Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 70 (1906)
- Issue
- Heft 13 (30.3.1906)
- Date
- 1906-03-30
- Page
- Seite 153 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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lasse, macht aber, in der Praxis von den verworfenen wissenschaftlichen Hilfenanthropo/ogischer und linguistischer Natur, sehr ergiebigen Gebrauch. . Wer sich näher mit dieser Materie beschäftigen will, fei nachdrücklich auf eine der besten Schriften verwiesen, welche gegen Chamberlain heraüsgekommen ist und auch bereits kurz in diesen Blättern empfohlen wurde, aus das unlängst im Verlage von C. W. Stein in Wien erschienene Werk von Friedrich Hertz: „Moderne Rassetheorien". In diesem Werke gibt der Verfasser nicht nur eine sehr belehrende Anschauung über den heutigen Stand der überaus widerspruchsvollen, zahlreichen Raffetheorien, sondern vor allem eine eingehende, auf strenger tatsächlicher und wissenschaftlicher Grundlage ruhende Kritik des Chamberlainschen Buches. — Während Hertz mehr vom anthropologischen und soziologischen Standpunkte aus in klarer Beweisführung die zahlreichen Fehler Chamberlains bloßlegt, sucht ein anderer Kritiker, Fritz Wüst, in seiner „Entgegnung auf die Grundlagen des 19. Jahrhunderts von Houston Stewart Chamberlain", welche in zweiter Auflage im Verlage von Strecker und Schröder in Stuttgart erschienen ist, dies von rein empirisch-philosophischen Gesichtspunkten aus. Er sucht vor allem das dekadente und unnatürliche Element in dem Chamberlainschen Werke aufzuzeigen, das er das „klassische Buch der Ungenialität" nennt. Die Beweisführung von Wüst ist bei weitem nicht so klar und überzeugend wie die objektive und tief eindringende Hertzsche Kritik. Sie zeichnet sich zwar durch eine fast naive Ehrlichkeit und Gerechtigkeitsliebe aus, ist aber in vielen Punkten, zumal in der abweisenden Stellung und Auffassung des Verfaffers zur und von Kunst und Kultur, sehr anfechtbar. — Von besonderem Jntereffe für uns ist seine Chamberlain entgegengesetzte Auffaffung vom Judentum und seinen Bekennern. Zwar hält auch er mit Chamberlain die Jude» für eine besondere Raffe, aber für die reinere und überlegenere. Er erklärt den modernen Juden für natürlicher als die modernen Menschen anderer Rassen. Chamberlain sagt, daß den Juden das einsichtstiefe, melancholische Fragezeichen der arischen Hirten, die Frage nach der Schöpfung der Welt, stets fremd geblieben sei. Er wirft ihnen das Fehlen jeder metaphysischen und symbolischen Geistesveranlagung vor. Wüst dagegen betrachtet die Verachtung aller Metaphysik, die Verachtung alles Praktisch-Nutzlosen als ein besonders vornehmes Zeichen des Juden, der alles nutzlose Grübeln und zwecklose Aufstellen von Hypothesen hasse. Er sieht den heutigen Juden als den vorsichtigen Menschen an, der nichts über seine Fähigkeit tue und so geradezu typisch sei. Durch diese ewige Vorsicht habe sich eine große Kraft im jüdischen Volke aufgespeichert, und er sehe noch eine Zeit der jüdischen Genies heraufkommen, deren Vorläufer Heine sein könnte. Bisher wäre der Jude im Grunde nur Diener unserer Kultur gewesen: Arzt, Schauspieler, Künstler, Journalist usw. Nun dürfte er auch Genie werden. Man sieht, es ist in der heutigen wiffenschaftlichen Welt, im Bezirk der Studierlampe wie in der Praxis des alltäglichen Lebens, ein ungeheurer Spielraum für die Auffaffung und Bedeutung des Judentums für die Gegenwart; dies alles aber auch ein Beweis für die absichtliche und unabsichtliche Entfernung und Entfremdung der verschiedenen Volksbestandteile. Wäre diese Gegenwart nicht so verflucht ernst, wir Juden dürften uns eigentlich geschmeichelt fühlen von der Rolle, in welche uns die überaus zahlreichen Gegner sehr übertriebener Weise versetzen. Nach diesen müßte der jüdische Einfluß aus die Gesellschaft, den Staat, die Wiffenschast, ungeheuer sein, während er in Wirklichkeit nur ein sehr geringer und allein im Verhältnis zu dem sehr kleinen jüdischen Anteil an der Bevölkerungszahl als qualitativ bedeutend 'angesehen werden muß. Die ganz besonderen 'Berliner Verhältnisse werden fast stets irrtümlicherweise als Maßstäb für die Beurteilung allgemeiner deutsch-jüdischer Verhältnisse herangezogen. Daß das widerspruchsvolle Chamberlainsche Werk eine so große Verbreitung gewonnen hat, liegt einmal an der hohen Protektion, welche dasselbe gefunden hat, mehr aber noch an der romantisch-chauvinistischen Strömung der leitenden Kreise, welcher es mit seinem überspannten Raffeideal sehr entgegen kommt. Die Ironie der Weltgeschichte aber will es in unseren Tagen, daß gerade diejenigen Völker, welche nach dem Engländer Chamberlain die unverfälschtesten arischen Rassenmerkmale tragen sollen und geradezu als Blutsverwandte in seinem Sinne anzusehen sind, sich mit dem größten Mißtrauen und Uebelwollen gegenüberstehen : Deutsche und Engländer. Allerdings geschieht dies aus rein wirtschaftlichen Gründen, deren Tragweite überhaupt von Chamberlain, wenn auch nicht ganz übersehen, so doch gründlich unterschätzt worden ist. Als eine weitere zeitgemäße Illustration zu dem Chamberlainschen Raffeideal mag arlch hier die Reichstagsrede des freisinnigen Abgeordneten Dr. Ablaß erwähnt werden, welche uns die Blüte Chamberlainscher Rassemenschen in ihrer Eigenschaft als Verbreiter der Kultur und Zivilisation in den afrikanischen Kolonien gezeigt hat. Aber die Zeitgeschichte gibt uns in diesen Monaten, wo unser Blut in Zorn und Wehmut zugleich über das unsagbare Elend und den Jammer, welche durch eine tierisch verrohte, moskowitische Bande und eine im innersten Kerne vermorschte und verfaulte Regierung über unsere osteuropäischen Glaubensgenossen gebracht worden sind, siedet, noch ganz andere Lehren. Vergebens erwarteten wir aus Deutschland einen weithin schallenden Appell, eine öffentliche Brandmarkung der aller Menschlichkeit und Gesittung Hohn sprechenden barbarischen russischen Greuel. Was uns zuteil wurde, war der gleichlautende Spott des Herrn Liebermann von Sonnenberg, der Stöcker und Zimmermann, welche die Parlamentstribüne dadurch entehrten, daß sie angesicht solchen Jammers, angesichts der Schändung von Frauen und Jungfrauen, des Mordes von tausend Kindern und Greisen, die Stirn fanden, gegen die Helfer witzelnd und hetzend aufzutreten. Stumm, eisig stumm blieb der sonst so beredte Mund, der einst Väterchen zuliebe und unseren Antisemiten zur Freude das Schlagwort von „Schnorrern und Verschwörern", von „Mandelstamm und Silberfarb" prägen konnte. Soweit ich in der außerjüdischen, deutschen Presse Umschau hielt, fast überall ein lendenlahmes Bedauern, ein einfaches Registrieren der schauerlichen Ereignisse. Da war kein „Mann" au öffentlicher, weithinwirkender Stelle, der das erlösende, kern- und mannhafte Wort des Protestes für das Recht der schnöde besudelten Menschheitsseele fand, daß es durch ganz Europa schallte und vielstimmigen Widerhall erweckte. Nur in einem Blatte, der in Berlin erscheinenden sozialpädagogischen Halbmonatsschrift „Der Volkserzieher", wußte der Redakteur derselben, Herr Schwaner, mit markigen Worten voll ehrlicher Ueberzeugung und Gerechtigkeit die russischen Greuel treffend zu geißeln. Und ist speziell Schwaner in seiner persönlichen Entwicklung und maßgebendem Einflüsse auf das erwähnte Blatt auch stark durch einen Delitzsch und Chamberlain beeinflußt worden, er weiß und fühlt und sagt es ehrlich heraus, daß eS sich da in Rußland nicht um Judentum und Juden, sondern um die Sache der Menschlichkeit und der ganzen Menschheit handelt. Mehr wie je läßt unS das Verhalten der öffentlichen Meinung Europas empfinden, wie sehr wir