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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1906-04-06 · Heft 14 (6.4.1906) · p. Seite 159

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
70 (1906)
Issue
Heft 14 (6.4.1906)
Date
1906-04-06
Page
Seite 159 (sequence 3)
Language
German
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ItV ' '' ' '• ■ - . t; ' . - - , . Berlin, -l. April. I^s ist mehr als bedauerlich, daß bei der Debatte über die Ostmarkenpolitik im Abgeo rd neten,Hause am 28. und 29. v. M. nicht mehr auf die Lage der Juden in der Provinz Posen eingegangen wurde. Es wäredas nach unserer Auffafsung Sache der jüdischen Abgeordneten aus dieser Provinz gewesen. Man muß dem Abg. Kindler dankbar dafür sein, daß er die Frage jedenfalls in sehr energischer Weise angeschnitten hat. Er sagte u. a.: . , „Der Antisemitismus, die Schmach des Jahrhunderts, grassiert bis in die höchsten Regierungskreise. Ein eingewanderter Deutscher aus Wien, der kein Wort polnisch konnte, wurde ausgewiesen. Wohlhabende jüdische Familien aus Rußland, die sicherlich niemandem zur Last gefallen wären, müßten wenigstens die Provinzen Posen und Westpreußen auf Grund einer allgemeinen ministeriellen Verfügung verlassen, während sie in änderen Provinzen ruhig und unbehelligt leben dursten. Ist das vielleicht der Dank an Rußland für Algeciras? (Heiterkeit links, Unruhe rechts.)" In der folgenden Sitzung berührte auch der Abg. Peltasohn kurz die Angelegenheit, indem er bemerkte: „Es kann den Gewerbetreibenden nicht verdacht werden, wenn sie aus den Städten, namentlich aus den kleineren, abwandern, da ihre Existenzmöglichkeit dort gefährdet ist. Namentlich wandert die jüdische Bevölkerung aus, weil sie nicht mehr die Existenzmöglichkeit hat. Von der Zentralinstanz sind ja mehrfache Zusagen zur Besserung der Verhältnisse gemacht, aber nicht gehalten worden." Doch kann sich der letztere Paffus nicht auf die Stellung zu den Juden beziehen. Denn auch dieser Abgeordnete mußte über „das Vorherrschen des Klaffengeistes und des Beamtengeistes" Klage führen. Selbst der freikonservative Abgeordnete v. Zedlitz fand Worte der Rüge für die Behandlung der Juden. Er führte aus: „Immerhin sollte man nach sorgfältiger Abwägung darin nicht so weit gehen, daß die freie Erwerbstätigkeit der christlichen wie auch der jüdischen Gewerbetreibenden dadurch unmöglich gemacht wird." Und das will viel sagen. Vom Regierungstische ist man auf diese Anregungen leider nicht eingegangen, es sei denn, daß man in den Worten des Ministers v. Podbielski: „Die Anschauungen des Abgeordneten Freiherrn v. Zedlitz entsprechen voll und ganz den meinigen. Mit einer Summe von Ruhe werden wir besser vieles überwinden," eine Anerkennung der Tatsache findet, daß man durch eine kurzsichtige Politik gegen die Juden andauernd die Richtung des Besitzwechsels vom Deutschtum zum Polentum geradezu fördere. Diese Mahnung sollte vor allem in den Kreisen der Provinz Posen beherzigt werden, die im Gegensätze zu den maßgebenden Faktoren, welche Juden sogar den Adel verleihen, weil sie für die Ostmarkenpolitik Erhebliches geleistet haben, die jüdische Bevölkerung der Provinz, die einen ansehnlichen und wichtigen Teil des deutschen Elementes bilden, in jeder Weise zurücksetzen. Im Herrenhause hat es nichtsdestoweniger Herr Dr. v. Burgsdorff für gut befunden, die alte, abgebrauchte und längst widerlegte Phrase zu wiederholen: „Das internationale Judentum hat an die deutsche Sozialdemokratie das Ferment der Dekomposition der Völker abgegeben." Man weiß, wie Mommsen selbst später über diese einst in die Welt geschleuderte Phrase gedacht. Eine wirksame Antwort hat unmittelbar darauf Fürst Hatzfeld gegeben, indem er im Gegen- >atz zu seinem Vorredner einen Appell zum Zusammenschluß aller bürgerlichen Elemente an das Haus richtete. - * r Ein vernichtendes Urteil über den A n t i s e mit i S m u s finden -wir in einem ^- antisemitischen Blatte, nämlich der „Hessischen -Rundschau", dem Organ der hessischen Reformpartei. In einer Polemik gegen ein Berliner Antisemitenblatt heißt es: „Eine bloß negierende Bewegung ist eben auf die Dauer undenkbar. Wer lediglich die Judenfrage lösen will und an allen großen Menschheitsfragen vorbeisieht, der fällt seiner Borniertheit bald zum Opfer. Kommt dazu noch die Verkuppelung dieser Frage mit allen möglichen reaktionären und hochkonservativen Interessen, für welche die Stöckerianer und Liebermänner als Breinser und Rangierer tätig waren und sind, so kann es nicht verwundern, daß die breiten Schichten des Volkes bald von dieser Richtung genug hatten." Wir haben dieser treffenden Charakteristik nichts hinzuzusügen. •t1 Geradezu blitzartig wird die Situation der Juden in Rußland durch die folgende offiziöse Depesche aus Petersburg beleuchtet: „Petersburg. 28. März. (Petersb. Tel.-Ag.) Der Senat beschloß, den Präfekten von Odessa, Neidhardt, von der Verantwortlichkeit für die dort vorgekommenen Unruhen sreizusprechen und dem Unterrichtsminister Mitteilung zu machen von dem Verhalten des Rektors der Universität Odessa, der gegen Neidhardt als Zeuge aufgetreten war. Ferner hat der Senat beschlossen, auch den Gouverneur von Minsk, Kurlow, von Verantwortung sreizusprechen und dem Justizminister von dem inkorrekten Verhalten der Staatsanwaltschaft gegen Kurlow Mitteilung zu machen. Man weiß, welchen Beinamen Herr Neidhardt in Odessa nach den letzten Judenkrawallen erhalten. Und auch, tvas Herr Kurlow in Minsk geleistet hat, ist noch in traurigster Erinnerung. Nun sind die beiden Herren glänzend rehabilitiert und ihre Ankläger haben Vorwürfeerhalten. Der Minister Durnowo hat selbst im Senat für die beiden Herren plädiert; er meinte, was solch hohe Beamte tun, geschehe im Austrage der Regierung. Also auch die Progrome? Da kann man sich denn wahrhaftig nicht darüber wundern, daß überall Judenhetzen befürchtet werden. Aus Kamenec weiß die „Petersb. Tel.-Agent." zu melden: „Gestützt auf ihre große numerische lleberlegenheit im Kongreß der Städte bemühen sich die jüdischen Wähler, nur ihre jüdischen Kandidaten durchzubringen. Die christliche Bevölkerung ist sehr erregt, die Lage bedrohlich, es sind Maßnahmen getroffen worden, um Judenhetzen zu verhindern. In Kamenec, Balta und Nemirow befinden sich einige Sotnien Kosaken, in anderen Städten und Wahlorten sind die Polizeiwachen verstärkt. In Kamenec ist die Lage noch verwickelter dadurch, daß die Bevölkerung gegen die Juden deshalb erbittert ist, weil diese kürzlich auf dem Wege, den der Gouverneur nahm, eine Petarde zum Platzen gebracht haben sollen." Die grenzenlose Naivität des Schlußsatzes braucht nicht weiter beleuchtet zu werden. „Die Juden" haben dem Gouverneur eine Petarde in den Weg gelegt! Wer das glaubt, der müßte allerdings noch dümmer sein als die Leute, die solche Tatarenbotschaften in die Welt schicken. * Die Befürchtung, daß die Konferenz in Algeciras zu Ende gehen werde, ohne daß der unglücklichen Juden in Marokko gedacht würde, hat sich leider in ihrem vollen Umfange als nur zu berechtigt erwiesen. Die Hoffnungen, die man von jüdischer Seite auf das Eintreten einzelner Mächte und die Versprechungen einzelner Diplomaten setzte, sind so gut wie zu Wasser geworden. In letzter Stunde haben allerdings bei der Abfassung des Protokolls einige Delegierte gewiffen Wünschen Ausdruck gegeben, so der Amerikaner White zugunsten eines wirksamen Schutzes der marokkanischen Juden.

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