Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 70 (1906)
- Issue
- Heft 14 (6.4.1906)
- Date
- 1906-04-06
- Page
- Seite 158 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Konsequenz beweist sie, daß unglückliche Kriege und imvere Zerrüttung die bestehenden Unrechtsverhältnisse auflöfen, -chre Unhaltbarkeit bezeugen und bisher untergeordneten Volksschichten Geltung verschaffen. Man Prüfe die innere- Entwicklung der Nationen, und auf allen Linien gelegen wir zum Resultat, daß die Siege des herrschenden Regimes zu sozialem Rückschritt, ihre Niederlagen zum Fortschritte führen, indem die am Ruder sich befindende Klasse im ersten Fälle an Autorität gewinnt, im zweiten Einbuße erleidet und einen Teil ihrer Macht an Elemente' abgeben muß, die sie bis dahin von der Gewalt fernzuhalten verstanden hat. Ebenso ist die Aufdeckung der Korruption in der Verwaltung in der Gesellschaft jene soziale Konstellation, die Anlaß und Anstoß wird zur Befreiung der Minderheiten. Der Hinweis auf Rußland spricht laut genug. Mag es auch der Bureaukratie momentan gelungen sein, die Faust abermals auf den Nacken der Unterjochten zu legen, sie wird und muß schließlich doch zusammenbrechen. Auch hierin ist der Auszug unserer Ahnen geradezu typisch. Auch da waren es unglückliche Feldzüge, welche die Aufmerksamkeit der Tyrannen von Israel abgelenkt haben, auch da ist es innere Fäulnis gewesen, symbolisch in den zehn Plagen angedeutet, die den Geknechteten die Rettung ermöglicht hat. „Darum sprich zu den Kindern Israel. Ich bin der Herr! Und i ch habe euch hervorgezogen unter den Lastarbeiten Aegyptens, und ich habe euch errettet aus ihrer Sklaverei, und erlöst habe ich euch mit aus gestrecktem Arm" — durch Krieg und Niederlage — „und mit großen Richtsprüchen" — durch innere Verwahrlosung des Landes. Die „liberale Weltauffassung" des verflossenen Jahrhunderts, was war sie anderes, als die nach bösen Kriegen und innerer Zerfahrenheit gewonnene Einsicht, das Wohl des Staates nur durch Heranziehung der Gesamtbevölkerung — also auch der Juden — sichern, heben und fördern zu können? Ist daher die Emanzipation der Juden nicht eine geschichtliche Notwendigkeit gewesen, etwas organisch Gewordenes? Ob eine Minorität die erworbene Freiheit verdient und dauernd behält, hängt also unmöglich von der Art ab, wie sie dieselbe erwirbt, denn sie erhält sie immer nur mit Hilfe anderer Faktoren, sondern lediglich davon, ob sie den durch ihre Einreihung in die führenden Klaffen von der Geschichte ihr gestellten Zweck, die innere und äußere Prosperität des Landes zu vergrößern, erfüllt oder nicht. Denn wahre Freiheit fordert, daß derjenige, dem sie zuteil wird, sich durch sie zu höherer geistiger und sittlicher Kraft und Betätigung aufschwinge zum Wohle des Ganzen. Freiheit, nur um die Ellbogen besser rühren zu können, hat nicht viel auf sich; frei sein, um geistig und sittlich mehr zu werden, für Vaterland und Menschheit etwas zu leisten, das nennen wir verdiente Freiheit. Eine Minderheit, die beweisen kann, daß sie das getan, verdient sie, unbekümmert, ob ihr dazu Kanonen oder Klugheit verholfen haben. Wie wunderbar, daß Moses und Propheten, Weise und Lehrer eine Verbindung hergestellt haben zwischen Auszug und Offenbarung, daß sich der Gedanke wie ein roter Faden durch unsere ganze Literatur verfolgen läßt: „Darum habe ich euch aus Aegypten befreit, damit ihr meine Gottheit auf euch nehmet", oder, wie es der von uns angezogene Vers sagt: „Und erlöst habe ich euch mit ausgestrecktem Arm und großen Richtsprüchen und habe euch mir zum Volke genommen." Da heißt es nun die Geschichte der letzten 50 Jahre prüfen, objektiv prüfen, um zu wiffen, ob die jüdische Minderheit ihre erworbene Freiheit verdiene oder nicht. Sind jene Länder, die den Juden die Emanzipation gewährt haben, im verfloffenen halben Jahrhundertnicht gewaltig vorwärtgßouMttß -^Mnd wir nicht dabei gewesen, als das einig, Deutschland geschmiedet wurde? Ist 1866 und 1870 mcht aud unserer Männer Blut gefloffen? Hat. seit unserer Befreiun, der allgemeine Wohlstand Nicht zugenommerß ist das.sittlich, Verantwortungsgefühl nicht größer geworden? Vtldung uni Gesittung/ find sie Mcht tiefer gedrungen? Gesundheitspfleg, und allgemeine Hygiene können nahezu Gemeingüt genanw werden; Wiffenschast und Kunst, Freude an der Natur und dem Schönen ist in jeder Bürgerfamllie zu Hause. Wir sind weit davon entfernt, diesen glücklichen Fortschritt der Menschheit uns zum Verdienste anzurechnen, aber daß wir dazu redlich und rechtschaffen beigetragen haben, wollen wir stol? bekennen. Man frage die Städte, die Juden ab und zu ein Ehrenamt übertragen, ob diese Juden nicht tatkräftig und selbstlos, ja außergewöhnlich selbstlos arbeiten, man frage Vereine, Behörden und Verwaltungen, wer sich mit seltener Großzügigkeit an allem beteiligt. In den letzten Jahrzehnten hat es keine edle kulturelle und humanitäre Sache gegeben, bei der nicht Juden weit über ihren Prozentsatz mitgewirkt hätten. Man durchforsche das Erwerbsleben, Handel und Industrie, Gewerbe und Kunst, Wissenschaft und Belletristik Technik und Chemie, Politik und soziale Tätigkeit, überall stehen Juden im vordersten Treffen, selbstlos und hingebungsvoll, opferfreudig und begeistert. Und wir verdienten die Freiheit nicht, weil wir unserelKöpse nicht wund schlagen ließen, weil wir sie so gewonnen haben, wie sie seit undenklichen Zeiten jede konfessionelle und politische Minderheit gewonnen hat? Darum aber auch furchtlos in die Zukunst blicken! Daß Junkertum und Kirche alles daran setzen, ihre alte Macht wieder zu gewinnen, wer verstände das nicht? Auch die Polen träumen von der Wiederherstellung ihres Reiches, das sie selbst vernichtet haben. Alle jene, die in dem modernen Staatsgetriebe die führende Rolle verloren haben und fürchten, noch tiefer zu sinken, laffen kein Mittel unversucht, um sich zu erhalten. Daß sie hierin der schwächsten Minderheit, die in der neuen Zeit erstarkt ist, an den Leib rücken, ist erbärmlich aber — menschlich. Je mehr aber diese Minderheit bei ihrer großen Pflichterfüllung beharrt, die ihr die gewonnene Frei heit auferlegt, je mehr wir Juden dem Wohle der Gesamttzei uns weihen, um so weniger wird es der brutalen Gewal gelingen, uns der Freiheit zu berauben. Hätten wir bis jetz nicht so viel schon geleistet, der Sturm hätte uns ärger gezaust Gewiß, je roher, je materieller die Majorität wird, um f, geneigter wird sie sein, unsere Verdienste um das Vaterlani zu mißachten. Aber von allzu langer Dauer wird diese Ver kennung des eigenen Wohles nicht sein: kein Volk sägt de> Ast ab, auf welchem es fitzt. Aus der Verwirrung erhebt ftd der Geist und wird es uns einst danken, daß wir den Pflichtei unserer Freiheit treu geblieben find. Suchen wir uns nich selbstquälerisch zu verkleinern, und keiner soll sich und uns di> Freude an unserer Freiheit und das Bewußtsein unsere Rechtes verringern und schmälern. Wir haben diese kostbarer Güter durch treue Arbeit ehrlich verdient. Wie in früherer Tagen das jüdische Freiheitsfest, das Passah, neue Schwung kraft und frischen Mut unseren Voreltern gab, so sei es auci heute ein Fest der befriedigten Rückschau und hoffnungs freudiger Zuversicht für ganz Israel.