Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 70 (1906)
- Issue
- Heft 13 (30.3.1906)
- Date
- 1906-03-30
- Page
- Seite 155 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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NkSr so reichlich wie keinen anderen. Nötigte dann ein gutmütiges Mütterchen ans der Reihe der Hinterbliebenen: „Boshamer, ett en drinkt toch, tu mar!" (Boshamer, eßt und trinkt doch, nur zu!), dann lautete die Erwiderung zwar erst ein wenig genierlich: „Danke, dünke, Moder, ik heb den alles rnin Deel gehad" (Danke, danke, Mutter, ich habe von allem mein Teil gehabt) aber gleich darauf fragend: „Stonn dorachter niet geraspelde brödjes?" (steh'n dahinten nicht geraspelte Brötchen) und dann aß er noch eine Anzahl von diesen knusperigen Korinthenbrötchen und schlürfte ein Eimerchen Kaffee hinterdrein. Den Juden, bei welchen der Totenschmaus bekanntlich nicht vorkommt, verschaffte Boshamer sonst Gelegenheit, ihn zu bewirten. Am Neujahrsmorgen, dem ersten Januar, erhielten nämlich die jüdischen Haushaltungsvorstände fast ausnahmslos seinen Gratulationsbesuch, jedenfalls alle diejenigen, die aus diesem Anlaß sogenannte „Neujährchen" auf den Tisch brachten. Das ist ein Kuchengebäck aus dünngewalztem und zu Rollen geformtem Teig. Die eigentümliche Form nebst den darin eingepreßten Figuren bieten dem Nachdenklichen von selbst Stoff zu allerlei Betrachtungen. Nun mußte man es mit anhören und -schauen, wie erbaulich der Gratulant den Wechsel der Jahre, Zeit und Ewigkeit mit der „Runenschrift" dieser braunen Süßkruster in Verbindung zu bringen verstand und sich selbst mit ihnen. Wahrscheinlich ist sein stetes Philosophieren die Ursache gewesen, daß der gern und reichlich essende Mann so mager blieb. Leuten seines Schlages imponiert die Strenge des jüdischen Fastens nicht wenig. Sehr aufrichtig klangen aus seinem Munde daher die anteilnehmenden Worte, die er uns jungen Synagogenbesuchern am Spätnachmittag des Jom Kippur zuzuflüstern pflegte. Während er geräuschlos, Andacht in de» Zügen, das Anzünden der Lichter vorbereitete, suchte er uns mit dem Hinweis auf das Sinken des Tagesgestirns auf die nahende Erlösung und Belohnung^ unserer Enthaltsamkeit zu ermutigen. Hätte Boshamer jemals more judaico (nach jüdischem Brauch) gefastet, welch unvergleichlicher Leistung würde man von ihm erst beim „Anbeißen" fich haben versehen können! Nimmt man alles in allem, so hat selten jemand eine geeignetere Zielscheibe für die Pfeile des Spottes geboten, wie er. Gleichwohl wurde über diese immerhin komische Figur in Wirklichkeit nur gelächelt, nicht mehr. Das lag wohl darin, daß er bei Ausübung seiner vielen kirchlichen Aemter und Verrichtungen so ganz Ernst und Würde war, daß ein, sollen wir sagen geistlicher Hauch über ihn ausgebreitet zu sein schien. Einem nicht unbeglaubigten Gerücht zufolge besaß er sogar unter seinen katholischen Kirchengenossen weiblichen Geschlechts einige Verehrerinnen; das ist nicht einmal sonderlich auffällig, da es sich dabei wohl nur um mittelalterliche Frauengestalten gehandelt hat, für welche die Diener der Kirche, mögen sie nun oben oder unten auf der hierarchischen Leiter stehen, vielfach Gegenstand der Zuneigung sind — selbstredend in Züchten und Ehren. Im vorliegenden Falle würde dafür schon das wachsame Auge von Boshamers angetrauter Eheliebsten, wenn nicht seine eigenen festen Grundsätze, Bürgschaft geleistet haben. Eigentümlicher berührt es hingegen, zu vernehmen, daß auch eine Jüdin im Zauberbann unseres Helden gestanden hat. Fern von uns, zu sagen, es sei auch eine danach gewesen, weil die Betreffende ein nicht sehr zurechnungsfähiges älteres Mädchen war, das die jüdische Gemeinde vollständig unterhalten mußte. Wenn jene, wie erzählt ward, den leutseligen „Engel Gabriel" angeschwärmt und tatsächlich bei keinem Begräbnis, keiner Prozession, ja fast bei keinem Hochamt oder Messe, bei welcher er assistierte, gefehlt hat, so bildete all dies gewiß eine sonderbare Liebhaberei für ein Judenkind; es war indes vielleicht der einzige Lichtblick dieses ohne Zweifel freudenarmen Daseins. Sie hat ihrer himmlischen Liebe, etwas anderes schloß sich von selbst aus, jedenfalls Opfer zu bringen verstanden. Stundenlang hat man sie z. B. vor den Sterbehäusern ausharren sehen können, beladen mit Radmantel, Trauerliese und sonstigen Abzeichen ihres Freundes in seiner Eigenschaft als Leichenbitter. — Jetzt sind beide schon längst den: Irdischen entrückt. — Zeit und Menschen haben sich seitdem recht sehr geändert, und über die alte naive Anschauung, daß die katholischen und jüdischen Kirchenlichter sehr wohl von ein und derselben Hand angezündet werden können, ist man zur Tagesordnung übergegangen. Mit der ehemaligen Friedlichkeit und Gemütlichkeit des Verkehrs zwischen den verschiedenen Glaubensverwandten ist es auch in Rheinsicht, fürchten wir, auf lange Zeit vorbei. pn Moritz StrmlchneMer. Zum 90. Geburtstage. ie Bibel gibt dem Menschen siebzig Jahre, Als höchstes misset sie ihm achtzig zu; Sie weist ihn srüh auf jene dunkle Bahre, Sie schickt ihn zeitig hin zur ewigen Ruh. Du hast der „Siebzig" früh den Krieg erkläret;*) Der Zeugen viele brachtest Du herbei, Daß sie als echt sich nicht bewähret, Daß eine Zahl der Täuschung nur sie sei. Denn was Du lehrest, suchst Du zu erweisen: Dein Leben.selber setztest Du daran, Die Wahrheit Deiner Forschung zu beweisen, In Wahrheit stets ein ganzer Mann. — Du hast die Siebzig um vier Lustren übertroffen, Än Geist und Schaffen noch so frisch und klar, Daß froh wir staunen und mit Inbrunst hoffen: Du bleibst erhalten uns noch manches Jahr! A. G. *) Im Jahre 1850 veröffentlichte St. in der Zeitschrift der Deutschen Morgenländischen Gesellschaft (deren ältestes Mitglied er ist), Bd. 4, einen Artikel „Die kanonischen Zahlen 70—73", einen Nachtrag dazu 1903, Bd. 57. jEitrrarifdjr Mitteilungen. — Moritz Steinschneider: Die Geschichtsliteratur der Juden, in Druckwerken und Handschriften I. Abteilung: Bibliographie der hebräischen Schriften. Frankfurt a. M., Verlag von I. Kauffmann 1905. Die literarische Tätigkeit der Juden im Mittelalter umfaßte beinahe alle damals bekannten Wissensgebiete. Was nur irgendwie in Beziehung zum Judentum gebracht werden konnte — und oft auch, wenn es einer solchen Beziehung entbehrte — wurde aus fremden Literaturen mit Eifer herübergenommen, in einer den Juden eigentümlichen Weise verarbeitet und der Nationalliteratnr einverleibt. Verhältnismäßig am wenigsten jedoch widmeten sich die Juden dem Studium und der Bearbeitung der Geschichte. Mit Ausnahme einiger Gejchichtswerke (Scherira, Jbn David, Jbn Verga, Zacuto, Joseph ha-Kohen und etwas später David Gans und andere), von denen die ersteren mehr den Zweck hatten, die Verläßlichkeit der halachischen Tradition zu begründen, als bloß Geschichte zu schreiben, ist fast alles,. was die