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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1906-04-13 · Heft 15 (13.4.1906) · page 1

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
70 (1906)
Issue
Heft 15 (13.4.1906)
Date
1906-04-13
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Berlin, 13. April 1906. Ein unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse. : Diese Zeitung erscheint wöchentlich, l Abonnemen ts-Preis: durch Buchhandel oder Post (in Berlin u. Vororten durch unsere verrriebsstellen) b zogen vierteljährl. 3 M. Hcfeaflcttr: Gnftav *ta ipefe*. Begründet von Nabbinev D» Ludwig Philippson. lerusalkwerstr. 46/48. Alle Zusendungen für Redaktion rrnd Expedition sind an die Adresse: Verlag der „Allgem Zeitung des Judentums", Berlin SW., Jerusalemer Strafe H6/49, zu richten. Verlag von Rudolf Mofse, Berlin. „Sag' es Seinem Söhne!" Berlin. 12, April. je tiefe pädagogische Weisheit, die in unserer Bibel euthalten wird uns erst recht klar, wenn wir ihre Worte unter dem Eindruck der Zeitströmungen oder Tagesrscheinungen immer wieder uns vor Augen führen. In den eßten Tagen haben, wir wieder die Hagada gelesen und nanchem von uns mag wohl da der Satz ausgefallen sein: ,n jedem Zeitalter ist der Mensch verpflichtet, sich so zu bedachten, als sei er selbst aus Aegypten gezogen, denn es heißt: Du sollst es sagen Deinem Sohne an jenem Tage also, (wir eiern dieses Fest) um deswillen, was der Herr ün uns getan, Is wir aus Aegypten gezogen." Ja, nicht unsere Väter allein mt er aus Aegypten befreit, sondern auch uns hat er mit ihnen rlöst. Die pädagogische Weisheit dieses Satzes liegt darin, daß vir unsere Jugend durch die Erinnerung an die Taten der lläter zu Mut und Tatkraft anfeüern sollen. Die Erinnerung an den Auszug aus Aegypten soll für sie eine Quelle der Kraft und der Ermunterung sein, wenn sie verzagen und auf dornenvoller Bahn ermüden möchten. Der Gedanke an das, vas die Väter ertragen, soll sie immer wieder zu Geduld und Ausdauer ermutigen. Der Gefangene in Babylon und der Kammerknecht des Deutschen Reiches waren sehr unglückliche Menschen, aber als Herr ihrer und ihrer Arbeit standen sie doch weit über dem ^rohnknecht Aegyptens. Deshalb stellt die Geschichte den furcht- -arsten Druck an den Anfang der Entwicklung, damit der 3lick aus trauriger Gegenwart in noch traurigere Vergangenheit zum Voränschreiten in bessere Zukunft ermuntern sollte, lm Peßachfeste kehrte der Jude im Geiste um Jahrtausende urück, damit durch die Erinnerung an Aegypten der Glaube n den Fortschritt der Zeiten in ihm erneuert werde. Denn er am Sederabend auf seinem stolzen Sitze Thronende, er :var ja ein König gegen seinen Ziegel brennenden Ahn in Aizrajim, und so gab dieses Fest den Israeliten alljährlich :eue Kraft und frischen Mut, indem es ihnen zurief: Denkt "> Aegypten! Und erzählt euren Kindern davon. Ebenso vollen auch wir nicht verzagen, weder am Judentum, wch am Vaterlande, noch an der Menschheit; mögen aich die schmerzlichen Gefühle, welche uns die Gegenwart zu losten gibt, noch so viel Bitterkraut in sich tragen. Nicht auf einige Jahre, nicht auf Jahrzehnte, auf Jahrhunderte müffen wir unfern Blick zurücklenken, um zu betrachten, welche großen .Fortschritte die Menschheit und das Judentum gemacht haben. Daran wollen wir uns stärken und dieser Gedanke soll uns mit Frohgefühl durchdringen. Trotz alledem und alledem, es geht doch vorwärts und keine Macht der Erde vermag das Fortschreiten des Menschengeistes aufzuhalten! Ja, gerade uns muß besonders am Peßachfeste, welches als Erlösungsfest für den Geist noch weit höher steht denn als Befreiungsfest für den Leib, uns besonders muß, wenn wir in der geistigen Entwicklung unserer Glaubensgenosien nur um hundert Jahre zurückgehen, die Erinnerung hoch die Seele schwellen, welch mächtiger Umschwung stattgefunden hat von jener Zeit an, da die verdeutschte Bibel Moses Mendelsohns noch ein Gegenstand der Verfolgung war in Israel, da man sich noch in die innersten Gemächer einsperren mußte, um ein „profanes Brich" zu lesen, bis zu unseren Tagen, wo die Juden so starken Anteil nehmen an der gesamten Kulturentwicklung. In der Erinnerung dessen, was da war, dürfen wir nicht verzweifeln an dem, was da ist, und nicht erschlaffen im Kampfe für das, was da werden soll. Israel ist von der neuen Zeit, namentlich auf religiösem Gebiete, überrascht worden; es wurde, wie damals in Aegypten, aus den alten Zuständen und Gewohnheiten auf einmal herausgedrängt, so daß es nicht die rechte Zeit hatte, sich auf die religiöse Wegzehrung für den neuen Pfad, den es ziehen wollte, gehörig vorzubereiten. Gar viele warfen deshalb ihren Glauben von sich. Auch das junge Israel wuchs zu rasch in die neue Zeit hinein, und daran kranken wir jetzt, wie der Jüngling krankt an zu schnellem Wachstum. Aber es wird wieder gesunden, wie uns seine Geschichte lehrt, daß es aus noch gefährlicheren Zuständen zu frischem Leben sich immer wieder neu verjüngt erhoben hat. Das lehrt uns das Passahfest und dies vor allem sollst du deinem Sohne sagen. Aber noch anderes sollst du ihm künden. „Israel ist mein Sohn, mein Erstgeborener." So verkündet uns das Fest. Diese Berufung müssen wir aber bewähren durch Treue gegen unseren Glauben und durch Liebe zu den Menschen. Darum läßt auch der Prophet Israel in Knechtsgestalt auftreten, damit der einst in Aegypten aus dem Sklavenjoch der Menschen Erlöste freiwillig in den Dienst der Menschen wieder eintrete, um ihre Erlösung aus den Banden der Sünde und aus der Nacht des Aberglaubens zu bewirken. Lange Zeit hat die Menschheit unsere Dienste verschmäht, aber eine beffere Zeit, eine Zeit der Erlösung, dämmert herauf und an die Menschheit ist das Wort der Schrift ergangen: „Entlasse meinen Sohn, daß er mir diene." In der Freiheit bewährt sich Israels Treue gegen Gott und die Menschen. Dies Bündnis ist nicht zu trennen. Sie reden und träumen in unfern Tagen von einer ethischen Kultur, die des Glaubens nicht bedürfe. Verkehrtes Reden, törichtes Beginnen! Ist es nicht gewöhnlich der Fall, daß, wenn der Vater nicht mehr ist, der die Kinder zusammenhält, das Band

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