Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1906-04-06 · Heft 14 (6.4.1906) · p. Seite 166

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
70 (1906)
Issue
Heft 14 (6.4.1906)
Date
1906-04-06
Page
Seite 166 (sequence 10)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/3224737-3228690-3228705--62519-3289669
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Rehle in Ohnmacht siel, als er ihr von seiner Absicht, von ihr fortzugehen und sie in der Obhut ihres BaterS zurückzulasten, Kenntnis gab. Als sie wieder zu sich kam, schrie sie ach und wehe, so daß die Nachbarn mit den Feuereimern herbeigestürzt kamen. Bald aber betrachtete sie den Fall von einem mehr optimistischen Standpunkte aus, und als sie Jakob den Abschiedskuß gab, da liefen über ihre brennenden Wangen keine Tränen des Schmerzes, sondern sie erzählten von Stolz und Vertrauen auf ihren unternehmungslustigen jungen Gatten, der hinwegzog in das verheißungsvolle Land der Aschkenazim, wo, wie das Gerücht sagte, der Zucker billig war und alle Frauen mit seidenen Kleidern angetan dahergingen. So kam Jakob Eisenmann an das erste Ziel seines Strebens, auf das weitberühmte Rabbinerseminar zu Breslau. Hier blieb er vier Jahre lang und dann tat er seinen zweiten Schritt auf feiner Schickfalsbahn dadurch, daß er zum Rabbiner einer ziemlich großen Gemeinde in Pommern berufen wurde. Das erste, was er jetzt natürlich tat, war, daß er seine Gattin Rehle kommen ließ, die ihren vier Jahre alten Sohn Moses mitbrachte und viele Mühe hatte, in .dem nett und sauber gekleideten Prediger den ehemaligen, in seiner Garderobe verwahrlosten Bettelstudenten der Talmudschule wiederzuerkennen. Mit bewundernswerter Schnelligkeit und Gewandtheit paßte sich Rehle den höflicheren und gesitteteren Gewohnheiten ihrer neuen Umgebung an. Rehle würde in Rahel und Moses in Moritz verdeutscht, aber abgesehen davon, zeigte sie ihrem Gatten gegenüber keine Aenderung. Für ihn warsie noch immer das unschätzbare Juwel in unwürdiger Fassung. Mit solchen Aussichten auf eine wolkenlose, beneidenswerte Zukunft verbrachten sie drei glückliche Jahre, bis zu jenem furchtbaren Tage, an dem der Sturm über ihr kleines Paradies hereinbrach und sie Hinaustrieb auf jene schreckliche und gefährliche Wanderschaft in eine unbekannte Zukunft. Es war zu der Zeit, als die deutsche Regierung beschloß, daß hinfort nur ihre eigenen, in Deutschland geborenen Kinder unter dem Schutze des Reichsadlers wohnen dürften. Von einem Ende des Reiches zum andern klang plötzlich die Losung: „Deutschland für die Deutschen!" Nur mit solchen Fremden wurde eine Ausnahme gemacht, die sich durch langjährigen Aufenthalt und vorher erfüllte gesetzliche Formalitäten das Bürgerrecht erworben hatten; denen aber, die nicht so vorausblickend gewesen waren, wurde ohneweitere Umstände die Ausweisungsorder zuteil. Am strengsten ging man gegen die vor, die Untertanen des Zaren und noch dazu jüdischen Glaubens waren.I Auch der Rabbiner Jakob Eisenmann war ein russischer Staatsangehöriger, und als solcher gehörte er zu denen, die auszuweisen als Pflicht galt. So erschien denn eines schönen Morgens der Polizeikommistar bei dem Herrn Rabbiner und bat ihn, er möchte doch so gut sein und ihm einmal eine flüchtige Durchsicht seiner Naturalisationsurkunde oder seiner anderen Papiere, auf Grund derer er hier Aufenthalt zu nehmen berechtigt wäre, gestatten. Unter Zittern und Beben erklärte der Herr Rabbiner, keine solche Papiere zu besitzen und verlegen sah er seine Frau Rahel an, die ihrerseits ihm verlegene Blicke zuwarf. Am nächsten Tage erreichte sie in Gestalt eines amtlichen Schriftstückes, durch das sie aufgefordert wurden, im Laufe von vierzehn Tagen die Stadt zu verkästen, falls sie nicht als politische Verbrecher behandelt werden wollten, ihr^Schicksal. So machte sich denn Jakob Eisenmann mit seiner Frau und seinen beiden Kindern, von denen das: jüngere eben ein Jahr alt geworden war, auf, ym sich ein. neues Heim zu suchen. Er vertraute auf Gott, daß er seine Schritte durch die Schlingen und Fallen der Welt führen würde. Und fürwahr, er brauchte all bo8 aufrichtende Vertrauen, das in ihm war, um ihm über jene furchtbare Zeit des Herumirrens und des heimatlosen Wanderns hinwegzuhelfen. Der natürlichste Ausweg, der sich ihm eigentlich hätte, bieten sollen, die Rückkehr nach seinem 'Heimatlands, wäre für ihn gleichbedeutend gewesen, aus dem Regen in die Traufe zu kommen. Er hatte seiner Militärdienstpflicht nicht genügt, und hätte er je wieder russischen Boden betreten, so hätten chm jene fürchterlichen Strafen gedroht, die den russischen Deserteur erwarten. Und andererseits veranlaßte ihn auch seine angeborene Energie, mit der er sein Vorhaben verfolgte und die so oft fälschlich für Eigensinn gehalten wurde, sich an sein Adoptiv-Vaterland so fest als möglich zu klammern — einmal, um seine Menschenrechte, die man ihm rauben wollte, zu verteidigen und andererseits, weil er fühlte, daß er nur hier, und nur hier allein sein Lebeuswerk, wie er es sich vorgezeichnet hatte, vollenden konnte und nur hier seine Absicht, das zu werden, was er werden wollte, ausführen konnte. Und nun begann ein verzweifelter Kampf, um Zeit zu gewinnen, ein Fasten nach Strohhalmen, ein Schlüpfen durch alle möglichen sich ihm bietenden Luken, ein ungleicher Kampf mit herzloser Bureaukratie und strengen Beamten. Sie reisten von Stadt zu Stadt, und wie Zugvögel wurde ihnen an jedem Ort ein Aufenthalt von ein, zwei, manchmal auch drei Wochen gewährt. Dann erschien der Polizeikommissar, fragte nach ihren Papieren und veranlaßte sie, ihre gewohnte Methode von Liften und Ausflüchten zu ergreifen, nach deren Entdeckung sie wieder ausgewiesen wurden und den Weg nach ihrem nächsten Halteplatze einschlugen. Aber gleichsam als wollte das Schicksal sie im Vertrauen auf ihren endgültigen Erfolg ermutigen, ereilte sie gerade am Anfang ihrer Odystee ein großer Glücksfall. Zwei Tage vor ihrer Abreise aus Pommern war Rahels Erbteil, das ihr ihr Vater, der die Trennung seines Kindes nicht länger als ein Jahr überlebt hatte, Hinterlasten hatte, in ihre Hände gelangt, das heißt der Teil davon, der nach jahrelangen Prozessen gegen unberechtigte Ansprüche und nach Abzug der hohen Gerichts- und Anwaltskosten noch übrig geblieben war. Es waren das gegen dreitausend Taler, und diese Summe setzte sie in den Stand, ihre Taktik des Auf-, schiebens und Verzögerns mit den dazugehörigen kostspieligen Hotelrechnungen, Trinkgeldern und gelegentlichen kleiner« Geschenken durchzuführen. Schließlich hatten sie ihre Wanderungeil auch nach Ostrokvw geführt. Hier machte ihnen ein unvorhergesehener . Zwischenfall einen Strich durch die Rechnung — Rahel und ihr jüngstes Kind erkrankten nämlich. Aber wie so oft erwies sich dieses Unglück als ein Glück. Denn als der Polizeikommissar nach Ablauf von vierzehn Tagen mit der üblichen Ausweisungsorder erschien, trat ihm der Arzt entgegen, der einen Aufschub von mindestens noch einer Woche verlangte. In größter Eile entfernte sich der Polizeikommissar, und zum Beweise dessen, daß die Polizei mehr zu sagen habe als so ein gewöhnlicher praktischer Arzt, wurde die erbetene Aufenthaltsverlängerung um eine Woche verweigert, dafür aber dein Rabbiner und seiner Familie die Erlaubnis erteilt, sich volle drei Kalendermonate in der Stadt aufhalten zu dürfen. Das ivaren gute Aussichten für Eisenmann und er ließ sie sich nicht entgehen. Auch während seiner Wanderungen .war er nicht müßig geblieben, aber das häufige Wechseln seiner Adresse hatte jedes systematische Vorgehen überaus schwierig gemacht. Jetzt aber, wo er drei volle Kalendermonate zu seiner Verfügung hatte, entwarf er einen wohl überlegten Feldzugsplan. Er sandte eine Petition nach der anderen ab, er wandte sich an den Landrat, an den Regierungspräsidenten,

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.