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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1906-03-30 · Heft 13 (30.3.1906) · p. Seite 152

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
70 (1906)
Issue
Heft 13 (30.3.1906)
Date
1906-03-30
Page
Seite 152 (sequence 8)
Language
German
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152 —- Freunden und Freundinnen zarte Aufmerksamkeiten zu erweisen. Schön sagt sein Freunds der schon genannte Dr. Jsler: „Die Treue seiner Freundschaft war unerschütterlich. Er hat nicht so leicht irgendein Band gelöst; den Freunden war er bis an den Tod nahe und knüpfte mit jedem Jahr noch neue Verbindungen. Die Pflichten der Dankbarkeit übte er in seinem ganzen Leben . . . Und doch hatte er bei dem Reichtum an nahen und ferneren Verbindungen wiederum eine ganz geschlossene Existenz. In seine eigenen Verhältnisse ließ er niemand eindringen, außer wenn er es. selbst fürzweckmäßig erachtete. Wie er mit peinlicher Gewissenhaftigkeit sich um die anderen nicht kümmerte, so verlangte er auch, daß man ihn in seinen eigenen Angelegenheiten ungestört lasse. Er war die Offenheit selbst, sobald er sich Mitteilen wollte; den nächsten Freunden hielt er nichts zurück, wenn die Gelegenheit gegeben war, sich auszusprechen. Aber manche kamen ungerufen und boten ihm Beistand an, wo er dessen nicht bedurfte, da war er verschlossen und zurückhaltend. Besonders in den späteren Jahren seines Lebens nahm er diesen Standpunkt mehr und mehr ein — ernste Erfahrungen mochten ihn zu der Notwendigkeit geführt haben . . . Seine ganze Natur war ideal, sie unterschied ihn so sehr von anderen Menschen, als ob ihm Flügel verliehen gewesen, die ihn immer über den Dunstkreis unedler Leidenschaften und selbstsüchtiger Interessen schwebend erhalten hätten. Nur um sie zu bekämpfen, überschaute er, verstand er sie . . . Sein Gespräch war stets erfreulich, geistreich, zuweilen auch witzig, obwohl Witz nicht eine hervortretende Seite seines Geistes war. „Wäre ich witzig", so sagte er einmal, „so brauchte ich nicht halb so grob in meinen Schriften zu sein." Jedoch traf er meist, wie man sagt, den Nagel auf den Kopf." Seine christlichen und israelitischen Freunde errichteten ihm auf dem Hamburger Gottesacker ein Grabdenkmal, das aus einem tempelartigen Bau mit einem Marmorrelief besteht, darstellend eine weibliche Figur mit einem Stern am Haupt, das Gewand öffnend: die-leuchtende, unverhüllte Wahrheit, die die Schlange der Lüge tötet, symbolisierend. Auf der Rückseite des Monuments befindet sich die einfache Inschrift: „Dr. Gabriel Rießer", mit Geburts- und Todestag und -Jahr. Von all den vielen Porträts, die wir von Rießer in Kupferstich und Lithographie besitzen, ist das gelungenste das nach dem Oelbilde seines intimen Freundes Oppenheim, des bekannten Frankfurter Malers, von Ferdinand Lüderitz in Berlin gestochen. Möge das Andenken an den wahrhaft herrlichen Menschen noch lange fortleben, mögen Eltern ihn ihren Kindern als Beispiel aufstellen, wie ein edler Mann gelebt und gestrebt hat, und mögen namentlich seine Ideen der weltumfassenden Humanität unvergänglich fortwirken noch in kommenden Geschlechtern und Jahrhunderten! Lritgemshr Srtrachtungrn. Von Dr. S. Apfel-Barmen. 4 n Nummer 50 dieser Zeitung erschienen einige treffende Be- F inerkungen aus der Feder des Herrn A. Halbert-Breslau über den Ariergrößenwahn. Aus diesen Glossen ging überzeugend hervor, wie widersinnig und engherzig jener jetzt als Weltanschauung in Kurs gebrachte Begriff wirkt, sobald er konsequent auf das Gebiet der Kunst angewandt wird. Das Wesen der Kunst, richtig und rein aufgefaßt, verträgt keinerlei Schranken, auch keine nationaler Natur, so deutlich und selbstverständlich auch nationale Merkmale in dem Kunstwerke enthalten sein mögen und sehr oft als besondere Ingredienz enthalten sein müssen. Der typische Vertreter einer engherzig-nationalen, ja chauvinistischen Begrenzung der Kunst ist Adolf Bartels, der zeitige Schulmeister der deutschen Literatur, der mit einem großen Bakel die Gelände derselben abstreift, am alles, was ihm -- wohlverstanden: ihm — in denselben mit Judentum und jüdischem Einflüsse znsammenzuhängen scheint, auszurotten. Besonders kennzeichnend für diesen ,praeöeptor Germaniae“ ist die Art und Weise, wie er den leider allzu früh verstorbenen begabten Dichter Ludwig Jacobowski anrempelte, der als Jude in seinem kurzen Dasein mehr für deutsche Art und Kunst — ich erinnere an seine prächtige Volksliedersammlung, an seine erfolgreiche Popularisierung der zeitgenössischen Lyrik und an seine eigenen formvollendeten, innigen Dichtungen — wirkte als zehn Kritiker vom Schlage Bartels. Kurz vor seinem Tode noch ließ Jacobowski Herrn Bartels folgende vornehme Abfuhr zuteil werden, welche bezeichnend für die hohe, edle Auffassung Jacobowskis von seinem dichterischen Berufe ist, aber der grobkörnigen Konstitution des Gegners keinen Schaden zufügte. „Unter der Ewigkeit der Gestirne ein Stündlein spazieren gehen, ein Leid zu eigenem Heil fromm verarbeiten, ein bißchen Poesie erleben und, wenn's Gnade ist, auch niederschreiben, seine Kraft in Gelassenheit wachsen lasten und nach bestem Können seiner Nation hingeben . . . es ist wirklich gescheiter und macht innerlicher, als faule Kämpfe mit Gegnern zu bestehen, deren Waffen nicht ganz mensurrein sind. Ob Herr Bartels mich einen Deutschen nennt oder nicht, ist gleichgültig; darüber zu entscheiden, gebe ich niemanden das Recht. Darüber entscheidet allein das Leben, sein Inhalt, seine Taten. An meiner Tür ist ein Sprüchlein Goethes angenagelt. Das sage ich mir so oft her, daß es sich wie von selbst hier einstellt: Hätte Gott mich anders gewollt, So hätt' er mich anders gebaut; Da er mir aber Talent gezollt. Hat er mir viel vertraut. Ich brauch es zur Rechten und Linken. Weiß nicht, was daraus kommt; Wenns nicht mehr frommt, Wird er schon winken." — Wie kein zweiter hat Bartels den an und für sich berechtigten Begriff „Heimatkunst" zu einem hürdenmäßigen, begrenzten Schlagwort zu erniedrigen verstanden. Dabei ist der Herr, solange seine antisemitische Idiosynkrasie nicht im Spiele ist, ein Mann von gutem Geschmack und treffendem Urteil, der sich manches Verdienst erworben hat. Aber dieser schulmeisternde, engherzige, chauvinistische Ton, der wie ein roter Faden das ganze Schaffen Bartels durchzieht, macht letzteren zu einer recht. - unerquicklichen Zeiterscheinung und seinen Einfluß auf die zeitgenössische Literatur zu einem durchaus ungünstigen. Schlimmer und gefährlicher, weil unter der Maske eines großen sittlichen Pathos, eines unerbsttlichen Weltrichters, wirkt der Ariergrößenwahn, der in dem sattsam bekannten, in der Studierstube geborenen Werke Chamberlains „Die Grundlagen des 19. Jahrhunderts" zutage tritt. Mit einer blendenden Sophistik, einem hinreißenden Stil, einer überaus prunkvollen Belesenheit, einem Selbstvertrauen, das sich hinter einer gesuchten Bescheidenheit verbirgt, läßt Chamberlain zugunsten seiner panarischen Raffetheorie sehr oft eine derartige aller Logik Hohn sprechende Willkür in der Deutung geschichtlicher, wissenschaftlicher, politischer, gesellschaftlicher, wirtschaftlicher, religiöser und künstlerischer Tatsachen spielen, daß Wahres und Falsches, Bewiesenes und Unerwiesenes wie in einem wilden Strudel durcheinander gerüttelt werden. Er selbst betont zu mehreren Malen, daß er sich bei diesen überaus schwierigen Fragen mehr auf sein „lebendiges Gefühl" ver-

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