Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1906-03-30 · Heft 13 (30.3.1906) · p. Seite 154

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
70 (1906)
Issue
Heft 13 (30.3.1906)
Date
1906-03-30
Page
Seite 154 (sequence 10)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
91% known words query
IRI
…/3224737-3228690-3228704--62502-3289651
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

auf uns selbst angewiesen sind und immer wieder auf uns selbst zurückgetrieben werden; läßt uns fühlen, daß wir in einer trüben Zeit der Reaktion leben, auf deren Hochstut ' lustig die Wimpel des Antisemitismus, des Chauvinismus und Rassedünkels flattern. . ' Die Zeiten sind vorüber für Deutschland, wo das Weltbürgertum der Gebrüder Humboldt, das Lebenswerk und die Kunst des herrlichen, großen Menschen Goethe, in dessen Verehrung ich einem Chamberlain nichts uachgebe, die Wissenschaft der Gebrüder Grimm das deutsche Geistesleben adelte und zum Symbol der edelsten und freiesten Menschheitsblüte gestaltete. Die Lage der Juden in allen Landen ist ein überaus feiner und empfindlicher Kulturpegel, der heute, einige wenige Länder ausgenommen, noch tief, zuweilen sehr tief steht. Das soll uns nicht abhalten, für unseren Teil mitzukämpfen und mitzuarbeiten, daß der Pegel wieder höher und höher steigt zum Wohle der Menschheit, znm Segen der Allgemeinheit. Trotz alledem und alledem möge ein jeder von uns, treu dem inneren Gebote und der Mahnung des großen Lessing, „seiner unbestochenen, von Vorurteilen freien Liebe" nacheifern. Die tausend, tausend Jahre sind ja immer noch nicht um, und so müssen wir die Kraft unseres Steines weiter erproben. >sS^€r-*te^sS=ss=ss. Brr lEngrl Gabriel. Eine Skizze nach dem Leben von Dr. I. Cosman s. A. mit seinem bürgerlichen Namen hieß er Boshainer, was auf seine Herkunft aus dem nahen Holland schließen läßt; witzige Freunde in der Stadt Rheinsicht sprachen es Boshainere aus, weil „ein bißchen Französisch" auch im Scherz „wunderschön klingt". Wie der Mann aber, der wirklich existiert hat, zu dem englischen Beinamen der Ueberschrift gekommen ist? . . . Ja, wie man zu dergleichen so kommt, — verdienter- oder unverdientermaßen — nicht oder wohl getroffen. Bei der Prägung eines paffenden Titels für ihn, wenn man so was überhaupt „passend" nennen darf, hat die Bank der Rheinsichter Spötter keine ungeschickte Hand bewiesen. Das mußte der Neid ihr lassen. Engel Gabriel, längstes, vielseitigstes und drolligstes Menschenkind, das je gelebt! Du selbst, weit davon entfernt, in dem Beinamen etwas Kränkendes zu finden, fühltest dich fast geehrt dadurch, zumal wenn deine kirchlichen Behörden oder Auftraggeber, sei es der hochwürdige Herr Pfarrer und die dilo Kapläne von der großen katholischen Kirche, oder der würdige Herr Parnes und der Chasan von der kleinen Synagoge, dich gemütlich „Engel Gabriel" benamseten. Das taten sie wohl bei guter Laune, sicherlich jedoch nur in dem Bewußtsein, Boshamer etwas Angenehmes zu sagen. Nur wenn die Laienwelt sich herausnahin, ihn mit Boshamtzre anzureden, konnte es einen Augenblick einem Vulkan gleich in ihm brodeln und kochen — aber auch nur einen Augenblick; nachher war er wieder, wie gewöhnlich, das. Abbild heiteren, ungetrübten Friedens. Der Schneiderberuf, dem er angehörte, übrigens auch eine sehr friedfertige Profession, ließ ihm erstaunlich viel Muße zu noch frommerer Betätigung in den Kirchen und für die Kirche. Er versäumte nicht leicht ein Hochamt oder eine Messe, einmal ohne Zweifel aus innerem Drang und dann auch, weil er als Ministrant dem Geistlichen oder dem Küster an die Hand ging. Man konnte ihn ferner als Leichenditter fungieren sehen, und. .zwar in dem unten näher, zu beschreibenden Ornat in Ansehung katholischer, ohne Ornat bei jüdischen Toten- Mehr nvch! Er zündete in Kirche wie Synagoge die Lichter an, vertrat von Zeit zu Zeit auch wohl den Schammes als „Anklopfer", d. i. „nach Schul-Rufer", ein Amt, das heutzutage, im Zeitalter der Elektrizität, so ziemlich aus der Mode gekommen ist. Was wollte dies aber alles besagen gegenüber seiner Hauptaktion und seinem Haupttag. dem Sonntag nach „Frohnleichnam", wenn er in der farbenreichen, feierlichen Prozession die silberne Taube-, das Symbol des Heiligen Geistes, durch die schöngeschmückten und nach Weihrauch duftenden Straßen der Stadt zu tragen hatte. O, wie er da nach außen im höchsten Glanz der Kirchlichkeit und zugleich vor innerlicher Befriedigung strahlte! Schalten wir an dieser Stelle noch ein, daß Boshamer körperlich zwar nichts weniger als ein Adonis war, jedoch hoch über das Mittelmaß hinaus, gleich einem Blitzableiter, in die Wolken ragte. Dieses Umstandes und seiner gewichtigen Obliegenheiten eingedenk, hätte er mit dem Motto zu Schillers „Glocke" sich rühmen können: vivos voco, ich rufe die Lebenden (in Schul'), mortuos plango, beklage (als Leichenbitter) die Gestorbenen, vulgura frango, breche (leite ab) die Blitze. Hat er aber das Zitat nicht auf sich angewendet, so fehlte ihm vermutlich der Sinn für den Humor seiner Aemterfülle. Hervortretende Backen-, Schulter- und Ellenbogenknochen, die dem hageren Mann eigentümlich waren, sowie einige weitere Schönheitsmängel wurden merkwürdig gut durch seine Amtstracht als Leichenbitter verdeckt. Ein herabwallender Radmantel von schwarzem Tuch und ärmellos, hüllte die Glieder ein, und ein mit ungeheuer breiter Krempe versehener niedriger Hut, gleichfalls von schwarzem Tuch, milderte schattenspendend die Schärfe der Gesichtszüge. Hinterwärts über den unermeßlich weiten Hutrand, wie über den Mantelrücken, floß ein meterlanger Trauerflor hernieder. „Heulliese" nannte der Volksmund diese Trauerhüte, wohl in Erinnerung an die Klageweiber, die von Alters dem Toten die letzte „Ehre" gaben. Als Träger des heiligen Geistes dagegen war unser würdiger Freund, d. h. sein Haupt, mit einem Zylinder angetan, dem er mit dem Schneidereisen vor jedesmaligem Gebrauch die Runzeln des Alters auszubügeln pflegte. Nur dieser hohe Hut nebst weißen baumwollenen Handschuhen, doch kein Radmantel oder sonstige Auszeichnung im Kostüm, stand ihm zu, wenn er, was selten vorkam, die Funktion eines jüdischen Leichenbitters zu erfüllen hatte. Der konfessionelle Unterschied mußte doch ersichtlich sein! Nicht nur in kleinen Städten hängt sich ein gewisser grausamer Humor gerade an solche triste Aemter wie das des Leichenbitters- und hat Bezeichnungen als „Unglücksbote", „Unheilskrähe" und dergleichen Lieblichkeiten, denen sich im diesseitigen Lager „Unglücksschammes" ebenwertig anschließt, für die Betreffenden bereit. Boshamer blieb nach dieser Richtung ansnahmsweise verschont, wahrscheinlich, weil bekannt war, daß er vor, bei und nach den Begräbnissen nicht müde wurde, die Leidtragenden, trotz des besten Pastors, zu trösten und ihnen den letzten Gang als Uebergang in die himmlische Seligkeit und als das höchste Glück ausznmalen. Zumal heim Totenmahl des Mittelstandes sparte er damit nicht und wirkte dadurch um so mehr auf das Gemüt der kleinen Leute, als seine Tröstungen im landesüblichen Plattdeutsch vorgetragen wurden. Man verhätschelte ihn bei Tisch und versah ihn mit Kaffee, allerlei Gebäck, Kuchen und dem obligaten süßen

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.