Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 70 (1906)
- Issue
- Heft 14 (6.4.1906)
- Date
- 1906-04-06
- Page
- Seite 160 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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-—- no -— Und der Herzog von Almodovar gab bekannt^ daß fälntliche Delegierte der Mächte sich diesem Wunsche anschlössen; er fügte hinzu, daß kein Land glücklicher wäre als Spanien, sich diesem edlen Gefühle religiöser Duldung anzuschließen, weil so viele Israeliten in Marokko mit Spanien durch die Bande der Abstammung und durch die Gemeinsamkeit der Sprache in Verbindung ständen. Aber ob dieser Wunsch auch Aussicht auf Erfüllung hat, ist eine andere Frage. * Von Amerika aus ist abermals in sehr dankenswerter Weise ein Versuch der Intervention zugunsten der unglücklichen russischen Juden gemacht "worden. Wir erhalten aus dem Bureau des U. O. B. B. in Chicago ein Schreiben des Großpräsidenten des -Ordens an den Grafen Witte, das in deutscher Uebertragung folgendermaßen lautet: Chicago, 15. Februar 1905. Ew. Exzellenz! Sie werden sich sicher unseres Interviews in Portsmouth erinnern, dem auch die Herren Schiff, Strauß, Seligmann, Levisohn und andere beiwohnten, und als drei von uns in der City von Newyork Ihnen glückliche Heimkehr wünschten, hatten Sie die Güte, uns auszufordern, Ihnen in einiger Zeit über das Thema unserer damaligen Unterredung zu schreiben. Und so erlaube ich mir heute, von der mir so gütig gewährten Erlaubnis Gebrauch machen. Es ist zwecklos, bei den Einzelheiten der schrecklichen Judenmassakers in Rußland länger zu verweilen, denn diese Einzelheiten sind Ihnen ja besser bekannt als mir. Ew. Exzellenz werden sich wohl daran erinnern, daß ich damals die Meinung äußerte, daß wenn diejenigen, die so mutwillig die Juden verfolgt, bei den Mordtaten geholfen oder zu diesen sogar aufgereizt haben, schnell und gerecht bestraft worden wären, dies eine solche Warnung für die anderen gewesen wäre und eine so deutliche Stellung der Regierung zur Sache, daß sie wohl hin- | gereicht hätte, der Wiederholung solcher Schrecken in vollem Maße! vorzubeugen. Daß wir aber von keinen strengen Maßnahmen zur * Bestrafung dieser Verbrechen gelesen haben, mag wohl darin seinen Grund haben, daß vielleicht die Regierung die Pflicht außer acht gelassen hat, bie, Bewegung im Keime zu unterdrücken, oder darin, daß die Presse nur unzulängliche Informationen über die Angelegenheit erhalten konnte. Aber was cutcfj die Ursache sein mag, die Tatsache hat eine allgemeine Besorgnis in unserem Lande hervorgerufen, daß die Massakers gegen die Juden in Rußland sich wiederholen könnten, und es herrscht überwiegend die Ansicht, daß das Leben der Juden in diesem großen Reiche keine Sicherheit biete. Als das Resultat dieser immer mehr sich verbreitenden Anschauung, daß Leben und Eigentum der Juden schutzlos seien in dem Lande, wo ihre Ahnen seit Generationen gelebt haben und in dem Ew. Exzellenz Premierminister sind, wurde eine wichtige Maßregel ernstlich in Erwägung gezogen: ob man es mit dem Gesetz vereinbaren könnte, die Juden ganz, oder soweit es ausführbar ist, aus Rußland wegzubringen und sie in Länder überzuführen, wo ihnen die Möglichkeit geboten ist eines natürlichen Todes zu sterben. Wenn die Pläne einer solchen Bewegung sich in Taten umsetzen werden, wird die Gesellschaft, deren Präsident ich bin, sehr aktiven Anteil darannehmen. Ueber die ungeheure Tragweite dieses Schrittes sind wir uns ganz klar, und er wird natürlich unsere letzte Zuflucht sein. Ich nehme mir deshalb die Freiheit, mich an Sie um die Informationen zu wenden, von welchen unsere Aktion abhängen wird, wenn es Ew. Exzellenz richtig erscheint, daß uns solche gegeben werden, und zwar sind es die folgenden: Ist jetzt, wo es scheint, daß die Regierung den Frieden im Lande hergestellt hat, diese auch in der Lage, das Leben und Eigentum der Juden so zu schützen wie das der Christen und jene Beamten zu bestrafen, die ihre Pflicht verabsäumt haben, indem sie es unterlassen haben, Maßregeln zum Schutz der Juden zu ergreifen und künftige Massakers zu verhindern? Ich wüßte nicht, bei der Frage, die ich mir zu stellen erlaubte, irgend etwas Beleidigendes gegen Ew. Exzellenz getan zu haben; denn es ist doch selbstverständlich, daß es in den Intentionen jeder Negierung liegt, alle ihre Bürger zu schützen. Meine Entschuldigung für diese Anfrage ist die Tatsache, daß die.-Judenmassakers in Ihrem Lande stattgesunden haben und jetzt Berichte in die hiesigen Zeitungen kommen, daß man den Ausbruch der größten Massakers, die je die Welt gesehen hat, für die bevorstehende Osterzeit erwarte, und daß allgemein die Meinung verbreitet ist, daß die Regierung nicht in der Lage sei, ihren kräftigen Arm zum Schutz der Juden zu erheben, daß also die Juden in Rußland dem Verderben preisgegeben seien. Ich habe die Ehre in Hochachtung zu verbleiben Adolf Kraus, Präsident des Exekutivkomitees des U. O. Bnai Brith. Auf dieses würdige und mannhafte Schreiben "erfolgte eine telegraphische Antwort im echt russischen Diplomatenstil— nicht kalt und nicht warm, etwa so wie die Depeschen des Grafen Lambsdorff über Algeciras, folgenden Inhalts: „Ich bin sicher, daß Sie nicht bezweifelt haben, daß ich Gewalttaten nicht billigen kann, gleichviel gegen wen diese gerichtet sind. Die beklagenswerten Ereignisse, welche stattgefunden haben, waren das Resultat der Unruhen. Sie können überzeugt sein, daß die Regierung alle möglichen Maßnahmen ergreifen wird, um allen Grausamkeiten gegen friedliche Bürger, ohne Rücksicht darauf, welcher Nationalität sie angehören, vorzubeugen. Gras Witte." Mnvrnwelm und Mmdenkürlorge. Von Dr. Ludwig Cohn-Berlin. Nr. 43 dieses Blattes brachte Herr Dr. W. Feilchenfeld-Charlottenburg eine Notiz über eine zu begründende israelitische Blindenanstalt für das deutsche Reich, mit der Bemerkung, daß ein solches Institut wohl für Oesterreich-Ungarn, nicht aber für unser Vaterland bestehe. Leider sind die Arbeiten der zur Erledigung der Vorfragen eingesetzten Kommission, welcher mit anzugehören ich die Ehre habe, insofern erfolglos gewesen, als die Gründung des Instituts bis auf weiteres vertagt werden mußte, weil augenblicklich die erforderlichen Mittel nicht aufzubringen waren. Erfolgreich aber war die Arbeit der Kommission dadurch, daß zum erstenmal eine möglichst exakte Erhebung über den Stand des Blindenwesens im deutschen Judentum bewirkt wurde, deren Ergebnis die bereits vermutete Notwendigkeit von der Gründung einer j israelitischen Blindenanstalt für das deutsche Reich als drinj gendes Bedürfnis erscheinen läßt. j Es sei mir gestattet, über das Blindenwesen und die j Blindenfürsorge im allgemeinen im Anschluß an die geplante Gründung an dieser Stelle als Sachkenner interessante Einzelheiten mitzuteilen, und zwar lediglich um der Sache selbst willen; denn im großen Publikum herrscht kaum über uoch ein Gebiet eine so geringe Kenntnis, wie über das Blindenwesen. Es ist unbedingt wichtig und für das ganze spätere Leben des Betroffenen von grundlegender Bedeutung, daß ein blindes Kind so früh wie möglich einer Anstalt zngeführt und in zweckmäßiger Weise erzogen und ansgebildet wird. Im elterlichen Hause ist dies, deshalb nicht recht nröglich, weil blinde Kinder erfahrungsgemäß stark zum Eigensinn neigen, und dieser Eigensinn artet allzuleicht durch übergroße Nachsicht und fälschliche Rücksichtnahme auf den physischen Zustand des Kindes in Boshaftigkeit und sonstige Ungezogenheit aus. Das blinde Kind muß mit anderen blinden Kindern zusammen sein, es muß ihm eine große Handfertigkeit, Gewandtheit und Sicherheit anerzogen werden, und das ist nur in einer Anstalt zu erzielen, wo eben alles danach eingerichtet, wo die ganze Lebensart daraufhin zugeschnitten ist.