörde mitteilt, wöchentlich etwa 50—60 Russen ausweisen, weil sie sich gesetzwidrig verhielten oder völlig mittellos hierher kamen. Sollten die übrigen lästigen Ausländer trotz gütlicher Aufforderung sich nicht freiwillig entfernen, so würde man zu ihrer Ausweisung schreiten müffen. Nächster Tage werden über die weiteren Maßregeln Beratungen unter Hinzuziehung des Vorstands des Hilfsvereins stattfinden. Die große Anzahl der hier Weilenden macht es aber dem Hilfsverein unmöglich, eine Ueberführung mit einmal vorzunehmen, wogegen er sich der Hoffnung hingibt, die Auswanderung der russischen Juden allmählich bewerkstelligen zu können, wenn ihm hierzu eine längere Frist gelassen wird. Da auch bei der Regierung lediglich der Wunsch vorliegt, das Land von unerwünschten Elementen zu befreien, so ist wohl anzunehmen, daß man sich auf gewisse Uebergangsmaßregeln einigen wird, durch die allzugrvße Härten vermieden werden können Die Antisemiten haben also gar keinen Anlaß, so zi triumphieren, wie sie es tun. Eines ihrer Blätter schreib« sogar: „Es hat fast den Anschein, als ob unser politisches Verhalten gegen Rußland eine Wandlung durchgemacht habe. Diese Aus Weisungen sowohl, wie die zweite Auflage des Martinschen Buche über die russischen Finanzen, lassen die Möglichkeit offen, -daß wi damit amtlich über die russischen Doppelzüngigkeiten in Algecira quittieren. Man kann nur wünschen, daß auch der deutsche Geldmark den neuen Petersburger Anleihen völlig verschlossen bleiben möchte. Damit könnte man sich am Ende einverstanden erkläre:. Freilich die Art und Weise, in der Herr Liebermam v. Sonnenberg am 5. d. im Reichstag die Sache behandelte, ha so ziemlich bei allen Parteien Mißbilligung! gefunden. E verlangte nichts mehr und nichts weniger als die Auslieferung der unglücklichen Flüchtlinge! Mit Recht sagte ein andere Abgeordneter hierauf: „Das widerspricht jedem politischen Anstand." Der antisemitische Führer, der wohl nun fühlte, daß er zu weit gegangen, erklärte schließlich unter allgemeiner Heiterkei Er glaube, im Jntereffe der in Deutschland lebenden Juden zu handeln, wenn er die möglichst baldige Zurück beförderung der russischen Juden in ihre Heimat verlang« Die deutschen Juden sind natürlich von dieser liebevollen Für sorge des Herrn Liebermann v. Sonnenberg ebenso überrasch« als entzückt. Sie sind von dieser Seite eben nicht auf solch zarte Fürsorge gefaßt — und werden sich wohl auch schwerlich daran gewöhnen können, an den Ernst derartiger Ver sicherungen zu glauben. ■ *