Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 70 (1906)
- Issue
- Heft 14 (6.4.1906)
- Date
- 1906-04-06
- Page
- Seite 162 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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österreichischen Herrenhauses und deS steiermäMschen Land-! tageS, kämpfte er in entschiedener, aber liebenswürdig-versöhnlicher Weise stets für Freiheit und Recht.! Der hundertste Geburtstag dieses Geisteshelden gibt auch uns j die gewünschte Veranlassung, seiner Stellung zum Judentum zu gedenken, die interessant und bedeutsam genug ist, um hier eingehender gewürdigt zu werden. Ein Philantrop von wahrhaft idealen Gesinnungenhat - er in Vers und Prosa seiner Sympathie für das geschichtliche und moderne Judentum, für dessen ehrwürdige Ueberlieferungen ebenso wie für sein Ringen um staatsbürgerliche Gleichj berechtigung, zuweilen ergreifenden Ausdruck gegeben. In Er ist ein Körnlein jener Hand voll Samen, Die einst der Sturm von diesem Boden hob Und in die Länder säte aller Namen Und weit hinaus in alle Winde stob! Ein Jude ist's, ein Ast vom Wunderstamme, Gefällt, zerschmettert längst, doch nicht verdorrt! DeS Markes Kern versengt von Blitzesflamme, Des Wipfels Zweige grünend fort und fort- : Und wie ums Haupt beim Laubesweh'n ihm schwanken! Bald Sonnenlichter, bald die Schatten dicht,! So gaukeln drin die Bilder und Gedanken! Bald mitternächtig schwarz, bald sonnenlicht: j „Die Lerche steuert pilgernd in den Lüften Dem Lenze nach und seiner Blütenspur; Der Hirte wandert von. enthalmten Triften Zu frischem Weideplatz auf reicher Flur. Nicht, gleich der Lerche, folg' ich Frühlingsspuren! Und doch wie sie, so wandr* ich fort und fort! Nicht, gleich demHirten, such'ich schönre Fluren, Und doch, wie er, bin ich bald hier,.bald dort! Der Hirsch, den ihr mit Hunden ließet hetzen, Der rennt durch Büsch' und Felder fort und fort; Er rennt noch immer fort in scheuen Sätzen, Wenn Treibers Hand und Rute längst verdorrt! Mit Feuereifer trat Graf Auersperg im Parlament für , die staatsbürgerliche Gleichberechtigung aller Konfessionen, j also auch der Juden, ein und alle Schmähungen und Verj unglimpfungen, denen er wegen seiner humanen Gesinnung! ausgesetzt war, ließen ihn vollständig, kalt. Diese Gesinnung ' bewirkte es, daß zahlreiche hervorragende israelitische Geistes-! größen zu seinen Verehrern zählten. Die Schilderung einiger dieser Beziehungen darf wohl auf Interesse Anspruch machen. Berthold Auerbach widmete dem liberalen Mitglied des österreichischen Herrenhauses wiederholt Aufsätze in namhaften Zeitungen und Zeitschriften. Eine dieser Abhandlungen in den „Deutschen Blättern" vom 1. Juli 1863 beginnt mit der Erzählung der Anekdote, wie Auersperg in den Märztagen von 1848 in die Irrenanstalt zu Döbling hinauseilte, in der Hoffnung, seinen treuen Freund, den armen geisteskranken Lenau, durch den Zuruf: „Wir sind frei! Metternich ist verjagt!" aus seiner geistigen Verstörung aufzurütteln, was aber vergebens gewesen sei. Dann erinnert Auerbach an Auerspergs von Radikalismus und Reaktion gleich weit entfernte Haltung vor 1848, seine Teilnahme am Frankfurter Parlament, an - dessen segensreiche Tätigkeit im Herrenhause, und sagt schließlich 1 von ihm: „Es liegt im Feuer dichterischer'' Begeisterung,, von seinem wundervollen Gedichtszhklus „JÄnf^Dstern^ entroM er uns packende Bilder borit altersgrauen Judenschmerz-, uns die Leiden Und Qualen des modernen Ahasver * vorführend, der nie Rast und Ruhe finden kann. Wieder ist^s Ostern und in Jerusalem herrscht der Moslim. Im Schatten der Therebinthen ruht ein müder Waller von olivenfarbenem Gesicht — ein Sohn Israels. Man glaubt Jehuda Halevi, oder noch besser gesagt einen Selichabichter des Mittelalters, wie Benjamin ben Serach, der seinen Kummer und seinen Schmerz über Judenverfolgungen und Judenmetzeleien Ausdruck gibt, zu hören, wenn man das nachstehende erschütternde Klagelied des deutschen Poeten vernimmt: jenem ewigen, reinen Feuer, das vor Zeiten auf den Altären brannte, und nur von reinen Händen gepflegt und erhalten werden durfte, von Menschen, die sich dem Dienste der Idee geweiht hatten. Die Weihe, die vordem eine äußerliche war, ist nun zur innerlichen geworden. Wer nie für die Freiheit geglüht hat, wer sie auf dem kalten Wege der Berechnung zu erringen meint, dem wird eine andere Berechnung, was man eben „Rechnung tragen" nennt, sie leicht entwinden. Wer aber die Forderungen der Zeit als Forderungen des ewigen Menschengeistes, der unentreißbaren Urrechte aufrecht erhält, der hat nicht bloß die Liebe zu deyr Ideale, sondern auch die Treue für dasselbe und bewahrt es unbeschädigt durch alle Wandlungen des eigenen, wie des allgemeinen Lebens." Große Achtung hatte Auersperg vor dem Politiker Adol Fischhof — wenn er auch nicht in allen politischen Fragen zu seinen Gesinnungsgenossen gehörte. Als Ludwig August Frankl, wie wir sehen werden, einer der intimsten langjährigen Freunde Auerspergs, diesem eine Schrift Fischhofs, betitelt: „Oesterreich und die Bürgschaften seines Bestandes," zusandte, dankte er ihm — wie Dr. Bruno v. Frankl-Hochwart in dem von ihm (Berlin 1897) herausgegebenen hochinteressanten Briefwechsel zwischen Anastasius Grün und Ludwig August Frankl mitteilt ~~ mit folgenden Worten; „Der redliche, uneigen- Jch säe nicht, ich pflüge keinen Boden, Mich schreckt kein Hagel, denn ich ernte nicht. Doch beut mir jedes Land von seinen Broten, Und meinem Durfte nie der Quell gebricht! Des Nordens Eiche und des Südens Palme Hat um das Haupt schon Schatten mir gestreut; Der Wüste Sand, der Alpen duft'ge Halme. Sie halten mir des Schlummers Bett bereit. Ich wohn' in engen Gassen, dunklen Schlüßen, Wohin der Christ uns aus den Städten stieß; Er ahnt es nicht, wie selbst in Drachenklüften Des Weibes Kuß, des Kindes Lächeln süß! Ich.lerne keine von den Sprachen allen, Nur meine trag ich durch die ganze Welt; Natur der Stare ist's, die Sprache lallen Des Peinigers, der sie gefangen hält. Mir blüht kein Vaterland! Die Brüder ringen Durch's Leben sich; zerstreut, im Wandrerkleid! Und doch sind wir ein Volk: In Eins verschlingen Gemeinsam Elend uns, gemeinsam Leid! Vom Männe, der nicht sterben kann, die Sage Lallt manch ein Christenkind, vom Ahasver. Es wallt vorbei der Völker Sarkophage, Mein Volk, unsterblich, tränenlos, wie er! Nicht weiß ich's, dämmern uns des Fluchs Gerichte, Strahlt Segen uns aus der Geschicke Buch? Auf unsrer Töchter schönem Angesichte Les' ich sogar den leisen Hauch von Fluch! Pflanzt in den Süd ein Reis von Nordens. Tannen, Wenn's nicht verdorrt, sprießt's doppelt grün und groß; Wollt in den Nord ihr Südens Lorbeer barmen; Erfriert er nicht, verkrüppelt doch sein Sproß. In allen Zonen doch Gepräg' aus Steine, In Färb und Bildung bleibt mein Antlitz gleich; So heiß ist Südens Brand nicht, daß er's . bräune, So kalt kein Norden, daß er's tünche bleich! Die Christen sahn's, da mocht es ihnen dünken, Es sei wohl eisenfest auch unser Leib, Daß unser Blut ihr Schwert sie ließen trinken. Uns niederdolchen Greis und Kind und Weib! Die Christen sahn's, und unseres Leibes Glieder Hielt da wohl auch für feuerfest ihr Wahn, j Daß sie uns Haus und Hütten brannten nieder i Und unter uns den Holzstoß schürten an!"