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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1906-04-06 · Heft 14 (6.4.1906) · p. Seite 164

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
70 (1906)
Issue
Heft 14 (6.4.1906)
Date
1906-04-06
Page
Seite 164 (sequence 8)
Language
German
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' —— 164 - In diesem Sinne nahm der E»npfLnger auch die sinnige Gabe entgegen, indem er sich dahin äußerte: „Daß ein Andersgläubiger den heiligen Born geschöpft, wird feiner Weihekraft wohl nichts: anhaben können. Ich sehe vielmehr in diesem Umstand ein beruhigendes Vorzeichen : so möge sich zu der Glaubenstreue des Täuflings zugleich der Geist der Liebe und Duldung gesellen, den wir bei den Glaubensstarken so oft vermissen." In seinem Glückwunsch, zu der Geburt des Knaben erwähnt der in der jüdischen Literatur.und Geschichte wohlbewanderte Sekretär der israelitischen Gemeinde in Wien, daß Auersperg nun das, was nach einem orientalischen Spruch unsterblich mache, völlig erreicht habe: „Ein Sohn, ein guter Name, ein gutes Buch." Nicht nur über Ernstes, sondern auch über manch Humoristisches plauderten die beiden Freunde in reizender Weise in den jeweiligen Zuschriften. So berichtet z. B. Frankl in launiger Weise, daß er ein Kleingrundbasttzer in partibus tiäelium in Palästina geworden sei. Die Gemeinden der Städte Safed und Liberia am Galiläischen Meere hätten ihn nämlich zum Ehrenvorsteher ernannt. Um aber das nach palästinästischem Rechte sein zu können, müsse man dort Grundbesitz haben, und so hätte ihm jede der Gemeinden eine kleine Grund- Parzelle geschenkt. „Jedenfalls besitze ich jetzt mehr von dem Lande als die apostolische Majestät von Oesterreich und der König von Italien, die sich beide Könige von Jerusalem titulieren lassen. Es kommt nur jetzt auf meine Eroberungsgelüste an, meinen Besitz zu erweitern, vor allen: den Patriarchengrund in Hebron als biblisch verbrieft in Anspruch zu nehmen und endlich, auf den Prophetenspruch fußend, Syrien zu annektieren. Wenn es mir gelingt, da die Großmächte jede Einmischung in innere Angelegenheiten eines fremden Landes unterlassen, mich in den Besitz des Landes zu setzen, will ich jedenfalls die Christen emanzipieren, damit sich die Herren in Steiermark und Krain beim nächsten Wahltag so recht ins Herz schämen müssen, daß sie die Juden kraft verrückter Privilegien noch nicht aufnehmen wollen. Und Jerusalem muß mein sein, wenn das Königreich Palästina Bestand haben soll." Derartige Aeußerungen des humoristischen Briefschreibers erfreuten Auersperg, der eine sehr ernste Natur war, immer höchlichst. Die größte Freude aber bereitete es ihm, wenn sein jüdischer Freund, wie es so seine Gewohnheit war, seine Briefe mit allerlei orientalischen Gleichnissen spickte. Besonders in den Glückwunschbriefen zu den Geburtstagen Auerspergs und seiner Familie und der Jahreswende pflegte Frankl allerlei schöne und lehrreiche Geschichten aus dem Talmud und den Midraschim zum besten zu geben, weil er wußte, daß der Dichter Freude daran hatte. Wie schön und sinnig ist nicht z. B. die nachstehende kleine talmudische Geschichte: „Der Rabbi Nachmann war sehr gelehrt, sehr weise, sehr reich und ein Dichter; dennoch bat er seinen Freund, den Rabbi Jsak, seinen Gast, beim Abschied um den Segen. Darauf erwiderte Rabbi Jsak: „Es »änderte einmal ein Mann durch die Wüste und war schon sehr hungrig, durstig und müde geworden, als er am Rande derselben einen Dattelbaum mit reichen Früchten erblickte, zu dessen Füßen eine frische Quelle rieselte. Der Wanderer setzte sich in den kühlenden Schatten des Baumes, genoß von seinen Früchten und erquickte sich an der Quelle. Erfrischt und gestärkt erhob sich der Wanderer, um weiter zu reisen und redete seinen Wohltäter also an: „Baum, Baum, welchen Segen soll ich über dich sprechen? Soll ich dir mächtige Zweige, breite Blätter, weithin reichenden Schatten wünschen? Du besitzest all dies! Süße Früchte? Du trägst sie schon! Eine Quelle, die deine. Wurzel befeuchte? Sie quillt zu deinen Füßen-! . So bleibt mir nur der eine Segenspruch, daß jeder deiner Spröß. ljnge: blühen und Früchte tragen soll gleich dir! Nun, mein Rabbi.Nachmann, -welchen Segen kann ich Dir wünschen? Du bist gelehrt. Du bist weise. Du bist reich. Du bist ein Dichter. Du hast einen Sohn, möge er und alle seine Nachkommen gesegnet sein wie Du!" In seinem Dankschreiben sagt Auersperg u. a.: „Ihr Rabbi ist ein Poet und Philosoph, beides sind Sie auch. Er ist aber zugleich ein guttätiger und wohlwollender Mann, das sind auch Sie. Aber wenn er darin noch übertroffen werden kann, so geschieht dies durch Sie, wenigstens mir gegenüber, den Sie seit einer Reihe von Jahren durch Ihre Güte, liebenswürdige Teilnahme und herzgewinnende Aufmerksamkeit auszeichnen — und verwöhnen!" Wie im Leben Auersperg dem Herzen Frankls überaus nahe stand) so hatte dieser auch für den toten Freund nur Worte wärmster Verehrung und begeisterter Anerkennung. Vielleicht das Schönste, was nach dem Ableben Anastasius Grüns geschrieben wurde, rührt von dem Verfasser des „Primator" und „Jerusalem" her. In die warme und innige Anerkennung, die der Freund dem Freunde widmet, dürfe»: heute auch alle einstimmen, die den Dichter ehren. Wir aber reihen seinen Namen mit aufrichtiger Genugtuung dem Reigen all der großen und edlen Führer der Menschheit an, die für Juden und Judentum in Wort und Schrift und Tat zu jeder Zeit eingetreten sind. Lwej Lrelenhirten. Erzählung von Samuel G^don. Mit Genehmigung des Verfassers inS Deuli^e übertragen von I. Cassirer. s war zehn Uhr abends; die Bewohner von Ostrykow, einer kleinen Stadt im preußischen Polen, schliefen bereits den Schlaf des Gerechten. Nur im Honoratiorenzimmer des „Goldenen Rosses" ging es noch laut und lustig zu. Hier hatte sich eine auserlesene Gesellschaft zusammen gefunden. Da konnte man Herrn Pfrund, den Bürgermeister, Herrn Rechtsanwalt und Notar Schwefelhagen, den Stadtverordnetenvorsteher, und acht von den zehn Stadtverordneten, die das Städtchen überhaupt zählte, sehen. Aber weder Bürgermeister, noch Stadtverordnetenvorsteher, noch Stadtverordnete waren die gewichtigste Persönlichkeit dieser Tafelrunde. — das war vielmehr Seine Ehrwürden der Herr Rabbiner Jakob Eisenmann, der geistliche Führer der jüdischen Gemeinde in der Stadt. Denn er zahlte das,Bier. Seine schmalen, ausdrucksvollen Züge und seine schwarzen Haarlocken, deren sich selbst ein Absalon nicht hätte zu schämen brauchen, standen im schroffen Gegensätze zu den blühenden, geistlosen Gesichtern seiner Gefährten und ihren: kurzgeschorenen Haar. Mit heiterer Miene schüttelte er die Locken zurück, die ihm über die Stirn zu fallen drohten, während er fast ausschließlich die Kosten der Unterhaltung trug, damit die anderen nur recht viel Zeit zum Trinken fanden. Er konnte sich auch nicht beklagen, daß seinen Bemühungen der Erfolg versagt blieb. Manch herzliches Gelächter, in das er dann laut mit einstimmte-belohnte ihn. Ja, „beim heiligen Theodosius und seinen drei Kerzen," dieser. Judenpfaffe war fürwahr kein übler Bursche. Er sah sich

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