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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1906-04-06 · Heft 14 (6.4.1906) · p. Seite 165

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
70 (1906)
Issue
Heft 14 (6.4.1906)
Date
1906-04-06
Page
Seite 165 (sequence 9)
Language
German
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165 das.Geld, das er ausgab^, nicht lange an; er wußte Geschichten zu erzählen, daß man sich vor Lachen darüber die Seiten halten mußte, und Hunderte solcher Geschichten kannte er, von denen eine-immer , besser war als die andere. Ein famoser Kerl! dachte der Bürgermeister, als er seinen Krug bis auf den Boden leerte und sich erhob, um nach Haus zu gehen. Er mußte daran denken, was ihm das letztemal passiert war, als er seinen Urlaub überschritten hatte. „Was, Herr Bürgermeister! Sie wollen so'n schlechtes Beispiel geben? Das darf ich nicht dulden — Herr Wirt, noch eine Lage — und zur Feier des Tages schlage ich vor, ein frisches Faß . anzustecken — und da fällt mir gerade eine Geschichte ein, Herr Bürgermeister. Jetzt erst sang' ich an, warm zu werden." Um die Geschichte zu hören, wartete der Herr Bürgermeister die neue „Lage" ab, auf die noch eine „Lage" und noch eine Geschichte folgten. Wenn man schon über zehn ausblieb, so konnte es ja kaum einen Unterschied machen, ob man um elf oder zwölf nach Hause kam. So wurde es dann Mitternacht, ehe die Gesellschaft sich trennte und ihren Weg zu den heimatlichen Penaten einschlug. Die Herren befanden sich sämtlich in gehobener Stimmung und waren überzeugt, daß das Leben trotz Gardinenpredigten und anderer Widerwärtigkeiten doch schön sei. „Gute Nacht, meine Herren! Wünsche Ihnen allen angenehme Ruhe und vergnügtes Erwachen," rief ihnen der Herr Rabbiner zum Abschiede zu. „Alles wird noch gut werden, Herr Rabbiner, ängstigen Sie sich nicht," sagte der Bürgermeister geheimnisvoll zum Rabbiner, indem er ihm die Hand reichte. „Aengstigen Sie sich nicht, Herr Rabbiner, alles wird schon gut werden," wiederholte Herr Schwefelhagen, der Stadtverordnetenvorsteher, und tat dabei noch geheimnisvoller. „Es wird schon alles gut werden. Herr Rabbiner. Sorgen Sie sich nicht," äußerte auch jeder der Stadtverordneten fast rnit denselben Worten und derselben Geheimnistuerei in seiner Miene. „Ich danke Ihnen sehr, meine Herren. Ich bin Ihnen allen für Ihr gütiges Versprechen vielmals verbunden," antwortete der Rabbiner, indem er sich von jedem einzeln mit einer ehrfurchtsvollen Verbeugung verabschiedete. „Das war doch ein famoser Witz von dem Manne in der Badewanne — nicht wahr Herr Bürgermeister?" Ein lautes Gelächter, aus dem seine Stimme am lautesten herauszuhören war, antwortete ihm. Er wartete noch, bis die anderen Herren schon etwas voran waren und erst dann machte er sich selber auf den Nachhauseweg. Um zu vermeiden, mit den übrigen Herren nochmals zusammenzutreffen, bog er in eine Nebenstraße ein. Um nach seiner Wohnung zu gelangen, hätte er zwar mit den anderen Herren noch ein Stück Wegs Zusammengehen können, er hatte aber bestimmte Gründe, sich bereits an der Tür des Wirtshauses von der Gesellschaft zu trennen. Auf diese Weise führte er den hohen Würdenträgern der Stadt doch zu Gemüt, daß, wenn sie ihn auch beim Biertische mit ihrer Gesellschaft beehrten, er, der Jude, es nicht wagte, seinen Verkehr mit ihnen aus die gut christlichen Straßen der Stadt auszudehnen. Das mußte ihnen einerseits schmeicheln und anderseits konnten sie, ungeniert durch seine Anwesenheit, freier sich über den guten Eindruck miteinander aussprechen, den ein Mann machen mußte, gleichviel ob Jude oder Christ, der so viel Bier zum besten gegeben hatte, daß man unmöglich noch wissen konnte, wieviel man eigentlich getrunken hatte. „Das war diplomatisch," dachte Herr Rabbiner Eisenmann und, weiß Gott, er brauchte all die List und das Raffinement, deffen ein Geist fähig war, der für gewöhnlich sophistische Mittel und krumme Wege verabscheute. Er spielte ein gewagtes Spiel. Wie gewagt es war, darüber nachzudenken, hatte er reichlich Zeit, als er langsam durch die drückend schwüle Sommernacht dahin schritt. Und so viel hing davon ab — ach Gott, so furchtbar viel! Ja, alles hing davon ab: Seine Existenz, seine Stellung in der Welt, das Wohl derer, die ihm lieb und teuer waren. Eine seltsame Verkettung von Umständen hatte ihn so weit gebracht. In seiner Heimatsstadt, einem ganz kleinen Städtchen in Russisch-Polen, das etwa fünfzig Meilen von der deutschen Grenze liegen mag, hatte er bis zu seinem siebzehnten Jahre gelebt. Er hatte sich dort recht glücklich gefühlt und Tag und Nacht über der heiligen Schrift gesessen, die er mit ihren den Geist und Verstand schärfenden Kommentaren aus das eifrigste studierte. Sinnend sah er oft den Spinnen zu, die oben an den Balken der Decke der Talmudschule ihre Girlanden spannen, und er selbst spann dabei angenehme Gedanken über die goldene Zukunft, die vor ihm lag. Hier und da verdiente er sich auch sein Essen dadurch, daß er den Kindern seiner Wirtsleute das Aleph-beth lehrte. Dann wurden die Heiratsmakler des Ortes auf ihn aufmerksam; als sie gewahrten, daß er ein anständiger junger Mann war, der auf dem Heiratsmarkte einen gangbaren Artikel abgeben mußte, warfen sie ihre Netze für ihn aus, und bevor er noch recht wußte, wie es zuging, denn er war damals gerade in einer sehr knifflichen Kontroverse mit einem anderen Talmudstudenten verwickelt, fand er sich verheiratet und zwar mit Rehle, dem einzigen Kinde von Reb Nathan, dem Korn- Händler, einem Manne, der mit den Gütern dieser Erde ziemlich reich gesegnet war. Wie der junge Jakob Eisenmann selber zugeben mußte, als er endlich einmal dazu kam, über feine Lage nachzudenken, war daS gar kein so schlechter Stand der Dinge. Sein regelmäßiges Essen, und zwar soviel, wie er haben wollte — eine hübsche, junge Frau, denn sie war wirklich hübsch, sagte sich Jakob, als er endlich einmal den Mut fand, seine Augen zu ihr emporzuschlagen, einen warmen Ueberzieher und kalblederne Galoschen für den Winter — konnte wohl, wie das Sprichwort sagt, Gott in Frankreich mehr Ursache zur Zufriedenheit haben? Drei bis vier Monate dauerte diese glückliche Zeit, und dann fühlte Jakob Eisenmann, wie in seiner Gemütsverfaffung eine zwar kleine, aber doch immerhin merkbare Aenderung sich vollzog. Der Ueberzieher kam ihm nicht mehr so warm vor, und auch das Essen wollte nicht mehr so recht schmecken. Die kleine Rehle war zwar ebenso hübsch — nein, sogar noch vielmehr als das, sie war gut und treu, ein Juwel, das eine bessere Fassung verdient hätte, als sie in seinem Herzen, in das sie sich mit der Gelehrsamkeit teilen mußte, gefunden hatte. Freilich durfte er ihr das nicht sagen, denn sie hätte ihm für dieses Kompliment gar schlecht gedankt. War es nun die große Verantwortlichkeit, die in ihm ein neues Gefühl von Würde hervorries, oder war es das unbewußte Verlangen nach Licht und Luft und Raum, das all diese vielen Jahre unerkannt und unterdrückt in ihm geschlummert hatte und jetzt plötzlich seinen ihm zustehenden Platz im Leben beanspruchte — genug eines Morgens erwachte er mit dem unabänderlichen Entschlüsse, der staubigen Talmudschule mit ihren Spinnweben und seinen eigenen Träumereien den Rücken zu kehren und sich aufzumachen nach der weiten Welt, die jenseits der Grenze lag, in der es unbegrenzte Möglichkeiten gab, in der jeder mit sich selbst das größte Wunder vollziehen konnte, nämlich dies — aus sich das zu machen, was er selber wollte. Es war ja nur natürlich, daß Klein-

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