Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 70 (1906)
- Issue
- Heft 13 (30.3.1906)
- Date
- 1906-03-30
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
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70. Jahrgang. No. 18. > Berlin, 30. März 1906 Drilage zur „Allgemeinen Leitung drK Judentums". Sorrrlpanvm?m und Aschrichtrn. Deutschland. 8. Berlin, 23. März. Der letzte der drei populärwissenschaftlichen Unterhaltungsabende des „Vereins für jüdische Geschichte und Literatur" wurde von dem bekannten Literaturhistoriker Dr. Ho üben durch einen interessanten Vortrag über den Salon der Rahel und dessen Bedeutung für das deutsche Geistesleben eingeleitet. Wenn wir auch über die Stellung der Rahel zum Judentum anderer Ansicht sind wie der Vortragende, so müssen wir doch anerkennen, daß er dieses Thema mit voller Objektivität und genauer Sachkenntnis behandelt hat. Den Zweiten Vortrag hielt Herr Dr. Leopold Hirschberg über Karl Loewes Kompositionen biblischer Stoffe. Nächst Händel hat Karl Loewe die meisten biblischen Stoffe von allen Tondichtern komponiert, und zwar vier Hefte hebräischer Gesänge, Gesichte und Balladen nach Texten von Lord Byron, darunter die großen Balladen: Saul und Samuel, Sanheribs Niederlage, Belsazar, Herodes Klage um Mariamne; die lyrischen Gesänge: Tränen und Lächeln, An den Wassern zu Babel, Jevhthas Tochter. Die Kompositionen dieser trüben Gesänge wurden durch den Tod der Gattin veranlaßt. Ferner die Ballade „Nebo" von Freiligrath, 9 Psalmen, 4 Oratorien: a) Zerstörung Jerusalems, b) Die eherne Schlange ln. d. 4. B. Moses), e) Hiob (Stimme des Herrn im Gewitter, gesungen), <1) Das Hohelied Salomonis (Teile gesungen). Fünf dieser Balladen hat Herr Dr. Hirschberg mit einer Feinheit und Innigkeit zum Vortrag gebracht, die allgemeinen lebhaften Beifall fand. Seine Interpretation des Tondichters geht aus tiefem sympathischen Verständnis hervor und darin liegt ihre bezwingende Macht. Der Vortrag fand rauschenden Beifall. — Aus den auswärtigen Literaturvereinen: In Elbing sprach Tr. Vogelstein-Königsberg über „Die Juden in Rom zur Zeit Dantes", Dr. Rosenthal-Pr.-Stargard über „Drei Rätselbücher der Menschheit" lFaust, Koheleth, Hamlet), Oberkantor Birnbaum-Königsberg über „Was und wie sangen unsere Altvordern", mit praktischen Darbietungen. Die Klavierbegleitung hatte Herr Musikdirektor R a h l w e s übernommen. Irr Strasburg (Westpreußen) las Dr. Poritzky-Berlin „Eigene Dichtungen", in Danzig sprach Dr. El bogen-Berlin über „Die Teilnahme der Juden Italiens an den Bestrebungen der Renaissance", in Graudenz Geh.-Sanitätsrat Dr. Wolfs über „Ein Gang durch die jüdische Geschichte" und Dr. Löv y über „Heinrich Heine und das Judentum", in Lautenburg Dr. Guttmann-Culm über „Das jüdische Weib", in Briefen Dr. Poritzky-Berlin über „Maxim Gorki", in Culm Rechtsanwalt Blumenthal über „Gabriel Rießer", in Tuchel Dr. Nordheimer-Schwetz über „Das Kaddischgebet", Dr. Poritzky-Berlin über „Gorki", in Schwetz Rechtsanwalt Blumenthal-Culm über „Die Juden im Sprichwort", Dr. Poritzky-Berlin über „Maxim Gorki", Rechtsanwalt Hirsch über „Die Psalmen", Kaufmann Adolf Bukofzer-Danzig über „Moderne Frauenbewegung und jüdische Frau", Rechtsanwalt Aronsoh n-Bromberg über „Eduard Lasker", in Bromberg Dr. Guttmann-Culm über „Schopenhauer und sein Verhältnis zum Judentum", in Rakel Referendar M. Cronheim über „Gabriel Rießer", in Filehne Lehrer Lewin-Schneidemühl über „Das Chazarenreich" und Dr. Nordheimer-Sckwetz über „Optimismus und Pessimismus im Judentum", in Beuthen Dr. Guttmann Culm über „Judentum und Toleranz", in Lissa Dr. Bäck-Oppeln über „Das babylonische Exil", in Bernstadt S. Laquenr-Breslau über „Adolphe Cremient". und Prediger Wolfgang über „Die Bedeutung deS Segens" und über „DieSabbatarier", in Magdeburg Dr. M. Spanier über „Jüdische Sittenlehren und Sittenlehrer", in Cöthen Herr Albert Katz über „Christen und Juden als Förderer der hebräischen Sprache und Literatur", in Hattingen Dr. Samuel-Essen über die „Charakteristik der jüdischen Religion", in Köln Herr A. M. Epstein-Elberfeld über „Die Geschichte der russischen Judengesetze", in Frankfurt a. M. Dr. M. Doctor- Bruchsal über „Die Musik bei den alten Hebräern", in Nürnberg Kantor Th. Frankel über „Sulzer und die synagogalen Melodien". s. Berlin, 26. März-IJnfolge der ungünstigen politischen und wirtschaftlichen Verhältnisse in Rußland und' Rumänien ist in den letzten Jahren bekanntlich eine ständige jüdische Auswanderung ans diesen Ländern im Gange, die zuletzt pro Jahr eine Ziffer von etwa 100000 Seelen erreichte. In den meisten Fällen war das Ziel dieser Auswanderung die Vereinigten Staaten von Nordamerika, und unter diesen in erster Reihe Newyork und die östlichen Staaten der Union. Seit längerer Zeit sind daher Bestrebungen im Gange, einen größeren Teil dieser Auswanderer nach anderen Gegenden abzulenken. In Newyork arbeitet seit einigen Jahren ein jüdisches Komitee in diesem Sinne. Unter diesen Umständen ist es im Interesse der durch die bekannten Zustände im Zarenreiche zur Auswanderung gezwungenen russischen Juden dringend, geboten, neue Einwanderungsmöglichkeiten für diese zu schaffen; als solche kämen in erster Reihe in Betracht die Südstaaten der Union, sodann aber auch einige Staaten des gemäßigten Südamerika. In voller Würdigung dieser Sachlage hat sich hier ein Komitee gebildet, dem unter anderem angehören: die Herren Direktor Oskar Oliven, Dr. Alfred Klee, Chefredakteur Dr. I. Landau, Professor Dr. Otto Marburg, Dr. Hildesheimer, Redakteur I. Wiener, Dr. Sobernheim, Rabbiner Dr. Rosenak in Bremen usw., das es sich zur Aufgabe gemacht hat, die zur Auswanderung entschlossenen Elemente in Osteuropa über die Verhältnisse in den neuen Einwanderungsgebieten zu informieren, und eine Anskunstsstelle für jüdische Auswanderer nach'den südlichen Ländern zu gründen, welche zuverlässig Anfragen beantwortet und durch die Presse informatorisch wirken will. Das Bureau soll die Auswanderung nicht fördern,"im Gegenteil alle diejenigen (vor der Auswanderung warnen, die sich nicht absolut hierfür eignen. Nur denjenigen sollen die Informationen dienen, die vermöge ihres Berufes und ihrer Intelligenz als Landwirte, Handwerker, qualifizierte Arbeiter rc. sich für diese Länder eignen und von denen anzunehmen ist, daß sie in ihrem Bestimmungslands sich leicht eine Existenz werden gründen können. 8. Berlin, 25. März. Das der hauswirtschaftlichen Ausbildung unbemittelter jüdischer Mädchen und ihrer Vorbereitung für den Dienstbotenberuf dienende Jüdische Madchenstift unterhält nach seinem eben ausgegebenen 16. Jahresbericht in einem von der Hausmutter Frau Henriette Baer geleiteten Heim, Lothringerstrabe 16, 16 Zöglinge vollständig unentgeltlich. Im abgelaufenen Jahre sind sechs und im ganzen bisher 82 Mädchen dem Dienstbotenberuf zugeführt worden, unter diesen konnten bereits 14 für zwei- bis neunjährigen treuen Dienst bei derselben Herrschaft durch eine Prämie ausgezeichnet werden. Zur Fortführung seiner verdienstlichen Wirksamkeit bedarf das Stift, das bei einer Gesamtausgabe von 10164 Mk., d. h. 635 Mark pro Kopf, nur 9740 Mark zur Deckung derselben be" stimmte Einnahmen, also einen Fehlbetrag von 424 Mark aufweist, dringend einer Kräftigung und Sicherung seiner finanziellen Grundlage. Vorsitzende sind Direktor Dr. Strelitz und Frau Julie Nenrnann. Die Generalversammlung, zu welcher auch Gäste willkommen sind, findet Donnerstag, 29. d. M.,'^6 Uhr, Schadowstraße 6 statt. §££ Berlin, 26. März. Unter den Auspizien des Hilfsvereins für die jüdischen Taubstummen in Deutschland, der in der kurzen Zeit seines Bestehens schon überaus segensreich gewirkt hat, wird in nächster Zeit eine statistische Arbeit über die jüdischen Taubstummen im Deutschen Reich publiziert werden. Angesichts der überaus betrübenden Tatsache, daß die Juden fast dreimal soviel Taubstumme aufweisen als die christliche Bevölkerung Deutschlands, sollen die umfangreichsten Erhebungen, die bisher, auf jüdisch-sozialem Gebiete stattgefunden haben, ins Werk gesetzt werden. Zu diesem Zwecke ist von fachmännischer Seite ein Fragebogen entworfen worden, welcher als Basis für weitere wissenschaftliche und soziale