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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1906-04-06 · Heft 14 (6.4.1906) · page 1

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
70 (1906)
Issue
Heft 14 (6.4.1906)
Date
1906-04-06
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Ein unparteiisches Organ für alles, jüdische Interesse. Berits. 6. LM119V6. 79. FMrßML» ^o. 14> Dies? Zeitung erscheint wöchentlich. Ä bp'n n e m e ri ts - pr eis: durch Buchhandel oder Post (in Berlin u. vorcrten durch unsere vertriebsstellcn) b zogen vierteh'ährl. 3 M. Re-a kt cu r: Gustav Rarzpeles^ Begründet von Rabbiner D»- Ludwig Philipj-son. Terlags-Expedition: Berlin, Jernsalemerstr. 46/49. Alle Zusendungen für Redaktion und Expedition sind an die Adresse Verlag-der „Allgem Zeitung des Zudentums", Berlin SW., Jerusalemer Srraße HL/49, -zu richten. Verlag von Rudolf rnofse, Berlin. Anlrre jfrnhnt. Berlin, 5. April. HI ir hätten sie also nicht verdient, die Freiheit und Gleichberechtigung, auf die wir immer so stolz waren als auf unser ureigenstes Werk, denn, so sprach vor nicht allzulanger Zeit unserer Besten einer, sie ist unseren Vätern „mehr als eine Frucht liberaler Weltauffassung in den Schoß gefallen, als daß sie dieselbe erkämpft und errungen haben". Und es dürfe uns nicht Wunder nehmen, wenn die Feinde von allen Seiten die Emanzipation den Kindern jener entziehen wollen, die sich dies erhabenste- Menschenrecht „erschlichen haben" — so denkt und sprach und schrieb sodann unserer Genanntesten einer. Beide sind auf der Suche nach tiefer liegenden Gründen für den modernen Judenhaß zu diesem Schluffe gekommen, der vielleicht bald jeden antisemitischen Katechismus zieren und von so manchen jungen Juden gedankenlos nachgesprochen wird. Weil nicht Blut und Eisen das Ferment unseres Bürgertums waren, weil wir gleichsam die politische und soziale Konjunktur ausgebeutet haben, um uns die Freiheit zu verschaffen, weil diese daher nicht organisch uns geworden sei, gehöre sie nicht zu den unveräußerlichen Schätzen unserer Kulturwelt! Hätten wir die Gleichheit mit dem Schwerte in der Hand erstürmt, sie wäre unversehrt geblieben. Ist das so richtig und wahr? Gewöhnlich befindet sich in Unfreiheit der Physisch und der Zahl Nach Schwächere. Allerdings gibt es Fälle, in denen die Masse, sonach die Majorität, von einer Minderheit beherrscht wird. Jedoch nur, wenn sie ihrer Unfreiheit sich noch nicht bewußt ist, infolgedessen auch kaum unfrei genannt werden kann, oder wo die Minorität derartige intellektuelle und materielle Machtmittel besitzt, daß sie die Majorität im Zaume zu halten fähig ist. In dem Augenblick aber, in welchem die Mehrheit ihre Unfreiheit erkennt und ihr die nötigen Kräfte )U Gebote stehen, sprengt sie ihre Fesseln und schwingt sich zur Herrschaft empor. So erstanden und entstehen die blutigen Freiheitskämpse der Nationen gegen die fie beherrschenden Minderheiten, die nur darum bis heute nicht volle Erfolge gezeitigt haben, weil die Menge noch immer in der traditionellen Bevormundung sich wohl fühlt und in derselben gern verbleibt. Wenn jedoch der physisch und der Zahl nach Schwächere, wenn eine Minderheit für sich allein den bewaffneten Kampf gegen die Mehrheit aufnimmt, ist ihr Schicksal bei aller Tapferkeit und Todesverachtung von vornherein entschieden : sie wird niedergerungen. Sie muß entweder mit den Freiheitsbestrebungen der Mafien sich identifizieren, in denselben aufgehen, um dann auch an ihren Errungenschaften teilzunehmen, oder in den Dienst jener sich stellen, welche die Herrschaft inne haben, oder sie muß leiden und warten. Auch Märtyrertum ist Kamps, auch Zurücksetzung unverdient ertragen, heißt kämpfen. Und wenn dann die Majorität oder die Machthaber, getragen von „liberaler Weltauffassnng", das Unrecht der Jahrhunderte gut machen und die Minderheit emanzipieren, ist das nicht errungene Freiheit? Doch schwärmen wir nicht. Wenn eine Minorität solange geduldig auf ihre Befreiung warten wollte, bis die Mehrhei? aus purem Idealismus sie reicht, könnte sie wohl bis an das Ende ihrer Tage warten. Wer die Macht hat, entäußert sich ihrer niemals freiwillig, sondern nur gezwungen. Ob eine nationale, eine konfessionelle Minderheit von der Massenströmung sich mitreißen läßt, oder geduldig leidet und wartet, in beiden Fällen ist sie angewiesen auf die Ausnutzung der politischen und sozialen Konstellation. Einen anderen Weg gibt es eben für sie nicht. Haben vielleicht die Katholiken in England, die Protestanten in Frankreich und Oesterreich ihre Gleichberechtigung anders erfochten? Sie haben gelitten, geduldet, haben sich den Massen angeschloffen und den rechten Augenblick abgewartet, der auch sie zum heißersehnten Ziele gebracht hat. Und wie hat das große Zentrum in Deutschland, wie haben die Katholiken Preußens ihre Größe gewonnen? Mit dem Schwerte in der Hand? Nein! Ihre kluge, berechnende, den Zeitpunkt richtig erfassende Politik hat ihnen die Machtfülle verschafft. Wer zollte nicht unseren Glaubensbrüdern in Rußland die verdiente Bewunderung ob des kriegerischen Mannesmutes, mit dem sie ihr Joch abschütteln wollten? Weil sie aber scheinbar im Kampfe schließlich isoliert geblieben sind, können sie auf einen Sieg nicht rechnen. Es ist einfach ein Naturgesetz, daß jede Minderheit auf Hilfe von außen her warten muß, um sich durch moralischen Zwang oder politischen Druck die Freiheit zu erobern. Wie lehrreich, daß schon der Auszug unserer Vorfahren aus Aegypten als in dieser Weise vollzogen von der Bibel dargestellt wird: „Darum sage den Kindern Israel: Ich bin der Herr! Und i ch habe euch hervorgezogen unter den Lastarbeiten Aegyptens und ich habe euch errettet aus ihrer Sklaverei (Exodus 6, 6)." Israel selbst, für sich allein, hat sich die Freiheit nicht erkämpft und nicht erkämpfen können; von außen her kam die Erlösung; Israel durfte nur nicht blind sein für die Gelegenheit, die sich ihm bot. Welches diese politischen und sozialen Konstellationen sind, die Mehrheit oder Regierende zur Nachgiebigkeit drängen, darüber belehrt uns die Weltgeschichte. Mit staunenswerter

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