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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1906-04-06 · Heft 14 (6.4.1906) · p. Seite 168

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
70 (1906)
Issue
Heft 14 (6.4.1906)
Date
1906-04-06
Page
Seite 168 (sequence 12)
Language
German
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'-168 — ' '' Litersrilchr Mitteilungen. =. Geschichte der Juden in Stadt und Stift Essen bis zur Säkularisation des Stifts von 1291 bis 1802. Mit urkundlichen Beilagen und einer Stammtafel. Von Rabbiner D-r. S-. Samuel. Berlin, M. Poppelauers Buchhandlung. 1905. In dieser Abhandlung bietet der gelehrte Verfasser, gestutzt ans sorgfältige Forschungen in den Archiven und der Geschichtsliteratur, die erste eingehende Darstellung der Schicksale der Juden in dem ehemaligen fürstlichen Stift Essen. Die Arbeit bringt nicht nur neue Belege für Bekanntes bei, wie die vielen anderen Darstellungen der Geschichte der Juden in einzelnen Orten und Bezirken, sondern sie hebt auch hier und da - mancherlei Züae aus dem Leben der deutschen Juden schärfer hervor, erweitert einiges und berichtigt anderes. Zu einer solchen Darstellung war das ehemalige Fürstentum Essen um so mehr geeignet, als es. ein verhältnismäßig abgeschiedenes Sonderdasein führte, sich also das Licht von außen irr diesem kleinen, aber selbstherrlichen Gemeinwesen ganz eigenartig brach. Seitdem die ersten Juden, die vermutlich von Köln gekommen waren, sich 1291 irr Essen niedergelassen, haben sie, wie auch anderwärts, wechselvolle Schicksale erlebt und besonders unter der Eifersucht zwischen der Fürst-Aebtissin, die fünf Jahrhunderte hindurch das Iudenschatzgeld erhob, und der Stadt Essen, die ihr jenes Recht streitig machte, zu leiden gehabt. Der Verfasser erkennt aber gern an, daß die Juden im Stift Essen besser gestellt waren als draußen im Reich, und daß ihnen nicht bloß die. ärgsten Demütigungen erspart blieben, sondern auch gestattet wurde, ihren Gottesdienst und ihren Unterricht ungestört abzuhalten. Diese eingehende Darstellung bietet einen schätzenswerten Beitrag zur Kulturgeschichte der Juden in Deutschland. Sie gewinnt aber auch noch aus einem anderen Grunde Interesse für weitere Kreise. Der Verfasser teilt nämlich im Anschluß an die Erklärung der jüdischen Namen einige bisher unbekannte Einzelheiten über die Herkünfte der Familien Kosman und Lehman mit, deren Stammhaus in Essen war und als derer: bedeutendste Vertreter R. Joseph Kosmau, Rabbinatsbeisitzer zu Deutz, Verfasser des Masbir und des Noheg Kazzon Josef, und Berend Lehman tauch Jsachar Bermau genannt) königlich polnischer Ministerresident Augusts des Starken zu Halberstadt, gerühmt werden. Der Verfasser ist in der Lage, aus den noch nicht benutzten Familienakten des Essener Ratsarchivs die in der Geschichtsliteratur enthaltenen weitverbreiteten Jrrtümer über die erwähnten Familien zu berichtigen. Dr. Samuel hat auch die Absicht, der Geschichte der Juden in Essen von 1803 bis heute noch eine eingehende Darstellung zu widmen. Sein Buch ist eine tüchtige Arbeit, an der der historische Blick, die schöne Darstellung und die großzügige Anffaffung gleich warm anzuerkennen sind. Es ist eine wirkliche Bereicherung unseres Besitzstandes cm historischer Literatur. Stunden der Andacht von Fanny Neu da. Prag 1906. Verlag von Jakob B. Brandeis. Ein Werk, das die Lebensdauer eines halben Jahrhunderts erreicht hat, in dieser Zeit ununterbrochen einen starken Absatz fand und erst jüngst wieder in der zwanzigsten Auflage erschien — das ist wohl auf dem Büchermärkte keine häufige Erscheinung. Dieses freundliche Schicksal ist den „Stunden der Andacht" von Fanny Neuda zuteil geworden, und es bedeutet um so mehr, als das Buch, das für israelitische Frauen und Mädchen geschrieben ist, sich bannt an ein zwar weite Kreise zählendes, aber doch^ begrenztes Publikum wendet. Das Geheimnis des seltenen Erfolges, welchen das Werk erlangt hat, besteht darin, daß sein religiöser Inhalt sich mit einer warm menschlichen und edel weiblichen Anschauung vereinigt, die über das konfessionelle Gebiet weit hinausreicht und in den Herzen der Frauen des Widerhalls sicher ist. Eine Frau fand hier die echtesten Laute dafür, was sie selbst im Glücke froh empfunden, was sie im Schmerze geduldet und erlitten, und wie sie in den Kämpfen des Lebens^ihrem Herzen Harmonie schaffte. Die tiefe Wahrheit, mit der sie ihre Seele in diesen Gebeten und Betrachtungen sprechen läßt, die Phantasie, mit der sie sich in alle Schicksale und Empfindungen eines Weibes zu versetzen weiß, der Schwung und die Innigkeit ihrer poesievollen Sprache, übten bei dem Erscheinen des Buches einen Eindruck, der alle Werke gleicher Art verdrängte und, wie die unaufhörlich folgenden neuen Auflagen dartun, noch jetzt nicht verschwunden ist.' i Ein katholischer Geistlicher schrieb, daß in diesen Herzensergüssen ungeachtet ihres konfessionellen Charakters Gedanken und Gefühle enthalten seien, welche jeder Andächtige, er gehöre welchem Glauben immer an, zu den seinen machen kann. In dem Vorworte der ersten Auflagen, das . später aus unbekannten Ursachen wegblieb, künftig aber wieder seinen Platz in dem Buche finden wird, sagt die Autorin: „In meinem von den mannigfachsten Ereignissen reich durchwirkten Leben ward es mir gär oft zum unentbehrlichen, mächtigen Bedürfnisse, mit dem erhabenen Weltgeiste, der so hoch thront und so tief niederschaut, Zwiesprache zu pflegen, um bei ihm die Einsicht und die Kraft zu finden, auf den: Pfade meiyer häufig gar schwere Opfer heischenden Pflichten nicht zu wanken und nicht zu weichen. Derart entstanden die meisten der vorliegenden Gebete." Vor zwölf Jahren hat die Verfasserin ihre Augen geschlossen; doch ihre Worte wirken weiter, wie sie es bis dahin getan, tröstend, erhebend, erbauend. In allere Stille begeht das Buch sein 50jähriges Jubiläum; es geht in die neue Zeit hinüber unter Zeichen der Sympathie und Liebe, die ihm stets von neuen Leserinnen geboten werden. * Der gottesdie restliche Vobksgesarzg in: jüdischen und christlichen Altertum. Ein Beitrag zur jüdischen und christlichen Kultgeschichte von Dr. Franz Leitner. Freiburg 1906, Herdersche Verlagshandlung. Vorliegende Studie orientiert auf Grund umfassenden Materials über die Teilnahme des Volkes an den Gesangsstücken des altjüdischen Gottesdienstes vor und nach der Organisation der Tempelmusik, in der Synagoge und in den geschichtlichen Stadien der altchristlichen Liturgie. Abgesehen von den allgemeinen Bemerkungen in der Einleitung über die Natur des antiken Gesanges, ist daher hier nicht von der musikalischen Beschaffenheit, sondern von der Eingliederung des Volksgesanges in die verschiedenen gottesdienstlichen Formen die Rede. Sxrcchsa.il. Sehr geehrter Herr Redakteur! ^n dem soeben erschienenen „Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur 1906" wird in den: Artikel „Christentum und Judentum" S. 76 die bekannte Stelle aus Matth. 5, 43—44 zitiert, welche lautet: „Ihr habt gehört, daß gesagt ist: Du sollst.Deinen Nächsten lieben und Deinen Feind hassen", und mit Recht wird in einer Anmerkung dazu gesagt: „Ein Satz, wie der, den Feind zu hassen, ist im ganzen jüdischen Schrifttum nicht zu finden." Wie kommt es nun aber, daß ein solcher Satz im Neuen Testament steht? Ich glaube der Sache auf der Spur zu sein. Die hebräische Uebersetzung der Stelle lautet nämlich; roriKI -|8X3 '2 DfllflÖW -p’K m raw Die letzten drei Worte sind nach meiner Ansicht mit Exodus 23, 22 verwechselt worden, wo Gott zu Israel sagt: ^2'^^ HX VDW (Targum: *jXJD IV '3DKV „ich »werde deine Feinde hassen." Es hat nun jemand, der die Vorträge des Stifters der christlichen Religion gehört, aus dem Gedächtnisse zitiert und die Worte entstellt wiedergegeben, welche dann in der korrumpierten Gestalt weiter verbreitet wurden und so das neue Testament gelangten; eine Entstellung des alten biblischen Zitats geht aus dem Anfänge des Satzes hervor, denn es heißt im alten Testament doch nicht DX rDi7XV sondern -pjj3 Tfl?“!1? fiaim Hochachtungsvoll Rabb. Dr. Victor Nordheimer. Sch wetz, den 9. März 1906. ♦ Lriekksltrn der Redaktion. Zentralveveirr r Wenden Sie sich mit Ihrer Anfrage an das Bureau des Zentralvereins deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens, Lindenstraße 13, II. Druck und Verlag von Rudolf Moffe in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Max Bauchwitz in Berlin.

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