Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 70 (1906)
- Issue
- Heft 13 (30.3.1906)
- Date
- 1906-03-30
- Page
- Seite 150 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Gabriel Rießer war ein überzeugungstreuer Jude, dabei aber auch ein Deutscher voll glühender Begeisterung, und gerade die Liebe zur Freiheit, zur Kultur und zum Menschentum. die ihn beseelte, stempelte ihn zu einem wahren Deutschen. In diesem Sinne sagt er in seiner Flugschrift gegen Paulus: „Daß wir die Freiheit anders ausfassen, daß wir nach Erlangung einer höheren Freiheit auf einem anderen Wege als der ist, den man uns zeigt, mit allen Kräften ringen und streben undbis zum letzten Lebenshauch zu ringen und zu streben entschlossen sind, das ist es. glauben wir, was uns würdig macht. Deutsche zu sein und zu heißen. Der kräftige Klang deutscher Sprache, die Gesänge deutscher Dichter haben in unserer Brust das heilige Feuer der Freiheit entzündet und genährt; der Hauch der Freiheit, der über die deutschen Gaue zog, hat unsere schlummernde Freiheitshoffnung geweckt, und manche frohe Aussicht ist uns schon seitdeni geworden. Wir wollen dem deutschen Vaterlande angehören, wir werden ihm aller Orten angehören. Es kann und darf und mag von uns allen fordern, was es von seinen Bürgern zu fordern berechtigt ist. Willig werden wir ihm alles opsern — nur Glauben und Treue, Wahrheit und Ehre nicht; denn deutsche Helden und deutsche Weise haben uns nicht gelehrt, daß man durch solche Opfer ein Deutscher wird!" Nach der Julirevolution war das konstitutionelle Leben auch in Deutschland erwacht und die Frage der Judenemanzipation beschäftigte auch die Parlamente. Rießer erkannte früh, wie notwendig nun eine Zeitschrift sei, die lediglich jüdischen Interessen gewidmet wäre, die die Völker und Volksvertretungen über die Judenfrage aufklären konnte. So entschloß er sich denn 1832 zur Herausgabe einer Zeitschrift, betitelt: „Der Jude. Periodische Blätter für Religions¬ und Gewissensfreiheit in zwanglosen Abteilungen." Dieses Organ machte es sich zur Hauptaufgabe, die verschiedenen parlamentarischen Verhandlungen zu beleuchten und die grundlosen Einwendungen gegen die bürgerliche Gleichstellung der Israeliten zu widerlegen. Die rastlose und erfolgreiche publizistische Tätigkeit, die Gabriel Rießer entfaltete, lenkte die Aufmerksamkeit der weitesten Kreise, namentlich in Baden, auf ihn, und als er für den badischen Landtag von 1833 eine Denkschrift im Interesse der Judenemanzipation ausarbeitete, wurde allgemein seine ruhige und besonnene Haltung, sein juristischer Scharfsinn und seine charaktervolle Gesinnung bewundert, und Freund und Feind lebten der Ueberzeugnng, daß ein Mann mit einem so weiten politischen Horizont, trotzdem er Jude war, noch im parlamentarischen Leben Deutschlands eine hervorragende Rolle zu spielen berufen sei. Die journalistische Wirksamkeit Rießers ließ ihm aber noch immer Zeit zu selbständigen Politisch-Publizistischen Arbeiten, speziell polemischer Natur. In Bockenheim bei Frankfurt a. M., wohin er sich 1836 zu längerem Aufenthalt begeben hatte, entfaltete er eine rege schriftstellerische Tätigkeit. Besonders bedeutsam waren seine „Jüdischen Briefe", die in den Jahren 1840—42 erschienen. Er verfaßte ferner u. a. die Schriften: „Betrachtungen über die Verhältnisse der jüdischen Untertanen der Preußischen Monarchie", „Besorgnisse und Hoffnungen für die künftige Stellung der Juden in Preußen", „Bemerkungen über die zweite Schrift des Herrn Oberregiernngsrats Streckfuß über das Verhältnis der Juden in den christlichen Staaten", „Einige Worte über Lessings Denkmal an die Israeliten Deutschlands", „Ueber die Verhandlungen der holsteinischen Provinzialstände, den Gesetzentwurf wegen der Rechte der Mosaiten betreffend", „Bemerkungen über den gegenwärtigen Standpunkt der Frage der Emanzipation der Israeliten." Wie den politischen, so trat er auch den literarischen Antisemiten mit Entschiedenheit entgegen; so geißelte er in kürzeren oder längeren Broschüren Gustav Pfitzer, Wölfgai g Menzel u. a. Er legte das Gebahren dieser Literalen, die! die Inden für das „Junge Deutschland" und die Männer, die zu ihm zählten, verantwortlich machen wollten, in sein r ganzen Nichtswürdigkeit dar, die Lügenhaftigkeit und Unredlichkeit der gewerbsmäßigen literarischen Hetzer in scharf ,, Worten brandmarkend. Als im Jahre 1842 in Preußen ein Gesetzentwurf geschmiedet wurde, der „in romantischem Anflug" die Wahrung der Nationalität der Juden sich zum Ziele setzte, erhob er sei ul warnende Stimme gegen dieses Projekt, wobei er das schö w Wort sprach: „Die Ewigkeit des Judentums ist die Ewigkeit der Idee, tic Ewigkeit des Geistes, die Ewigkeit der Ueberzeugungen, über wel>l,e die Stürme der Zeiten und der Völker nichts vermögen. 94s Griechenland, als Rom fiel, da mußten seine Götter mit ihm falle!,, eben weil sie die Götter Griechenlands, Roms waren, weil ihr Ela iz und ihre Herrlichkeit von der seinigen geborgt war und mit d r seinigen zusammen sinken mußte. Und in derselben Verbindung, dur l, welche hier der Untergang ein unvermeidlicher, ein notwendiger war?, sollte dort die Erhaltung, die Unvergänglichkeit gegrünt! sein? Daß dieser Auffassung ein Irrtum zugrunde liegen muß, klar. Wo die Religion dem nationalen Leben untergeordnet od r beigeordnct war, wo sie politischen Zwecken als Mittel diente, uo die Orakel der Priester und Auguren Werkzeuge waren in der Hand der Staatsmänner, Mittel ihrer schlauen Berechnung, da mußte dr Religion eben wegen des engen Zusammenhanges beider dem politischen Dasein in die Gruft folgen. Im jüdischen Leben aber war die Religion, war der Gottesgedanke das herrschende Prinzip, daS nationale, d ■> politische, das irdische Moment war ihm dienstbar und untergeordn!. Das eine hing mit dem anderen zusammen, es ist wahr, aber wie die Seele mit dem Leibe zusammenhängt, die vom Leibe unabhängig!?, ihn beherrschende und überdauernde Seele. Ist cs ernst gemeint, du Staat solle die Mühe für Erhaltung einer ihm fremden Nationalst ii übernehmen? Ein freies, selbständiges fremdes Volkstum würde jeden Staatsmann mit Sorge erfüllen. Eine ausländische Kuriosität d'- gegen, an der Kette liegend oder in Spiritus aufbewahrt, die mag wohl der Gegenstand behaglicher Neugier sein, aber eine solche Rote haben wir eben nicht Lust zu spielen. Wenn Ihn Antiquitäten lieb-, so sammelt Euch dergleichen, mutet uns aber nicht zu, daß wir l i lebendigem Leibe Euch solche zum Ergötzen darstellen." Es konnte nicht ausbleiben, daß Staat und Gesellscha t schließlich das Genie und den Charakter Gabriel Rieße?:- anerkannten. Nach seiner Rückkehr nach Hamburg würfe er hier zum öffentlichen Notar ernannt und im März 18 ' ins Vorparlament zu Frankfurt gewählt. In der Nationa Versammlung selbst erschien er als Vertreter des Herzogtums Lauenburg, wurde in den Berfassungsausschuß und zweinml zum Vizepräsidenten der Versammlung gewählt. Mitglied dr Eagernschen Partei, bildete der hochbegabte und hinreißende Redner bei vielen der wichtigsten Fragen eine Hauptstütze de - selben. Im Parlament kämpfte er für dieselben Ideale, die ih i bisher erfüllt hatten, nämlich für die staatsbürgerliche Gleickberechtigung seiner Glaubensgenoffen. Als Moritz von Moli in der Nationalversammlung ausführte, daß die Juden ein eigener, nichtdeutscher Volksstamm seien, die ihre Nationalste! durch ausschließliche Heirat untereinander zu erhalten suchter. für dieselben Ausnahmegesetze beantragend, kämpfte er m? flammender Entrüstung gegen derartige Verdächtigungen um Verunglimpfungen. Man habe — so führte er u. ä. aus - wirklich fremden, nicht deutsch redenden, aber in Deutschland wohnenden Stämmen Gleichheit und Rechte zugesichert, aber nur den Juden, die Deutsche seien und sein wollten, möchte man sie vorenthalten. Man mache ihnen die Üngemischthem ihres Stammes zum Vorwurf, während der Staat durch scharfe