Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 70 (1906)
- Issue
- Heft 14 (6.4.1906)
- Date
- 1906-04-06
- Page
- Seite 2 (sequence 14)
- Language
- German
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2 gesungene: „Wie schön sind deine Zelte, Jakob!" an'schloß. Mit Orgelbegleitung brachte der bewährte Violinist Al fr eH Mit t Mb das Thomesche ^näante reli§io§o mit seelenvoller Empfindung zu Gehör, dann hielt Stadtverordneter Louis Sa-chs, der Vorsitzende des 200. Jahreskomitees, die Begrüßungsansprache. Es wies daraus hin, daß die Fürsorge für die Kranken und Schwachen zu allen Zeiten als eine der höchsten Pflichten -der jüdischen Religion betrachtet worden ist, er berichtete von der wahrhaft erhebenden Jubelfeier des hundertjährigen Bestehens einer geregelten Krankenpflege und von dem anläßlich der Feier errichteten, für damalige Verhältnisse recht erheblichen Jubelfonds, dessen Erträge noch heute der Krankenpflege zufließen; er sah darin die Verpflichtung, daß auch wir unsere Hand öffnen sollen, um ein Denkmal der Menschen- und Nächstenliebe zu errichten und besonders für unsere armen Schwestern durch die Begründung einer gynaekologischen Abteilung in dem neuen Krankenhause Einrichtungen zu schaffen, die seit langer Zeit als dringend erforderlich erkannt worden feien. Wer im Glück und Wohlstand sei, könne keine höhere Befriedigung finden, als die Sonne seines Glückes rückstrahlen zu lassen auf die vom Glück Verlassenen. Möge in dieser Festesstunde, so schloß der Redner, dieses Bewußtsein alle durchdringen, dann wird der heutige Tag den Aermsten unserer Gemeinde, aber auch unserer Gemeinde selbst, zum dauernden Segen gereichen. Nach dieser wirkungsvollen Ansprache sangen die Solistinnen Frl. Opfer und Vera Goldberg das Mendelssohnsche Duett aus Psalm 95, dann bestieg Professor Dr. Maybaum die Kanzel, um in kurzer, wohldurchdachter Predigt des heutigen Tages zu gedenken. Er gab zunächst einen geschichtlichen Rückblick auf die ersten Einrichtungen der Krankenpflege in der hiesigen Gemeinde, auf die Begründung des Vereins Chewro Kadischo, und bezeichnete es als charakteristisch für das Judentum, daß die erste Tat in der damaligen Gemeinde der Heilung der Kranken und Bestattung der Toten galt, und daß man erst vier Jahrzehnte später das Bedürfnis nach einem gemeinsamen Gottesdienst empfunden habe. Zur Rechtfertigung des Rahmens, in welchem das heutige Fest gefeiert wurde, wies der Redner nach, daß die Opferwilligkeit sür soziale Zwecke lies im Wesen des Judentums begründet sei. Die oft erhobene Forderung, die Krankenpflege zur Vergrößerung ihres Wirkungskreises von der Glaubensgemeinschaft loszulösen, werde im Judentum niemals Erfüllung finden; wenn auch die Wohltätigkeitspflege der Religion entraten könne, so könne doch die Religion, wenigstens die Religion des Judentums, niemals ohne Ausübung der Wohltätigkeit sein. Diese Auffassung habe das Judentum in gefährlichen Krisen gerettet, und deshalb müsse es das höchste Interesse daran haben, die Uebung der Menschenliebe im Kreise seiner Bekenner sicher zu stellen. Der Redner schloß seine eindrucksvolle Predigt mit dem Wunsche, daß die heutige Feier sich fruchtbar erweisen möge für die fernere Ausgestaltung der Krankenpflege der Gemeinde, daß die Enkel sich ihrer Ahnen würdig erweisen und nicht klein erscheinen mögen in einer Zeit, die Großes von uns verlange. Im Wechselgesange mit dem unter der bewährten Leitung des Kapellmeisters Kellermann stehenden Chor rezitierte dann der Vorbeter Asch von der Lützowstraße- Shnagoge die Lewandowskische Keduschah. Nach dem Gebet für den Landesherrn setzte noch einmal der Chor mit dein großen Hallelujah (Psalm 150) ein, und mit einem Orgelnachspiel schloß die erhebende Feier. 522 Berlin, 2. April. Die Lehranstalt sür die Wissenschaft des Judentums hat ihren 24. Jahresbericht versendet. Demselben gehen voran die Antrittsvorlesung von Dr. A. S. Uahuda: „Die biblische Exegese in ihren Beziehungen zur semitischen Philologie", und die Ansprache von Prof. Dr. S. Maybaum, gehalten bei der Louis Simonschen Gedenkfeier. Sanitätsrat Dr. S. Neumann, der seit 1870 dem Kuratorium angehört und seit 1895 dessen Vorsitzender ist, hat sein Amt als Vorsitzender des Kuratoriums niedergelegt. Das Kuratorium wählte ihn daher zum Ehrenvorsitzenden. An Stelle Neumanns wurde Justizrat Är. Herman Veit Simon zum Vorfitzenden und an Simons Stelle Geh. Kommerzienrat Ludwig Max Goldberger zum stellvertretenden Vorsitzenden gewählt. Dem Kuratorium gehören außerdem noch an: Prof. Dr. Gustav Oppert, Schriftführer, Justizrat Dr. Arnold Seligsohn, stellvertretender Schriftführer, Georg Metzer, Kontrolleur, Max Miß, Reudättt; Merregierungsrat Dr. Paul Meyer, Geh. Regierungsrat Prof. Dr. Hermann Cohen. Das seit einer Reihe, von Jahren verfolgte Ziel, der Lehranstalt' ein Heim zu bereiten, geht seiner Verwirklichung entgegen. Das Kuratorium hat bereits dasGrundstück Artilleriestraße 15 von der Stadtgemeinde erworben. Es liegt nunmehr die Pflicht ob, sür. die baldige Errichtung eines der Lehranstalt würdigen Gebäudes Sorge zu tragen. Hierzu sind weitere etwa 120 000 Mark erforderlich. Das Kuratorium wendet sich daher mit der Bitte an unsere Glaubensgenossen, ihr bei der Vollendung des durch den Edelsinn hochherziger Mitglieder der Gemeinde begründeten Werkes hilfreich beizustehen. Die Zahl der ordentlichen Hörer betrug zuletzt '42. Sämtliche Hörer waren statutenmäßig maturi; Die Zahl der Hospitanten war 5. Auch die von Professor Dr. Hermann Cohen in Marburg an der Lehranstalt eingerichteten philosophischen Ferienkurse sind wieder fortgesetzt worden. Der Vorlesungszyklus umfaßte 1. Ethik mit Bezugnahme auf Religionsphilosophie; 2. Uebuugen über Platon und über Kant (Fortsetzung). Zur Teilnahme an den Ferienkursen haben sich gemeldet 22 Hörer der Lehranstalt und 69 Hospitanten. Unter den Hospitanten befanden sich 28 Damen. Von ehemaligen bereits im Amte befindlichen Hörern sind berufen worden: Rabbiner Dr. Abraham Morgenstern von Jamnitz nach Leitmeritz, Rabbiner Dr. Emil Moses Cohn aus Steglitz als Prediger an die jüdische Gemeinde zu Berlin, Dr. Wolfs Mischel nach Kimpolung in der Bukovina. Die Bibliothek hat im Berichtsjahre außer durch Ankauf erworbene Bücher einen bedeutenden Zuwachs durch Schenkungen erfahren. s. Berlin, 3. April. Der Verein sür jüdische Geschichte und Literatur konnte seine Arbeitssaison nicht passender beschließen, als durch die gestern veranstaltete Rietzer-Feier, die einen -sehr würdigen Charakter trug und außerordentlich stark besucht war. Die Elite der Gemeinde hatte sich zu dieser Gedenkfeier versammelt, Vertreter der Gemeindebehörden, fast aller größeren Vereine und Institutionen. Die einleitenden und abschließenden Gesänge wurden vom Chor der Lindenftraßen-Synagoge unter Leitung seines bewährten Dirigenten Herrn William Wolf vortrefflich ausgesührt. Die Gedenkrede hielt Prof. Dr. M. Philippson. Und in der Tat, der Verein konnte für diesen Zweck keine bessere Wahl treffen! Mit dem feinen Verständnis für die Zeit und die Individualität des Gefeierten, das dem ausgezeichneten Historiker zu eigen ist, verband derselbe die Wärme des Empfindens und die Kunst der Darstellung, die den geschichtlichen und menschlichen Charakter uns interessant und sympathisch zu machen geeignet sind. Die Rede war ein Meisterwerk, das tiefen Eindruck erregte und allgemeinen Beifall fand. — Auch in den meisten auswärtigen Vereinen wurde der hundertste Geburtstag Rießers gefeiert. Wir haben bis jetzt Berichte aus Danzig, Thorn, Breslau, Hamburg, Güttingen, Essen, Köln, Nürnberg erhalten. Außerdem sprachen in Charlottenburg Dr. G. Karpeles über „Heines Verhältnis zum Judentum", in Grünberg i. Schl. Dr. theol. Blasel über „Die Juden im Mittelalter in ihrem Verhältnis zur Kirche und Papsttum", in Bochum Lehrer Steinhardt- Magdeburg über „Die Juden im alten Germanien", in Hettingen Dr. David-Bochum über „Israels weltliche Poesie", in Essen Prof. Geiger-Berlin über „Die Juden in der deutschen Literatur", in Nürnberg Dr. Chone über „Moses Nachmanides". — Ein neuer Literaturverein wurde in Schlawe am 28. v. M. abermals durch die eifrigen Bemühungen des Herrn Adolf Bukofzer-Danzig, dem dafür der innigste Dank gebührt, begründet. Demselben sind alsbald 30 Mitglieder beigetreten. Die Zahl der Literaturvereine beträgt zu Abschluß der Wintersession nunmehr in Deutschland 207! S£2 Berlin, 2. April. Der vierte Geschäftsbericht des Hilfsvereins der Deutschen Juden pro 1905 ist soeben in einem stattlichen Bande erschienen, der sicher allgemeines Interesse erregen wird und aus den wir ausführlich zurückkvmmen. Aber schon heute möchten wir betonen, daß dieser Geschäftsbericht ein ruhmvolles Zeugnis für die wahrhaft gedeihliche und weitverzweigte Tätigkeit dieses segensreich wirkenden Vereins bildet. Gerade diese Tatsache erheischt aber die Notwendigkeit, den Hilfsverein noch jeder Richtung hin zu unterstützen. Den außerordentlichen Anforderungen, die, durch die Not unserer Glaubensgenossen im Osten verursacht, beständig an